Mittwoch, 18. September 2019

Kreditvergabe "Banken selbst den Hahn absperren"

Die Kreditvergabepraxis der Banken erzürnt Politiker und Unternehmen. Auch Bankenexperte Wolfgang Gerke fordert die Institute auf, die günstigen Zinsen an die Wirtschaft weiterzugeben. "Die Gefahr einer Kreditklemme ist groß", warnt er. Doch anstatt die Institute mit Auflagen für "Zwangskredite" zu überziehen, hat der Experte eine andere Idee.

mm.de: Herr Gerke, die Banken werden wegen ihrer schleppenden Kreditvergabe zur Zielscheibe der Kritik von Politik und Wirtschaft. Zugespitzt lautet der Vorwurf: Die Institute ließen die Unternehmen am langen Arm verhungern und sanierten lieber ihre eigenen Bilanzen. Was davon ist wahr, was politisches Sommertheater?

Der raffgierige Banker: In der aufgeheizten Diskussion um die schlechte Kreditvergabepraxis der Banken ist dieses Zerrbild schnell bei der Hand. Bankenexperte Wolfgang Gerke teilt die Kritik aus Politik und Wirtschaft, warnt allderdings vor einer pauschalen Verurteilung einer ganzen Branche.
Corbis
Der raffgierige Banker: In der aufgeheizten Diskussion um die schlechte Kreditvergabepraxis der Banken ist dieses Zerrbild schnell bei der Hand. Bankenexperte Wolfgang Gerke teilt die Kritik aus Politik und Wirtschaft, warnt allderdings vor einer pauschalen Verurteilung einer ganzen Branche.
Gerke: Ich halte die Vorwürfe im Kern für berechtigt. Die Banken nutzen das billige Geld, das sie bekommen, um es möglichst sicher anzulegen, und die Zinsdifferenz streichen die Institute ein. Statt die Wirtschaft ausreichend mit Kredit zu angemessenen Konditionen zu versorgen, schrauben sie die Kreditzinsen für die Firmen in die Höhe oder verweigern ihnen sogar das Darlehen.

Bei Verbraucherkrediten sieht es übrigens nicht viel anders aus. Trotz des derzeit niedrigen Leitzinses beobachten wir Zinsen für Ratenkredite von bis zu 16 Prozent und mehr. Da entsteht eine gewaltige Marge für die Kreditinstitute bei einem vergleichsweise gut kalkulierbaren Risiko.

mm.de: Sehen Sie die Gefahr einer Kreditklemme?

Gerke: Die Gefahr einer Kreditklemme in Deutschland ist groß. Das lässt sich an einigen Branchen ja bereits ablesen. Man sollte an dieser Stelle allerdings den Begriff Kreditklemme genauer definieren. Ich verstehe darunter, dass Firmen nicht den risikogerechten Zins oder den risikogerechten Kredit erhalten. Ich würde es aber nicht als ein Zeichen einer Kreditklemme interpretieren, wenn Unternehmen wegen ihrer verschlechterten Bonität in der Krise nun ein Darlehen versagt wird.

mm.de: Die Wirtschaft klagt, Banken verlangten immer größere Sicherheiten, sie forderten überzogene Zinsen und die Kreditvergabe werde immer bürokratischer. So müssten Kredit nachfragende Firmen mittlerweile eine Drei-Jahresprognose vorlegen. Da ist auch von Schikane die Rede. Können Sie das nachempfinden?

Gerke: Das Wort Schikane würde ich nicht verwenden. Zum einen ist es durchaus verständlich, dass die Banken Risiken jetzt vorsichtiger eingehen als in der Vergangenheit. Man muss wie gesagt fairerweise auch erwähnen, dass einige Unternehmen als Kreditnehmer in der Krise eben eine schlechtere Bonität aufweisen als noch vor zwei Jahren. Zum anderen ist es aber unverständlich, dass sich die Institute ihrer Aufgabenstellung, für die sie ja das billige Geld beziehen, doch immer wieder verweigern. Sollte sich diese Praxis nicht bald ändern, muss man hier gegensteuern.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung