Kreditvergabe "Banken selbst den Hahn absperren"

Die Kreditvergabepraxis der Banken erzürnt Politiker und Unternehmen. Auch Bankenexperte Wolfgang Gerke fordert die Institute auf, die günstigen Zinsen an die Wirtschaft weiterzugeben. "Die Gefahr einer Kreditklemme ist groß", warnt er. Doch anstatt die Institute mit Auflagen für "Zwangskredite" zu überziehen, hat der Experte eine andere Idee.

mm.de: Herr Gerke, die Banken werden wegen ihrer schleppenden Kreditvergabe zur Zielscheibe der Kritik von Politik und Wirtschaft. Zugespitzt lautet der Vorwurf: Die Institute ließen die Unternehmen am langen Arm verhungern und sanierten lieber ihre eigenen Bilanzen. Was davon ist wahr, was politisches Sommertheater?

Gerke: Ich halte die Vorwürfe im Kern für berechtigt. Die Banken nutzen das billige Geld, das sie bekommen, um es möglichst sicher anzulegen, und die Zinsdifferenz streichen die Institute ein. Statt die Wirtschaft ausreichend mit Kredit zu angemessenen Konditionen zu versorgen, schrauben sie die Kreditzinsen für die Firmen in die Höhe oder verweigern ihnen sogar das Darlehen.

Bei Verbraucherkrediten sieht es übrigens nicht viel anders aus. Trotz des derzeit niedrigen Leitzinses beobachten wir Zinsen für Ratenkredite von bis zu 16 Prozent und mehr. Da entsteht eine gewaltige Marge für die Kreditinstitute bei einem vergleichsweise gut kalkulierbaren Risiko.

mm.de: Sehen Sie die Gefahr einer Kreditklemme?

Gerke: Die Gefahr einer Kreditklemme in Deutschland ist groß. Das lässt sich an einigen Branchen ja bereits ablesen. Man sollte an dieser Stelle allerdings den Begriff Kreditklemme genauer definieren. Ich verstehe darunter, dass Firmen nicht den risikogerechten Zins oder den risikogerechten Kredit erhalten. Ich würde es aber nicht als ein Zeichen einer Kreditklemme interpretieren, wenn Unternehmen wegen ihrer verschlechterten Bonität in der Krise nun ein Darlehen versagt wird.

mm.de: Die Wirtschaft klagt, Banken verlangten immer größere Sicherheiten, sie forderten überzogene Zinsen und die Kreditvergabe werde immer bürokratischer. So müssten Kredit nachfragende Firmen mittlerweile eine Drei-Jahresprognose vorlegen. Da ist auch von Schikane die Rede. Können Sie das nachempfinden?

Gerke: Das Wort Schikane würde ich nicht verwenden. Zum einen ist es durchaus verständlich, dass die Banken Risiken jetzt vorsichtiger eingehen als in der Vergangenheit. Man muss wie gesagt fairerweise auch erwähnen, dass einige Unternehmen als Kreditnehmer in der Krise eben eine schlechtere Bonität aufweisen als noch vor zwei Jahren. Zum anderen ist es aber unverständlich, dass sich die Institute ihrer Aufgabenstellung, für die sie ja das billige Geld beziehen, doch immer wieder verweigern. Sollte sich diese Praxis nicht bald ändern, muss man hier gegensteuern.

"Dann schleusen wir das Geld an euch vorbei"

mm.de: Sie sehen die Institute angesichts ihrer derzeit sehr günstigen Refinanzierungsmöglichkeiten also auch in der Pflicht, einen größeren Beitrag zur konjunkturellen Belebung zu leisten, wie es der Bundespräsident am Wochenende vorsichtig formulierte?

Gerke: In der Tat, die Banken müssen hier einen größeren Beitrag leisten und mehr Verantwortung übernehmen. Wir sollten uns aber davor hüten, alle Geldinstitute über einen Kamm zu scheren. Die Geschäftspolitik ist mitunter doch sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus Kreditinstitute, die in ihrer Region diesen Aufgaben weiterhin intensiv nachkommen. Von daher halte ich eine pauschale Verurteilung der Banken an sich für gefährlich.

mm.de: Welche Rolle spielen Kreditversicherer bei dieser Misere?

Gerke: Sie spielen eine große Rolle, weil sie den Banken ja Risiken abnehmen. Doch auch sie sind erheblich vorsichtiger geworden und verschärfen damit die Situation.

mm.de: Sollte sich die Kreditvergabepraxis der Banken nicht bald ändern, droht die Bundesregierung, namentlich Bundesfinanzminister Steinbrück, "mit Maßnahmen, die es noch nicht gegeben hat". Welche Optionen hat die Regierung überhaupt?

Gerke: Im Moment halte ich das für eine Drohgebärde. Sie zu konkretisieren, dürfte der Politik wohl auch Schwierigkeiten bereiten. So genannte Zwangskredite anzuordnen, ist juristisch problematisch und ordnungspolitisch erst recht. Ich glaube, die beste Lösung wäre, den Banken selbst den Kredithahn abzusperren, wenn sie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden. Die Regierung hat Banken ja nicht aus lauter Altruismus gerettet oder gestützt, sondern um ihre volkswirtschaftlich wichtige Funktion aufrecht zu erhalten. Die größte Chance auf Erfolg sehe ich, wenn man den Banken unvermissverständlich droht, "dann schleusen wir das Geld an euch vorbei".

mm.de: Wie soll das funktionieren?

Gerke: Statt über die Kreditwirtschaft ließen sich die Darlehen auch über die Bundesbank und staatliche Aufbaubanken direkt an die Unternehmen vergeben. Ich selbst halte diesen Schritt jedoch für wenig begrüßenswert. Denn die Banken stellen bei der Kreditvergabe nun einmal einen wichtigen Filter zwischen Geldgeber und Darlehensnehmer dar. Wenn die Kreditinstitute aber ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, ist es besser, man nimmt ihnen diese Aufgabe ab, als dass man die Banken mit rechtlich problematischen Auflagen zu Zwangkrediten überzieht.

mm.de: Sie haben es angedeutet: Bundesbank-Chef Axel Weber hatte kürzlich Direktkredite seines Instituts an Firmen ins Gespräch gebracht. Und es gibt auch staatliche Aufbaubanken wie die KfW, die eine drohende Kreditklemme abwenden könnten. Sie äußern aber Bedenken: Glauben Sie, dass Bundesbank und KfW Kreditrisiken schlechter einschätzen und schlechter bepreisen können als Geschäftbanken?

Gerke: Es ist nicht ihre eigentliche Aufgabe, ich hielte das auch für ein ausgesprochenes Notprogramm. Dennoch ist der Schritt von Axel Weber, dieses Szenario einmal an die Wand zu malen, durchaus richtig. Dabei habe ich die Hoffnung, dass bereits die realistische Drohung, Kreditgeschäft an den Geschäftsbanken vorbeizuschleusen, sie dazu veranlasst, ihre Kreditvergabepraxis zu überdenken.

mm.de: Ein Vorschlag aus der Politik lautet auch, die Europäische Zentralbank (EZB) sollte sich wie die amerikanische Notenbank direkt in die Unternehmensfinanzierung einschalten. Was halten Sie davon?

Gerke: Die EZB wäre mir zu weit weg von dem Geschehen. Kreditvergabe ist ein Geschäft, das die Kenntnis der Lage vor Ort voraussetzt. Diese Bedingung könnten Bundesbank oder Landeszentralbanken vermutlich noch erfüllen, die EZB aber sicherlich nicht. Sie müsste sich dann ohnehin wieder der nationalen Notenbanken bedienen. Es spricht also mehr dafür, das Geschäft dann gleich bei ihnen zu belassen.

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