ESMT-Konferenz "Trennung von Gewinnern und Verlierern"

Das deutsche Wachstum lahmt, die Arbeitslosigkeit steigt - die Finanzkrise schlägt immer stärker auf die Realwirtschaft durch. So lautet auch der Tenor der Wirtschaftslenker auf der ESMT-Konferenz. Wie geht es weiter? Josef Ackermann gibt während der Diskussion den Realisten, Narayana Murthy den Visionär.
Von Arne Gottschalck

Berlin - Es ist, als hätte Marina Landia die Finanzkrise in einen Film gegossen. Kurze Interviews mit den Wirtschaftslenkern der Welt, und ihre Erklärungen, warum sie machen was sie machen. Geld, Neugier werden in der Installation der Künstlerin genannt. Die Krise, nur eine Abfolge bunter Bilder?

Da passt es ins Bild, dass Michael Diekmann, Vorstand der Allianz, zuvor auf die Bedeutung der Publizität hingewiesen hat. Unternehmen müssten sich öffentlich besser positionieren. Und dass in der Krise auch eine Chance läge. Es klingt bekannt.

Etwas provokanter ist Josef Ackermann, der Deutsche-Bank-Chef. Wieder eine Veranstaltung, die nach den Gründen der Krise sucht, fragt er auf dem zweiten Symposium der European School of Management and Technology, kurz ESMT. Reicht es nicht langsam? So sagt er es freilich nicht, aber die Frage schwebt im Raum. Nein, liefert er selbst die Antwort. Nicht einmal die große Depression habe man vollständig erfasst.

Es sei aber die größte Herausforderung seit mehreren Generationen. Zwar habe man den wirtschaftlichen Einbruch stabilisiert, doch der Aufschwung sei noch lange nicht da. Und schlimmer, der volle Ausschlag der Krise stünde noch aus.

Immerhin, aus der Krise lasse sich auch lernen, zum Beispiel wer die Kernkunden seien. Die Krise trenne Gewinner von Verlierern und werde uns noch Jahre begleiten, nicht Monate. Übrigens ein Treppenwitz der Geschichte, dass Ackermann - Mann des Großkapitals - in einem Raum spricht, in dem die Neujahrsempfänge der DDR stattgefunden haben sollen. Traktoristen und kräftige Werktätige auf dem Wandfriess, die Diskussion um die Krise des Kapitalismus unten im Saal.

"Auf unbekanntem Terrain"

Ackermann spricht vom "unbekannten Terrain", auf das man sich jetzt vorwage. In der Tat, es gibt kein Muster, wie in der Krise zu handeln ist. Eine Denkrichtung regt Ackermann an - es waren die G20-Länder, nicht die exklusiveren G7, die in den vergangenen Monaten die Akzente setzten.

Damit spricht der Schweizer eine Hoffnung aus, die vielleicht viele im Raum hegen. Dass die Krise aus jenen Emerging Markets heraus gelöst werden könne. Aus Indien zum Beispiel.

Oder aus der Psychologie? Immerhin geht es bei der Wirtschaft um die Kunden. Kaufen die Menschen ein, nutzt das den Unternehmen. Inzwischen haben sich zu Ackermann auf das Podium Dieter Zetsche und Hakan Samuelsson gesellt, Daimler-Chef und MAN-Lenker. Ebenso Infosys-Chef Narayana Murthy und James Turley, der Vorstand von Ernst & Young.

Wer früher einen Fiat 500 gekauft hätte, der wird jetzt keinen kaufen. So die Meinung auf dem Podium. Wer aber früher eine Mercedes gekauft hat, wer weiß? Vielleicht erscheint es ihm ja nicht mehr angemessen? Turley erinnert daran, dass genau das ein amerikanisches Problem sei - "geh aus und kaufe ein".

Und was ist mit Asien - ist das nicht der Motor, der die Wirtschaft wieder in Schwung bringen könne, vielleicht sogar ein Denkmodell. Infosys-Chef Murthy winkt ab. Denn Indien habe von besonderen Faktoren profitiert. Zum Beispiel von seiner Landwirtschaft. Die mache noch immer einen erheblichen Teil des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus und konnte im vergangenen Jahr zulegen.

Und die Banken seines Landes seien sehr lokal, wenig international vernetzt. Ähnlich wie die Banken Kanadas, wie Murthy betont. CDS - die Credit default swaps - seien daher an Indien nahezu spurlos vorbeigegangen. Fasst so, als sei Indien eben doch die Blaupause für den Rest der Welt.

Überkapazitäten auf ewig festschreiben?

"Wollen wir Überkapazitäten auf ewig festschreiben?"

Ackermann winkt ab. Im Fall der Deutschen Bank in Indien sähe man bereits steigende Defaults der Privatkunden in Indien. Auch dort ist die Finanzkrise also angekommen. Und er wird noch deutlicher. Das Wachstum in China zum Beispiel, also jenem Land, das gern mit Indien in einem Atemzug genannt wird, sei von 11 auf 7 Prozent geschrumpft. Doch damit einher ging der Verlust von 30 Millionen Jobs. Das müsse aufgefangen werden. In Indien sollen 10 Millionen Jobs verloren sein.

Die Unternehmer selbst seien nun in der Pflicht, wirft Murthy ein. Zum Beispiel mit Gehaltseinschnitten. Zetsche wirbt für eine deutlichere Diskussion. Und Ernst & Young-Mann Turley spricht das böse Wort der Zerstörung an - vielleicht scheuen Menschen die Zerstörung, sähen sie als schlecht an? In Amerika würden im Jahr 16 Millionen Autos gebaut, zehn Millionen verkauft - "wollen wir das zementieren?"

Und dann dreht die Diskussion doch in die Richtung, die vielen Menschen so wirr erscheint. Warum werden Banken gerettet und andere Unternehmen in die Insolvenz entlassen? Auch kleine Banken sind systemrelevant, so Ackermann. Banken seien einfach anders. Die unterlassene Hilfeleistung im Falle Lehman war also richtig? Es war richtig, doch das Timing war furchtbar, denn dannach stellte sich jeder die Frage, wer gerettet werden würde - und wer nicht. Die Vertrauensfrage eben.

Vertrauen - auch in die Unternehmenslenker? Was ist mit den Boni, die immer mehr in die Schusslinie geraten?

Während Murthy der Motivation das Wort redet, spricht Ackermann von der menschlichen Natur. Nach den Anschlägen des 11. September hätten viele Kollegen gesagt, sie hätten ihre Meinung geändert, ja ihre Einstellung. Doch sechs Monate später sei das wieder ganz anders gewesen. Anders gesagt, gute Leute halte man nur mit entsprechenden Boni.

Ein Ratschlag zum Schluss, eine Lehre aus der Krise? Den philosophischsten brachte Automann Zetsche, der einen "sozialen Vertrag" forderte. Den nettesten brachte Ackermann: "Denken Sie nicht, dass Sie ein Genie sind."

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