Ratingagenturen Die Schlacht ist eröffnet

Der Pensionsfonds Calpers verklagt die drei großen Ratingagenturen Moody's, Fitch und S&P auf über eine Milliarde Dollar Schadensersatz. Ein Paukenschlag - mit möglicherweise weitreichendem Nachhall.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sonne, Surfen und Schwarzenegger, vielleicht noch etwas Hollywood, das sind die Dinge, die man normalerweise mit dem US-Staat Kalifornien verbindet. Seit dem 9. Juli 2009 ist das anders. Denn an eben jenem 9. Juli reichte der Pensionsfonds Calpers eine Klage unter anderem gegen die Ratingagenturen Moody's, Fitch und Standard & Poor's beim "Superior Court of California" ein. Der Fonds will Schadensersatz in Milliardenhöhe. Mindestens.

Eine Milliarde, was war geschehen? Calpers ist der größte Pensionsfonds Amerikas. Für seine Kunden, gut 1,6 Millionen öffentliche Angestellte aus Kalifornien, legt er weltweit Geld an. 2006 investierte der Fonds auch Geld in Sonderanlagevehikel Special Investment Vehicles (SIV). Genauer, in Papiere der Sondergesellschaften, Cheyne Finance, Stanfield Victoria Funding und Sigma Finance. 1,3 Milliarden Dollar flossen aus Kalifornien. In diesen Papieren steckten, so die Klage, die manager-magazin.de vorliegt, auch hypothekarisch besicherte Anleihen, kurz MBS. Von den Ratingagenturen wurden die SIV mit der Bestnote beurteilt.

Genau darauf verließ sich der kalifornische Großanleger. "Kein Maßstab an Sorgfalt hätte Calpers aktuelles Wissen über ( ... ) das verschaffen können, was die SIVs aktuell enthielten", so heißt es in der Klageschrift. Der Papierschein der guten Noten trog tatsächlich. Im April 2007 implodierte Stanfield, im Sommer folgte Cheyne und im Januar des Folgejahrs Sigma. Am Ende hatte Calpers "Hunderte Millionen Dollar" verloren, so die Klageschrift, vielleicht mehr als eine Milliarde. Geld, das der Fonds nun wiederhaben will. Und nicht nur das. Auch andere "Entlastungen", die das Gericht für angemessen halten mag, werden beantragt. Calpers selbst überließ manager-magazin.de zwar die Klageschrift, wollte sich aber darüber hinaus nicht zum Fall äußern. Offenbar soll vor den Schranken des Gerichts gesprochen werden, nicht in den Medien. Zumindest in diesem Punkt scheint man sich bei den Ratingagenturen mit Calpers einig zu sein. Auch S&P und Fitch schweigen trotz Anfrage. Moody's antwortet immerhin, wenn auch etwas schmallippig: "Wir glauben, dass wir starke Verteidigungsmittel gegen alle Vorwürfe haben, einschließlich der Calpers-Klage. Und wir werden darauf drängen, die Beschwerde zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu entkräften", sagte ein Sprecher.

Vorwürfe neben denen von Calpers? In der Tat ist die Kritik, die Calpers in der Klageschrift formuliert, alt. "Die Problematik besteht nicht erst seit der Finanzmarktkrise, sondern seit Gründung der Ratingagenturen", sagt der Vermögensverwalter Markus Zschaber. Denn die Agenturen werden von den Unternehmen bezahlt, die das Rating dann nutzen. Und manch ein Experte weist deren Urteilen genau deswegen auch nur verminderte Aussagekraft zu.

Der angeschossene Bär

"Es wundert mich, dass sich ein institutioneller Investor auf diese Bewertungen verlässt beziehungsweise diese überhaupt in den Investmentprozess involviert", sagt Zschaber. "Gerade die Problematik der hypothekarbesicherten Subprimebonds hätte zumindest für eine Warnung in den Risikomodellen von Calpers sorgen müssen, denn viele Kranke ergeben zusammen nun einmal noch keinen Gesunden."

Da passt es ins Bild, dass Calpers' wirtschaftliche Strahlkraft in den vergangenen Jahren an Glanz verlor. Verwaltete der Fonds Ende 2007 noch 250 Milliarden Dollar, waren es Ende 2008 noch 183 Milliarden. Allein mit dem Liegenschaftsinvestments Landscource hat der Fonds 2008 rund 900 Millionen Dollar gefährdet. Kommentar Calpers: "Landscource ist eines von Tausenden Investments von uns und repräsentiert keine große Portion des Gesamtfonds." Dazu passt auch, dass der Fonds inzwischen verstärkt auf sein soziales Profil achtet. In ihrem ersten Interview vier Wochen nach ihrem Amtsantritt im Dezember 2008 als neue Lenkerin von Calpers sagte Anne Stausbol: "Calpers wird eine Führungsperson sein, die versucht, Reformen in den USA als auch global durchzusetzen, um Vertrauen und volle Transparenz wiederherzustelllen."

Große Visionen und hohe Verluste, Calpers wirkt in diesem Licht ein bisschen wie ein angeschossener Bär - groß, mächtig und zornig. Das nimmt der Klage nicht ihre Brisanz, es verstärkt sie eher.

Dennoch handelt Calpers nicht blindwütig, sondern offenbar sehr gezielt. "Die Klage wurde beim einzelstaatlichen Gericht und nicht beim als objektiver geltenden Bundesgericht eingereicht", erklärt Clemens Kochinke, Anwalt der Kanzlei Berliner, Corcoran & Rowe aus Washington. "Geschworene des bankrotten Staates Kalifornien werden die Subsumtion von Fakten und Recht vornehmen, wenn Calpers die Klage bis ins letzte Prozessstadium am Leben und vor diesem Gericht halten kann. Pauschal sind Geschworene fremdenfeindlich. Also würden sie aufmerksamer den Argumenten der heimischen Wirtschaft zuhören." Und weiter: "Zudem laufen die Verteidigungsargumente der Beklagten aufs Esoterische hinaus. Wird die Jury verstehen können, dass die Ratingunternehmen nur Meinungen kundtun, und dass ihre Auffassungen unter dem Schutz eines der höchsten Verfassungsprinzipien der USA, dem 'First Amendment', stehen? Diesem Grundsatz wird in Kalifornien besonderer Schutz eingeräumt, sodass die Jury ihn wahrnehmen wird."

Ein fragwürdiges Modell?

Aber "hier geht es um Geld, das der Einzelstaat nicht mehr hat und dringend braucht. Der Fall trifft die eigene Tasche - wenn nicht der Geschworenen selbst, dann doch die Verwandter und Bekannter im öffentlichen Dienst. Die Jury könnte also durchaus einen Geschworenenspruch gegen die Ratingunternehmen gewähren."

In der Tat ist die Lage komplex. Denn es geht Calpers nicht nur darum, dass die Urteile der Agenturen im Fall der drei SIV schlicht falsch wären. Sie seien "wild unakkurat" sowie "unbegründet hoch". Das Unternehmen zerrt vielmehr das ganze Geschäftsmodell der Ratingagenturen vor die Schranken des Gerichts. Denn die würden sich inzwischen auch an der Strukturierung der Papiere von SIV beteiligen. "Strukturierte Finanzprodukte sind lukrativ", heißt es lapidar in der Klage. Und weiter wird Professor Charles Calomiris von der Columbia Universität zitiert, der sinngemäß sagt, es handle sich dabei inzwischen um ein Geschäft des Finanzingenieurstums.

Kommentar Moody's: "Moody's Politik ist sehr klar dahingehend, auch wenn wir uns zu potenziellen Kreditimplikationen struktureller Elemente eines Papiers äußern können, dass wir nicht an dem Design, der Strukturierung oder dem Marketing von Securities gleich welchen Typs beteiligt sind - das ist die Rolle des Underwriters (Erklärung der Redaktion: Institute, die sich zum Beispiel bei einer Emission bereit erklären, ein Teil davon selbst zu übernehmen). Unsere Rolle am Markt besteht einfach darin, begründete und vorwärtsblickende Meinungen zu Kreditrisiken anzubieten. Die Methodik unserer Ratings ist auf unserer Website festgehalten und für jeden zugänglich. Es ist nichts in der Calpers-Klage, dass den Schluss nahelegt, dass die Moody's-Politik in diesem Fall nicht befolgt wurde."

Bei der zu erwartenden Gegenwehr nimmt es nicht weiter wunder, dass manch einer abwinkt. "Calpers scheint mir ein weiterer Fall von Prozesswut in den USA zu sein. Der Pensionsfonds hat sich offensichtlich leichtsinnig auf Informationen verlassen, die nie eine 100-prozentige Garantie auf Fehlerfreiheit beinhalteten", sagt zum Beispiel John Carey, selbst erfahrener Aktienanleger und Manager des Pioneer-Fonds - U.S. Pioneer Fund. "Nun suchen sie einen Schuldigen, um Teile ihrer Verluste wieder gutzumachen. Ob sie damit Erfolg haben werden, halte ich für fraglich." Andere schweigen, wollen den Fall nicht kommentieren.

Weitere Großinvestoren halten sich bedeckt. Deka, Schroders, Fidelity, sie wollen nicht zitiert werden. Wiewohl auch bei ihnen davon auszugehen ist, dass sie Ratings genutzt haben. Beobachten wird man die Entwicklung des Prozesses aus ihren Stahl-und-Chromtürmen gewiss. "Sollte Calpers recht bekommen, werden Klagewellen aus der gesamten Bankenlandschaft die Folge sein, denn das würde bedeuten, dass die Schuld für die massiven Vermögensverluste zumindest teilweise verlagert werden kann, und die Banken den Reputationsverlust, trotz ihres markanten Missmanagement, begrenzen könnten", vermutet Zschaber.

Eine Prinzipienfrage

"Sicherlich würden sich viele Kläger finden, die denselben Weg einschlagen, wenn Calpers gewinnen sollte", so US-Anwalt Kochinke. "Die Nachahmung im Erfolgsfalle ist so sicher wie das Amen in der Kirche - das sieht man laufend bei Sammelklagen, auch den gegen deutsche Unternehmen gerichteten. Doch ein Sieg von Calpers ist völlig ungewiss."

Entsprechend sollten sich deutsche Anleger "keine großen Hoffnungen machen", sagt der Düsseldorfer Anwalt Jens Graf. "Nur unter engen Voraussetzungen könnte der Otto Normalanleger sich juristisch gegen eine Ratingagentur durchsetzen."

Calpers zumindest könnte aber so oder so gewinnen. "Der Schuss vor den Bug steht bereits fest. Wenn Calpers verliert, steigen die Aussichten, dass sich gleichartig Betroffene zusammenrotten, um vom Kongress gesetzliche Abhilfe zu fordern", so Kochinke. Und sollte Calpers gewinnen, hätte das Unternehmen sein Ziel sowieso erreicht. Sonnige Aussichten also - das passt zu Kalifornien.

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