Freitag, 13. Dezember 2019

"Mein Jahr unter Spekulanten" "George macht keine Anlageberatung"

3. Teil: "George ist noch auf dem Weg"

Als ich am nächsten Morgen in mein kleines Büro zurückkam, blinkte ein rotes Lichtlein an meinem Telefon. Warme Stimme. Michael. Hi, Heiki. George hätte nächste Woche fünfundvierzig Minuten, ich nehme an, Sie wollen lieber telefonieren, als extra nach New York zu kommen?

Tabuthema Gold: Großinvestor Soros wird sehr kühl, wenn er im Privatleben um Anlagetipps gebeten wird
Zwei Tage später buchte ich den teuersten Flug meines Lebens. Im Flugzeug schrieb ich mir etwa zweihundert Fragen auf. In allen Fernsehinterviews, in denen ich George gesehen hatte, hatte er immer sehr präzise geantwortet, und ich wollte nicht, dass uns in unserer kostbaren Dreiviertelstunde der Gesprächsstoff ausging.

Ich würde mit ein paar sehr konkreten Fragen zu seiner Rückkehr ins aktive Fondsmanagement beginnen und dann, um ihn aufzuwärmen, etwa zehn Minuten über die Reflexivität sprechen. Ihn fragen, ob er mein Gefühl teile, dass sie auch außerhalb der Finanzmärkte wirkte, und ob ich richtig lag mit der These, dass es, wenn man den ganzen Quatsch, all die Zahlen und Nachrichten und Kursverläufe, beiseite ließ, beim Spekulieren eigentlich nur um eines ging: die Welt, so wie sie ist, nicht für bare Münze zu nehmen.

Dann würden wir über sein Leben plaudern und die Zukunft der Welt. Und ganz am Ende, wenn George die Seelenverwandtschaft zwischen uns auch spürte, würde ich das Tabu berühren. Und ihn um einen kleinen Anlagetipp bitten. Gold oder kein Gold? Das war die große Frage.

Es war ein Dienstag, als ich schließlich die Lobby eines Wolkenkratzers südlich des Central Park betrat, etwas wacklig in den Knien bei der Vorstellung, in ein paar Minuten dem Jahrhundertmann zu begegnen. Der Aufzug trug mich in eines der oberen Stockwerke, ich weiß nicht mehr welches, irgendwer anders hatte den Schalter gedrückt, und dann war ich im Himmel. Er war zweistöckig, eine Art Townhouse, und an der Rezeption saßen ein Junge und ein Mädchen, die ganz normal aussahen, vor einer Stahlwand, auf der in ausgestanzten Lettern nur ein Wort stand: Soros. Nichts weiter.

Aminah, seine Assistentin, nahm mir den Mantel ab und sah mich fürsorglich wie eine Krankenschwester an, die gleich den Puls fühlen wird. Auf dem kleinen Kaffeetisch lagen das "Wall Street Journal" und zwei Ausgaben der "Financial Times", wir lesen dieselben Zeitungen, stellte ich zufrieden fest, ein gutes Omen. Dann kam Michael, der es schaffte, mich ohne ein Lächeln zu begrüßen. Er würde am Gespräch als Aufpasser teilnehmen.

Er führte mich in ein Konferenzzimmer, dessen Fensterfront über zwei Seiten reichte, Aussicht über den Central Park, natürlich, der Million-Dollar-Blick, der um diese Jahreszeit sein Geld nicht wert war: Quadratkilometer graubraunes Gehölz. Als mein Schwindel sich gelegt hatte, fiel mir auf, dass die Möbel allesamt aus den siebziger Jahren stammten, beige Ledersessel, ein hölzerner Konferenztisch, eine Spiegelkommode mit Rauchglas. Schöne Möbel, aber alt.

Ich überlegte, ob Amerikas Milliardäre einen Wettbewerb austrugen, wer sparsamer sei. Thrift is good. Buffett lebte ja auch noch in Omaha in seinem Haus aus den fünfziger Jahren. Als wollten sie den Amerikanern sogar beim Geldausgeben ihre Überlegenheit demonstrieren, die Werte, auf die es ankommt, Bescheidenheit, Disziplin. Aminah brachte Kaffee in einem Pappbecher. "George ist noch auf dem Weg", sagte sie und ließ mich allein in meinem Wolkenzimmer. Ich betastete einen Plexiglasquader, auf dem ein rostiges Metallstück befestigt war. In den Sockel war etwas in kyrillischer Schrift eingraviert, ich entzifferte "SS-20", wahrscheinlich hatten wir St. George auch die Abrüstung zu verdanken. Ich hinterließ verschwitzte Fingerabdrücke, aber bevor ich mich fragen konnte, was ich eigentlich hier tat, hörte ich Stimmen, Schritte, Gemurmel. (...)

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