Muhammad Yunus Der subversive Banker

Er entwickelte das Konzept der Mikrokredite. Er gründete eine Bank, die Kredite ohne Sicherheit vergibt. Und er bekam den Nobelpreis. Muhammad Yunus ist kein Volkswirt wie jeder andere. Und in der Krise sind seine Gedanken aktuell wie nie.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Was verbindet den früheren US-Präsident Bill Clinton, das rock-and-rollende Magazin "Rolling Stone" und den Nobelpreisträger Muhammad Yunus? Clinton hat 1992 zur Feder gegriffen und sich im "Rolling Stone" dafür ausgesprochen, dass Yunus eben jenen Nobelpreis erhält. Den hat Yunus 2006 tatsächlich bekommen - für seinen Versuch, soziale wie wirtschaftliche Entwicklungen gleichermaßen zu betreiben, so die Begründung des Komitees. In die Wiege gelegt war Yunus dieser Preis nicht.

Er wurde am 28. Juni 1940 in Chittagong geboren. Damals hieß Bangladesch noch Britisch Indien. Sohn eines Juweliers, neun Geschwister, Pfadfinder und begeisterter Laienschauspieler - Yunus bekam sogar Preise dafür. Er studierte Wirtschaft, um dann seine Abschlüsse Anfang der 60er Jahre an der Dhaka-Universität zu machen. Im Anschluss wurde er Assistent am Lehrstuhl der Professoren Nurul Islam und Rehman Sobhan. Ab 1969 war er drei Jahre lang Assistenzprofessor an der Middle Tennessee State University in Murfreesboro. Außerdem gründete er eine Fabrik für Verpackungsmaterial. Umtriebig war Yunus, aber keineswegs außergewöhnlich.

Das änderte sich während seiner Arbeit als Assistent. "So um 1974 herum fand ich es schwierig, elegante Theorien der Wirtschaft zu lehren, während um mich herum in Bangladesch schrecklicher Hunger herrschte", sagte Yunus anlässlich der Verleihung des Nobelpreises. "Ich fühlte die Leere solcher Theorien." Er beschloss zu handeln.

Wut über Sklavenarbeit

Arme Handwerker in der Umgebung waren es, die ihm die Augen öffneten. Yunus erinnert sich: "Ich war schockiert, dass eine Frau im Dorf vom lokalen Geldverleiher weniger als einen Dollar bekommen hat - und der dafür das exklusive Recht hatte, alle ihre Erzeugnisse zu einem von ihm festgelegten Preis zu kaufen. "Sklavenarbeit" nannte er es.

Daraufhin erstellte Yunus eine Liste jener Menschen seines Nachbardorfes, die solche Kredite aufgenommen hatten. 42 waren es, die in der Summe mit 27 Dollar verschuldet waren. Als er diese 27 Dollar selbst zahlen wollte, sperrte sich der lokale Geldgeber - bis Yunus auf die Idee kam, für die Schuldner zu bürgen. Für diese Summe gewann der Wissenschaftler eine überraschende Erkenntnis. Denn die Kredite wurden sorgsam zurückgezahlt. Keine Verzögerungen, keine Ausfälle. Die Idee für Mikrokredite war geboren.

Das sind Darlehen unter 1000 Euro, die normalerweise an Kleingewerbetreibende in Entwicklungsländern vergeben werden. Die Sicherheiten bieten nicht die üblichen Besitztümer - die arme Menschen nicht haben -, sondern die Gruppe. Normalerweise erhalten fünf bis sechs Arme abwechselnd einen Kredit und bürgen füreinander.

1976 gründete Yunus die Grameen Bank, mit der er dieses Konzept im großen Stil umsetzen konnte - frei übersetzt aus der lokalen Sprache übrigens "Bauernbank". Seitdem verteilt diese Bank Mikrokredite. Und entwickelt sich stetig weiter.

"Wenn die Banken große Kredite ausgereicht haben, gibt er kleine. Wenn die Banken viel Papierkram verlangten, waren seine Darlehen für Analphabeten. Was auch immer die Banken taten, er machte das Gegenteil", sagt Sam Daley-Harris, Director der Interessengruppe Microcredit Summit Campaign. "Ein Genie."

Der Markt und das "Aber"

Seit den 70er Jahren klingt Yunus' ökonomisches Glaubensbekenntnis so: "Ich will die Freiheit der Märkte stärken. Aber gleichzeitig bin ich unglücklich über die konzeptionellen Restriktionen, die den Akteuren am Markt auferlegt werden. Die gehen davon aus, dass das eindimensionale Wesen sind, die nur einen Zweck verfolgen - den Profit zu maximieren." Das klingt in Zeiten siecher Banken und implodierter Investoren seltsam bekannt. Und weiter: "Diese Interpretation des Kapitalismus isoliert den Unternehmer von allen politischen, emotionalen, sozialen, spirituellen und umweltrelevanten Dimensionen seines Lebens. Vielleicht ist das nur eine grobe Vereinfachung, aber es nimmt ihnen die Essenz des menschlichen Lebens."

Yunus ist weit davon entfernt, weltfremder Utopie nachzuhängen. Die Grameen Bank zum Beispiel nimmt für ihre Kredite Zinsen, bis zu 20 Prozent zum Beispiel für Unternehmenskredite. Aber in Yunus' Augen schließen sich Rendite und Altruismus eben nicht aus. Und von so einer Kombination würden alle profitieren. So sein Mantra, mit dem und viel Charme er in Davos unter anderem Bill Gates hofierte und diese Erkenntnis als Ursache für die Tatsache wertet, dass Bill Gates "ein großer Stifter" geworden sei.

Die Masche zieht offenbar. So konnte Yunus den französischen Milchriesen Danone  vor geraumer Zeit davon überzeugen, in einer gemeinnützigen Fabrik vitaminangereicherten Joghurt - "Schokti Doi" - für Kinder aus Bangladesch zu produzieren. Die Milch dazu kauft das Unternehmen einheimischen Bauern zu Festpreisen ab, der Joghurt wird von den "Grameen-Ladies" verkauft. Sechs Cent kostet ein Becher, das ist Bangladeschs Preisen angemessen. Dafür bekommen sie einen Teil des Erlöses. In diesem Jahr verkündete BASF, eine ähnliche Vereinbarung mit Grameen getroffen zu haben.

Mehr als nur Rendite, unternehmerische Verantwortung - damit passt Yunus' Kernthese vorzüglich in die Zeit. Inzwischen nutzen auch andere sein Konzept - Invest in Visions beispielsweise bietet einen Fonds an, der in Mikrokredite investiert. "Gerade privaten Investoren gefällt die Idee, mit ihrer Anlage im Wallberg Global Microfinance Fund etwas Gutes zu tun", berichtet Geschäftsführerin Edda Schröder.

Die Grameen Bank ist im Lauf der Zeit ein Konzern geworden, der unter anderem auch einen Telekommunikationssektor und andere Segmente bündelt. Die Bank selbst hat bislang rund 2,75 Milliarden Euro verliehen - ganz überwiegend an Frauen.

Der erste Preis

Und Yunus selbst? Er half, die Gruppe "The Elders", einer Art Ältestenrat zu gründen. Mit profilierten Köpfen wie Nelson Mandela oder Kofi Annan versucht die Gruppe die Probleme der Welt zu lösen, indem sie "kühn und frei spricht", wie Mandela es einmal nannte.

Er ist inzwischen so bekannt, dass sich nicht nur Prominente wie Bono oder Sharon Stone gern mit ihm ablichten lassen. Auch jene kleine Universität in Tennessee, auf der Yunus einst Assistenzprofessor war, schmückt sich mit seinem Namen.

Und schrieb als Hauptpreis der "Kawahito Scholarship to Fund Education in Impoverished Lands" einen Besuch in der Grameen Bank aus. Der Gewinner Steve Sibley trifft im Rahmen des Stipendiums auch Muhammad Yunus. Er als Hauptgewinn - ob der stets bescheiden auftretende Yunus sich das bei Beginn seiner Karriere hat vorstellen können?

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