Freitag, 19. Juli 2019

"Mein Jahr unter Spekulanten" "George macht keine Anlageberatung"

2. Teil: Wie ein verliebter Teenager

Das ganze Jahr über hatte ich wie ein verliebter Teenager alles über ihn gelesen, ich hatte mich in seine Biografie vertieft und in die Autobiografie seines Vaters, des Esperanto-Anhängers. Ich kannte die Namen seiner Kinder, seiner beiden Ehefrauen, ich hatte eine Vorstellung von El Mirador, seinem Anwesen auf Long Island, und ich wusste, wie die Donauinsel hieß, auf der er als Kind seine Sommer verbracht hatte (Lupa).

Bis vor kurzem waren der Journalistin Heike Faller Themen wie Aktienkurse, Vermögensbildung und Altersvorsorge entweder ein Rätsel oder schlicht egal, aber Anfang 2008 wollte sie es wissen. Sie ging unter Investoren und Spekulanten, mit dem Ziel, innerhalb eines Jahres 10.000 Euro zu verdoppeln. Dass eine Krise in der Luft lag, schreckte sie nicht, denn in jeder Krise liegt eine Chance, besonders für Investoren. Dann kam der Crash ...

Heike Faller: "Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten"; Deutsche Verlags-Anstalt, Juni 2009, 240 Seiten, 19,95 Euro. Buch bestellen

Sein Vater war ein Überlebenskünstler gewesen, der seine Familie mit falschen Papieren vor den Nazis geschützt hatte, seine Mutter nur halb glücklich mit ihrem Mann, der selbst die Okkupation für eine Affäre nutzte, weshalb sie sich offenbar ein bisschen zu sehr auf den jungen György gestürzt hatte. Ich wusste mehr über ihn, und das ist keine Übertreibung, als ich je über einen meiner Großväter gewusst habe, und es gab keinen Menschen auf der Welt, den ich lieber kennengelernt hätte als ihn: Soros. Scho-rosch. Sarush. Ihm in die Augen zu schauen, dachte ich, das wäre, als würde man dem 20. Jahrhundert ins Gesicht sehen. (...)

Wenn man versucht, einen Termin bei George Soros zu bekommen, landet man in einem Büro irgendwo in New York. Ein PR-Mann namens Michael nahm ab und versprach, mich zurückzurufen. Eine Stimme, schneidend wie ein Sägeblatt. Wochen später fragte ich stotternd nach, ob mein Fax, meine E-Mail, meine Nachricht vielleicht verloren gegangen sein könnten, woraufhin er ins Telefon bellte, er würde mich zurückrufen, und das Spiel begann von vorn. Oh, it's you, sagte er, als ich wieder einmal anrief, ich habe nur abgenommen, weil ich dachte, es sei jemand anderes. Dann legte er auf. Im Dezember bekam ich drei Minuten, um mein Anliegen vorzutragen.

Eine Kleinanlegerin, die sich in den Weltmärkten verirrt hat? George macht keine Anlageberatung. Ich korrigierte mich, sagte, dass ich ausführlich mit ihm über sein Lebensthema sprechen wolle, ein großes Interview für meine Zeitung über die Reflexivität!

Vielleicht könnte George für ein europäisches Publikum über das Schicksal der Roma reden, murmelte Michael feindselig. Sehr gut, sagte ich, und notierte "Sinti & Roma" in meinem Block. Melden Sie sich Anfang Januar.

Anfang Januar hieß es, man sei mit dem Wirtschaftsforum in Davos beschäftigt, can't you see? Ich entschuldigte mich abermals.

Ein Kollege, der in den achtziger Jahren mit Cash von Soros durch den Ostblock gereist war, bot an, an meiner Stelle mit ihm zu sprechen. Über alles außer Gold. Tabu. Soros sei bekannt dafür, sehr kühl zu werden, wenn er im Privatleben um Anlagetipps gebeten wird. Gäste auf Mirador waren nie wieder Gäste auf Mirador, wenn sie zu plump dieses Thema anschnitten.

Ende Februar verlor ich erstmals die Nerven. Ich legte mich mit Michaels Assistenten Edward an, weil er sich weigerte, mir zu sagen, ob ein Treffen überhaupt realistisch sei. Ob George, der sein Leben lang für die offene Gesellschaft gekämpft hat, wusste, dass er von einer Festung umgeben war? Am selben Abend formulierte ich eine enttäuschte Mail an wen-auch-immer, über die ich, alte Regel, eine Nacht schlief.

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