Fondsmanager-Kolumne Fehlsignale aus Amerika

Die Wirtschaftskrise hat die Shopping-Lust der Amerikaner gehörig gedämpft. Doch es gibt erste Zeichen dafür, dass die US-Verbraucher wieder Vertrauen fassen. Sollten Anleger deshalb bei Konsumwerten auf Einkaufstour gehen? Fondsmanager Andre Köttner von Union Investment ist skeptisch.
Von Andre Köttner

Geht es wieder los in Amerika? Hat das Land das Schlimmste überstanden? Die Zeichen mehren sich, dass die US-Wirtschaft wieder auf die Beine kommt. So ist der wichtige Index zum US-Verbrauchervertrauen in den vergangenen Monaten unter dem Strich deutlich gestiegen - auch, wenn die Juni-Werte nach Angaben des Forschungsinstitut Conference Board zuletzt etwas gefallen sind.

Die Amerikaner, deren traditioneller Optimismus in der ökonomischen Krise einen merklichen Dämpfer erhalten hatte, scheinen also im Grunde wieder Vertrauen zu schöpfen. Und die Erwartungen in die mittelfristige Entwicklung der US-Wirtschaft sind weitaus optimistischer als zu Jahresbeginn.

Sollte sich der Trend bestätigen, wären jetzt gerade die zyklischen Konsumwerte, die besonders stark auf Konjunkturschwankungen reagieren, das Investment der Wahl. Denn wenn die Menschen zuversichtlicher werden, steigt meist auch die Bereitschaft, sich Dinge über den täglichen Bedarf hinaus zu leisten.

Starker Konjunkturaufschwung bleibt aus

Allerdings gibt es gewichtige Gründe, an diesem Szenario zu zweifeln. Da ist zunächst die Lage am Arbeitsmarkt. Zwar sinkt die Beschäftigungsrate längst nicht mehr so stark wie noch zu Jahresbeginn, aber der Rückgang um 345.000 Stellen im Mai (im Vergleich zu einem Rückgang von 741.000 Stellen im Januar) zeugt von einem weiterhin hohen Risiko der Amerikaner, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Mit 9,4 Prozent im Mai ist die Arbeitslosenquote nicht mehr weit von dem Niveau zu Rezessionszeiten Anfang der 80er Jahre entfernt - und das schlägt sich auch in der Bezahlung nieder: Die Stundenlöhne, die sich im Mai nur moderat um 0,1 Prozent erhöht haben, unterstreichen den begrenzten finanziellen Spielraum, der den US-Haushalten zur Verfügung steht.

Noch schwerer wiegt die Lage am Immobilienmarkt. Zwar gibt es erste zögerliche Anzeichen einer Stabilisierung, von einer Trendwende kann aber noch nicht gesprochen werden. Die Häuserpreise befinden sich weiterhin auf Talfahrt, wie der Case-Shiller-Hauspreisindex auf Basis der heute veröffentlichten April-Zahlen belegt (minus 18,1 Prozent im Vorjahresvergleich). Konnten die Amerikaner dank rasant steigender Immobilienpreise ihr Eigentum in früheren Jahren immer höher beleihen und so den Kauf von Konsumgütern finanzieren, ist diese Geldquelle nun versiegt.

Krisengewinner Wal-Mart

Die wachsende Arbeitslosigkeit führt dazu, dass sogar Hausbesitzer mit bislang solider finanzieller Lage ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können und Zwangsversteigerungen an der Tagesordnung sind. Hinzu kommen die Kreditkartenschulden, die die Amerikaner beim allzu sorglosen Konsumieren in den vergangenen Jahren angehäuft haben. Und nicht zuletzt sind die Banken wesentlich zurückhaltender bei der Kreditvergabe geworden.

Es ist daher kaum überraschend, dass die Gesamtkonsumausgaben in den USA erstmals seit Jahrzehnten rückgängig sind. Trotz eines Silberstreifens am Konjunkturhorizont sind die persönlichen Ausgaben der US-Verbraucher im April weiter zurückgegangen, während sich die Sparrate von 4,5 Prozent im Vormonat auf nunmehr auf 5,7 Prozent erhöht hat.

Diese Entwicklung legt nahe, trotz der Besserungszeichen in Übersee noch nicht auf zyklische Aktien unter den Konsumwerten zu setzen. In solchen Phasen wie derzeit zählen dagegen oftmals die großen Discounter wie Wal-Mart zu den Gewinnern, die Produkte des täglichen Bedarfs günstig anbieten. Preiswerte Eigenmarken kommen dabei der Sparsamkeit der Kunden entgegen und gewinnen Anteile zugunsten der etablierten Marken. Die Rekordgewinne mancher Discounter unterstreichen die Verschiebung der Gewichte zugunsten der Billiganbieter. Die Aktie von Wal-Mart  etwa hat sich im Crash der US-Märkte auffallend gut gehalten und notiert aktuell sogar höher als in den Haussejahren 2006 und 2007.

Erst wenn sich eine nachhaltige Erholung abzeichnet und die Menschen wieder mehr Geld zur Verfügung haben, ist die Zeit für zyklische Konsumwerte gekommen. Doch das kann noch dauern. Der ehemalige Fed-Chef Paul Volcker sagte erst kürzlich, dass selbst bei einer Stabilisierung der US-Wirtschaft im Jahresverlauf mit einer längeren Phase wirtschaftlicher Schwäche zu rechnen ist.

Bis es keine eindeutigen Signale für einen starken Aufschwung gibt, bleibe ich deshalb bei meiner defensiven Positionierung und investiere bevorzugt in Sektoren, die von konjunkturellen Schwankungen wenig beeinträchtigt werden. Der US-Konsum dürfte als Motor der Weltwirtschaft schließlich noch auf absehbare Zeit ausfallen.

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