Indexzahlen Neues aus dem Konjunkturdschungel

Die Geldmenge steigt nur noch langsam, die Banken leihen Unternehmen immer weniger, die Importpreise kollabieren. Experten fragen sich nun, ob die Leitzinsen sinken sollten. Denn dauerhaft sinkende Preise erstickten die zarten Aufschwungsignale womöglich.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Die Bundesregierung ist optimistisch: Deutschland stehe vor der Konjunkturwende. Man könne zwar nicht ausschließen, dass die Bundesbürger derzeit nur eine wirtschaftliche Wellenbewegung erlebten, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. "Aber wir haben zumindest die Entwicklung des freien Falls hinter uns. Die abrupte Abwärtsbewegung ist zum Abschluss gekommen", sagte Wilhelm.

Und tatsächlich scheinen die ersten Konjunkturdaten die Meinung der Berliner Regierung zu stützen. "Egal, ob man die Daten des Ifo-Konjunkturindex heranzieht, die zuletzt veröffentlichten Auftragsdaten der deutschen Industrie oder zum Welthandel: Sie alle deuten eine Verbesserung an", sagt Roland Döhrn zu manager-magazin.de, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Heute folgten weitere Berichte, die Hoffnung auf die Wirtschaftswende in der Bundesrepublik geschürt haben. "Der Konsum ist derzeit die stabilisierende Größe für die deutsche Wirtschaft", sagte Rolf Bürkl, Konsumexperte der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Denn die hiesigen Verbraucher seien derzeit bereit, mehr Geld als zuletzt auszugeben. Der entsprechende Konsumindex der Nürnberger Wirtschaftsforscher werde im August auf 3,5 steigen.

Im Juli hatte dieser GfK-Indikator noch bei revidierten 3,0 (zunächst 2,9) Punkten gelegen. Das sei ein Wert, der für die derzeitige Wirtschaftskrise vergleichsweise gut ausfalle, auch wenn der Index im historischen Vergleich auf recht niedrigem Niveau rangiere, sagten die Forscher.

Der wesentliche Stützpfeiler für die stabile Konsumstimmung sei das gute Preisklima. Denn die Bundesbürger könnten mit ihrem Geld derzeit vergleichsweise viele Waren günstig kaufen: Die Preise für Einfuhren nach Deutschland sind im Juni so stark gefallen wie seit mehr als 22 Jahren nicht. Der Index der Einfuhrpreise lag um 11,3 Prozent unter dem Vorjahresstand, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag mitteilte. Dies war der höchste Rückgang gegenüber einem Vorjahresmonat seit Februar 1987 (minus 12,6 Prozent).

Doch die Preissenkungen haben auch ihre Schattenseite. Wenn die Preise über einen längeren Zeitraum zurückgehen, kann solch ein Abwärtssog genau die Konsumlust dämpfen, die derzeit mit für die Konjunkturstabilisierung sorgt. Und spätestens wenn die Bundesbürger beispielsweise den eigentlich geplanten Kauf eines Fernsehers verschieben, weil sie damit rechnen, ihn in einigen Wochen noch billiger zu bekommen, sprechen Experten von solch einer gefährlichen Deflation. Und kurzfristig zumindest sind die Wirtschaftsforscher alarmiert.

Preissenkungen haben ihre Schattenseite

Von Reuters befragte 33 Analysten sagen für diesen Monat einen Rückgang der Verbraucherpreise von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat voraus. "Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten wahrscheinlich Phasen haben, in denen die gemessene Preisentwicklung nach unten zeigt", sagt auch RWI-Experte Döhrn zu manager-magazin.de.

Allein die statistischen Effekte wögen schwer, die etwa das günstigere Öl bringe: Ein Barrel (159 Liter) Leichtöl der Nordseesorte Brent etwa kostet mit rund 70 Dollar derzeit fast 60 Dollar weniger als vor einem Jahr. Und diese Preisreduzierung mache sich auch in der Preisberechnung der Statistiker bemerkbar.

Ähnlich sieht es Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), im Gespräch mit manager-magazin.de: Das "beherrschende Thema" in diesem und im kommenden Jahr werde die Deflation sein. Nach seiner Einschätzung sei erst "ab Mitte 2011 mit einem Anstieg der Teuerungsrate" zu rechnen. In den zwei Jahren bis dahin gebe es noch viele Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. "Bis Nahrungsmittelpreise oder die Preise für Kleidung so stark steigen, dass die Mensche ihren Konsum einschränken, das dauert viel länger als wir uns heute vorstellen können", sagt Straubhaar.

Auf mittlere Sicht aber gibt Döhrn Entwarnung: "Ich glaube nicht, dass die Verbraucher hierzulande tatsächlich auf eine längere Phase fallender Preise spekulieren." Entsprechend auch seine Erwartung für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank: "Weitere Zinssenkungen zur Konjunkturstimulierung und zur Deflationsabwehr erwarte ich derzeit nicht."

Ohnehin hatten die Zinssenkungen der Vergangenheit nur bedingt stimulierende Wirkung. Das liegt nach Expertenmeinung auch daran, dass viel von dem günstigen Geld, das Banken bei der Europäischen Zentralbank leihen können, trotz Kritik aus Politik und Industrie bei den Geldinstituten steckenbleibt und nicht seinen Weg in die Wirtschaft findet.

Aktuelle Zahlen belegen das. Die Kredite an Unternehmen in den 16 Euro-Ländern sind im Juni wegen der Rezession geschrumpft. Die Darlehen an Firmen außerhalb des Finanzsektors sanken um 35 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Montag mitteilte. Das war der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik 2003.

Besonders stark halten sich bei der Kreditvergabe zurzeit Privat- und Landesbanken zurück. Eine am Montag veröffentlichte Befragung des Münchener Ifo-Instituts unter rund 1000 Betrieben aus dem verarbeitenden Gewerbe ergab, dass unter den Kunden von Landesbanken 46 Prozent über eine restriktive Kreditvergabe klagten. Unter den Betrieben mit einer privaten Geschäftsbank als Hausbank bemängelten 45 Prozent hohe Hürden bei der Kreditvergabebereitschaft ihrer Institute. Ob die endgültige Konjunkturwende dann auch tatsächlich erreicht ist, gilt unter Wirtschaftsforschern noch nicht als ausgemacht.

Mit Material der Nachrichtenagenturen

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