Finanzkrise Die Supermächte des Finanzmarkts

Schon Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisierte, der Markt reguliere sich nicht wie die Theorie es vorsieht. Das wird auch auf der zweiten Konferenz der ESMT festgestellt. Doch wie soll die Zukunft der Regulierung der Finanzmärkte aussehen? Experten wie Antonio Borges fordern eine andere Aufsicht - aber wie die eingreifen soll, bleibt offen.
Von Arne Gottschalck

Berlin - Hammer und Sichel an der Wand, aus kleinen Kacheln zu einem, großen Mosaik zusammengesetzt. Mosaike, das ließe sich auch als Motto der zweiten Konferenz der European School of Management and Technology bezeichnen. Denn dass die Krise in der Realwirtschaft angekommen ist, bestreitet niemand mehr. Dieses Mosaikstück ist also bereits fest installiert, doch die Lehren, die sich daraus ziehen lassen, die Konsequenzen, sie bleiben Stückwerk, bleiben Mosaike.

Freilich, auch die Diskussionsrunde unter dem Symbol der untergegangenen DDR einigt sich darauf, dass die Konsequenzen nicht ein Mehr an Regulierung sein müsste, sondern eine andere. Das ist leicht gefordert. Doch wie soll sie aussehen?

Vielleicht ist sie auf europäischer Ebene zu suchen. Wie Mario Monti, Professor an der Bocconi-Universität vorab sagte. Vielleicht in einem aufgestocktem Federal Reserve Board, mit Experten, die in der Lage sind, komplexe Finanzprodukte auch zu verstehen. So wird es in der Pause auf dem Gang diskutiert werden.

Immerhin die Analyse eint die Experten. Hedgefonds und Private Equity seien gleichermaßen von der Krise getroffen, sagt zum Beispiel Antonio Borges, der dem Hedgefonds Standard Board vorsteht. Und auch er fordert bessere Regularien.

Vermutlich wird er dabei besonders an die Banken gedacht haben, weniger an die Hedgefonds. Denn eigentlich handle es sich um eine Bankenkrise, nicht um eine Finanzkrise. Denn die Banken hätten sich wie Hedgefonds benommen und wären Risiken eingegangen, von denen sie besser die Finger gelassen hätten. Dann hätten sie gerettet werden müssen - mit dem Geld der Steuerzahler. Das so etwas so leicht zu ändern ist, darauf scheint er wenig Hoffnung zu haben. Gier wohne den Menschen nun mal inne, meint er. Fast ein bisschen lakonisch.

Die verblichenen Supermächte: Das US-Militär und Moody's

Etwas deutlicher wird Stefan Reichelstein, Stanford-Professor für Bilanzierung. Investoren und Aufsicht waren in ein Stadium der Unwissenheit gerutscht. Verständlich, denn immer komplexere Produkte wurden immer öfter abseits der Börsen gehandelt. Gerade viele der Giftpapiere zum Beispiel wurden auch OTC, over the counter, gehandelt. All das trug zur Vertrauenskrise bei.

Dazu hätten auch die Ratingagenturen beigetragen. Reichelstein formuliert es so: Vor wenigen Jahren gab es nur noch zwei Supermächte auf der Welt - das US-Militär und die Ratingagentur Moody's. Letztere hätten inzwischen ein Oligopol, über das man sprechen müsse.

Aber wie soll die Welt nun handeln? Die Buchhaltung ist da ein Aspekt, so Reichelstein. Dabei sei das übliche "Fair-Value-Prinzip" gut. Aber eben nur bei funktionierenden Märkten. Wenn aber der Markt brachliegt, was dann? Dann hilft das Prinzip nicht weiter und eröffnet den Unternehmen bilanzielle Freiheiten. Ein Fehler. In den USA denke man daher darüber nach, klar festzulegen, wann ein Markt "aktiv" sei, sodass Investoren wüssten, wie eine Bewertung zustande kommt.

Die Regulatoren müssten solche Produkte besser verstehen, sagt Suresh Sundaresan, Chef-Analyst des Londoner Hedgefonds Capula Investment Management. Klügere Aufsicht, so nennt er es. Da passt es ins Bild, dass die Goethe-Universität eine Bildungsinitiative für europäische Finanzmarktaufseher startet. Sundaresan geht aber noch weiter und fordert mehr "skin in the game", mehr Eigenbeteiligung der Initiatoren solcher Produkte. Hedgefonds-Fürsprecher Borges gefällt das nicht. Auch bei Lehman wäre viel "skin" im Spiel gewesen - genützt hätte es nichts.

Ist es die Forderung nach mehr Transparenz, auf die sich die Experten einigen können? Grundsätzlich sei das sicherlich wünschenswert - aber eben auch nur in Teilen. Die Risiken zum Beispiel müssten deutlich gemacht werden. Aber viel mehr Transparenz - das könnte die Strategien der Hedgefonds beeinträchtigen. Und im Fall der Private-Equity-Fonds sei das sowieso nicht nötig. Sagt Hanns Ostmeier, Präsident des BVK - des Verbands der Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds. Immerhin, auf die Causa Bernard Madoff als Beispiel für verfehlten Anlegerschutz kann man sich einigen.

Was bleibt also? Die Analyse der Krise als "perfekter Sturm", wie Reichelstein es nennt. Und die Lösung - ein Geduldspiel, für dessen Lösung viele Mosaiksteine zusammengetragen werden müssen. Kein Wunder, dass Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am Vorabend sagte, die Krise werde uns noch Jahre begleiten.

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