Konjunktur Deflation oder Inflation?

Die Zeichen für eine Konjunkturwende mehren sich. Aber was folgt? Führt die Niedrigzinspolitik der EZB zu steigenden Preisen? Oder werden die Verbraucher demnächst noch mehr für ihr Geld kaufen können? Experten halten beides für möglich - aber immer schön der Reihe nach.

Hamburg - Wie geht es weiter mit der Konjunktur? Werden sinkende Preise den Konsum bremsen und der Wirtschaft zusätzliche Probleme bereiten? Oder führt die Niedrigzinspolitik der Notenbanken in nächster Zeit zu Geldentwertung, einer Phase stark steigender Preise also? Diese Fragen erregen schon seit längerem die Gemüter, wenn es um volkswirtschaftliche Großwetterlage geht.

Zusätzlichen Zündstoff bekommt die Problematik in diesen Tagen. Denn die Zeichen für eine allmähliche Wende in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten mehren sich. Und Volkswirte wissen: Immer, wenn die Konjunktur wieder anzieht, kommt für die Geldpolitik der entscheidende Moment.

Dann nämlich muss die Liquidität, die in schwachen Zeiten in die Märkte gegeben wurde, um Investitionstätigkeit und Konsumlust zu stimulieren, wieder abgeschöpft werden. Gelingt dies nicht rechtzeitig, so droht, was viele befürchten: Die Geldentwertung.

Deflation oder Inflation also? Drei Nachrichten lenkten heute erneut den Fokus auf dieses Thema. Erstens: Die Europäische Zentralbank (EZB) teilte mit, dass die Kreditvergabe der Banken in den 16 Euro-Ländern im Juni so langsam gewachsen ist wie noch nie. Zugleich fällt das Geldmengenwachstum (M3) im Juni auf 3,5 Prozent (Mai 3,7 Prozent) zurück, teilte die EZB mit.

Meldung zwei: Deutschlands Industrieunternehmen beklagen nach einer Ifo-Umfrage bei privaten Geschäftsbanken und Landesbanken die höchsten Kredithürden. Genossenschaftsbanken und Sparkassen werden dagegen als weniger restriktiv bewertet, wie die Befragung des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, die am Montag in München veröffentlicht wurde, ergab.

Und Drittens: Die Kauflaune der Verbraucher steigt. Laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist der Konsumklimaindex im Juli auf 3,0 Punkte gestiegen; für August werden 3,5 Punkte erwartet. Zudem wachse die Hoffnung auf steigende Einkommen und ein baldiges Ende der Wirtschaftskrise.

Deflation oder Inflation, wohin geht die Reise? Helfen die aktuellen Nachrichten, die Frage zu beantworten? Stichwort Geldmengenwachstum: Ist durch die Zurückhaltung der Banken, das bei der EZB geliehene Geld an die Wirtschaft weiterzureichen, die Inflationsgefahr gebannt?

"Vorerst ja", meint Professor Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Nach seiner Ansicht dominieren zurzeit einerseits der Investitionsattentismus auf Seiten der Unternehmen, andererseits - angesichts der schlechten Geschäftslage vieler Unternehmen - die Zurückhalten der Geschäftsbanken und der Landesbanken bei der Kreditvergabe.

"Vom Timing her eine große Herausforderung"

Aber Vorsicht: Laut Hüther schlummert in der verlängerten Zentralbankbilanz unverändert ein Inflationspotenzial. Und bei anziehender Konjunktur könne es schnell zur Mobilisierung dieses monetären Spielraums kommen. "So liegt die Herausforderung der Notenbank künftig vor allem darin, diese Potenziale konjunkturgerecht einzudämmen", sagt der Experte. "Das ist vom Timing her eine große Herausforderung."

Langfristig, da ist sich Hüther daher sicher, dominiert aus heutiger Sicht das Inflationsrisiko. "Die Konjunkturlage stabilisiert sich seit dem Ende des ersten Quartals zunehmend", sagt er. "Auch wenn die konjunkturelle Erholung wegen der Bilanz- und Ertragsprobleme der Kreditinstitute eher mühsam verlaufen wird, liegt doch das Risiko auf der Inflationsseite."

Die Entwicklungen an der Börse und bei den Rohstoffpreisen deuten nach Ansicht des Fachmanns ebenfalls in diese Richtung. "Das Deflationsrisiko als Folge einer nachhaltigen Schrumpfung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, Produktion und Beschäftigung halte ich angesichts der angelaufenen Korrektur der Rezession sowie der massiven Konjunkturprogramme für gering", sagt Hüther.

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), geht ein Stück weiter. Das "beherrschende Thema" in diesem und im kommenden Jahr werde die Deflation sein, meint er. Nach seiner Einschätzung ist erst "ab Mitte 2011 mit einem Anstieg der Teuerungsrate" zu rechnen.

In den zwei Jahren bis dahin gebe es noch viele Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. "Bis Nahrungsmittelpreise oder die Preise für Kleidung so stark steigen, dass die Mensche ihren Konsum einschränken, das dauert viel länger als wir uns heute vorstellen können", sagt Straubhaar.

Deshalb stütze er auch noch den geldpolitischen Kurs der EZB. Auf mittlere Sicht aber werde sich die Inflation bemerkbar machen. Dann liege es an der Europäischen Zentralbank, "sehr schnell und früher als es politisch opportun erscheint" die Liquidität wieder abzuschöpfen und die Zinsen wieder anzuheben. Die Währungshüter dürften nicht damit warten, bis sich der Arbeitsmarkt wieder erholt habe.

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