Selbstversuch "Mein Jahr unter Spekulanten"

Geldfragen entlockten Heike Faller lange Zeit nur ein Gähnen. Doch dann startete sie den Selbstversuch. Ihr Ziel: 10.000 Euro in Jahresfrist zu verdoppeln. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus dem Buch "Wie ich einmal versuchte, reich zu werden", in dem Faller ihre Erlebnisse unter Investoren und Spekulanten beschreibt.
Von Heike Faller

Ich hatte einmal 40.000 Euro. Jahrelang lag das Geld auf dem Sparkonto, wo es nicht mehr, aber auch nicht weniger wurde. Als ich dreiunddreißig Jahre alt war, kaufte ich davon vierzig Krügerrands, vierzig Kilobarren Silber , siebenhundert Gramm Palladium  und acht schwere Platten aus Platin . Eine Sparkassenangestellte in Bayern schob mir das Metall über den Schalter, gefolgt von einer Kassette, in der ich meine Schätze verwahren sollte. Auf knisternden Belegen quittierte ich den Erhalt von Edelmetallen im Wert von 39.414,84 Euro.

Es war ein Hochsommertag. Draußen brannte die Sonne auf Teer und Blech, drinnen stand ich frierend im klimatisierten Schalterraum und warf einen langen letzten Blick auf meine Schätze. Es waren die Ersparnisse meines ganzen Lebens, die ich in diesem Moment, gegossen in Metall, vor mir hatte:

Geld, das ich von Zeilenhonoraren und Gehältern auf die Seite gelegt hatte; die Erlöse eines Bausparvertrages, in den meine Eltern für mich einbezahlt hatten; 1500 Euro, die meine Oma, eine Bäuerin aus Oberbayern, jedem ihrer zwölf Enkel hinterlassen hat; Geld, das ich hatte sparen können, weil der Staat und zwei Stiftungen mein Studium und meine Journalistenausbildung mitfinanziert hatten. Sogar die Ersparnisse des orangefarbenen Kindersparbuchs, auf dem ich Kommunionsgeschenke, Geburtstagsüberweisungen und Sparschweinmünzen zusammengetragen hatte, waren irgendwie in diese Metallstücke eingeflossen, die zusammen ziemlich genau in ein Schließfach von der Größe einer Schuhschachtel passten.

Ich legte sacht den Deckel auf das Kästlein, drehte ein Schlüsselchen im Schloss und schob das Behältnis in einen kleinen Lastenaufzug, der, nachdem ich eine Geheimzahl vorgegeben hatte, leise quietschend in die Tiefe wackelte. Als Code wählte ich die Zahl des Jahres, in dem die Weltwirtschaftskrise begonnen hatte: 1929. Ein bisschen so wie damals, so war mir gesagt worden, würde die Welt aussehen, wenn ich eines fernen Tages wieder hier stehen würde, um meine Schätze abzuholen. Klingt irre, dachte ich. Nicht, dass ich es hätte beurteilen können.

Bis zu jenem Tag im Sommer 2004 hatte mich Geld nicht interessiert. Meine Ersparnisse lagen auf dem Sparkonto, und manchmal rief ein Bankberater bei mir an, um mit mir über "Vermögensbildung" zu sprechen, ein Wort, das auf mich eine einschläfernde Wirkung ausübte, die nur von Worten wie "Altersvorsorge" oder "Rentenreform" übertroffen wurde. Ich sagte, dass ich darüber nachdenken würde, aber ich dachte nicht darüber nach. Ich sagte, dass ich zurückrufen würde, aber ich rief nie zurück. Ich befand mich in der luxuriösen Situation, mehr Geld zu verdienen, als ich zum Leben brauchte, noch mehr haben zu wollen, womöglich auf Kosten anderer, erschien mir gierig, vielleicht sogar unmoralisch, schlechtes Karma.

Allein der Ausdruck "sein Geld für sich arbeiten lassen" löste bei mir unangenehme Assoziationen aus. Schließlich arbeitete ich selbst. Und zwar gern. Ich hatte seit Jahren eine sichere und gutbezahlte Arbeit als Redakteurin. Das sollte mir reichen. Es mag arrogant klingen, aber ich konnte in dieser Zeit nicht erkennen, welchen Unterschied fünf oder acht Prozent Rendite, die mir mein Geld im besten Fall einbringen würde, in meinem Leben machen sollten, hatte aber den Verdacht, dass andere Leute es bemerken könnten, und zwar schmerzlich.

Was bedeutete das überhaupt, in einen Fonds zu investieren? Würde ich mich damit nicht mitschuldig machen an Elend und Ausbeutung, also genau den Zuständen, die wir Journalisten anprangern? Woher sollte ich wissen, ob ich auf diese Weise nicht Teilhaberin an einem Waffenproduzenten oder Kinderarbeitsprofiteur würde? Ich habe keine Zeit, dachte ich, auch noch herauszufinden, ob ich mit meinen Investitionen dazu beitrage, anderen das Leben schwer zu machen.

"'Herrrdentrieb', mit böse grollendem Rrr"

Außerdem habe ich ein Problem damit, Zahlenpost aufzumachen. Weshalb ich es nicht mal mitkriegen würde, wenn mein Fonds pleiteginge. Jahrzehnte später, als zittriges Ömchen, würde ich vielleicht einen hoffnungsvollen Blick in die vergilbten Unterlagen werfen und feststellen, dass der Fondsmanager aus Frankfurt sein Geschäft vor langer Zeit zugemacht hat.

Und so kam es, dass mein Geld jahrelang auf dem Sparkonto dämmerte. Es vermehrte sich nicht, aber es verminderte sich auch nicht. Sogar den Aufstieg und Fall der New Economy habe ich verpasst: Während meine Kollegen jeden Morgen an ihre Bildschirme stürzten, um die Kurse abzurufen, tat ich: nichts. Wenn wieder mal ein Azubi vorgeschickt wurde, um mich, eine der letzten aktienlosen Deutschen, anzurufen, dachte ich arrogant: Der größte Luxus, den man sich von seinem Geld leisten kann, Junge, ist es, sich nicht um Geld kümmern zu müssen, aber das verstehst du jetzt noch nicht. Kann sein, dass ich es in abgeschwächter Form auch mal so gesagt habe. Aber in Wahrheit war mir das alles einfach zu kompliziert. (...)

Mein Geld schlummerte also friedlich auf dem Sparbuch, als meine Zeitung mich nach Bayern schickte. Ich sollte eine Geschichte über zwei Männer schreiben, die bei einer kleinen Sparkasse in der Oberpfalz die Vermögensverwaltung leiteten. So geschehen im Jahr 2002. Die beiden Bayern waren dadurch aufgefallen, dass sie das erfolgreichste Musterdepot in Deutschland führten. Sie hatten in sieben Monaten 43 Prozent Plus gemacht, zu einer Zeit, in der normalen Bankberatern und Fondsmanagern das Geld ihrer Anleger unter den Händen weggeschmolzen war. Mein Chef hatte eine kleine Meldung im Finanzteil über die beiden gelesen und schickte mich hin, weil er wusste, dass ich nicht im Börsenjargon über sie schreiben würde.

Obwohl ich keine Ahnung von diesen Dingen hatte, leuchtete mir die Geschichte, die mir dann vor Ort präsentiert wurde, sofort ein: Zwei tapfere Sparkassen-Männer, mountainbikefahrende, dialektsprechende Naturburschen mit einer unverhohlenen Verachtung für die Karrierebanker in Frankfurt, London, New York, beschließen, dass man statt in Dax-Unternehmen oder den Neuen Markt besser in Minenaktien und Goldbarren investieren sollte. Damals eine abseitige Idee. Schließlich waren jahrelang Firmen gefeiert worden, deren Produkte unsichtbar, ätherisch, mikroskopisch klein waren.

Es war das postmaterielle Zeitalter der New Economy, in dem die alten Regeln des Wirtschaftens irgendwie als aufgehoben galten. Als die neue Wirtschaftswelt dann plötzlich in sich zusammenfiel (weil man feststellte, dass ihre Produkte unsichtbar, ätherisch oder inexistent waren), wurde das den Aktionären als eine Art Naturkatastrophe verkauft. Dass just in dieser Zeit eine so altertümliche, schwerfällige Sache wie Rohstoffe im Preis stieg, erkannten damals nur wenige, und zu diesen Leuten gehörten die beiden Bayern, die ich porträtieren sollte.

Zwei Jahre, nachdem meine Geschichte über sie erschienen war, vertraute ich ihnen meine gesamten Ersparnisse an. Der Goldpreis  war in dieser Zeit von 300 auf 400 Dollar pro Feinunze gestiegen. In einem Bummelzug fuhr ich von Würzburg in Richtung tschechischer Grenze. In Weiden in der Oberpfalz stieg ich aus. Vor dem Bahnhof erwartete mich einer der beiden Sparkassen-Männer, ein durchtrainierter, kahlrasierter Typ namens Christian Wolf. In seinem schweren, kühlen Wagen surrten wir durch grüne Wiesen ins Headquarter in Neustadt. Er erzählte, dass er gerade Tschechisch lerne, weil die Grenze nicht weit sei und Osteuropa in den nächsten Jahren gute Möglichkeiten biete. Da sei es klug, schon einmal die Sprache zu lernen. Ich sog jedes seiner Worte auf, denn mit dem Goldpreis war auch mein Vertrauen in die beiden gewachsen, die offenbar genau wussten, was sie taten.

Als wir in der Sparkasse angekommen waren, fragte ich sie, warum sie sehen konnten, was sonst keiner sah. Das sei im Grunde gar nicht so schwer, sagten sie. In Edelmetalle zu investieren sei eine Außenseiterentscheidung, die ein Angestellter in einer großen Bank kaum treffen würde, selbst wenn er sie als richtig erkannt habe.

"Warum nicht?", sagte ich.

"Herrrdentrieb", sagten sie unisono, mit böse grollendem Rrr.

"Ich war bereit, der Sekte beizutreten"

In einem großen Unternehmen sei es einfacher, einen Fehler zu machen, den alle machten, behaupteten sie, eine Entscheidung gegen die Mehrheit sei schlicht ein größeres Karriererisiko. Diese Erklärung leuchtete mir ein. Und sie gefiel mir ebenso gut wie diese beiden Kleinstadtbanker, die so überhaupt nichts mit den Bankmenschen zu tun hatten, die ich in meinem Leben bis dahin kennengelernt hatte.

(...) Ich offenbarte, dass ich 40.000 Euro besitze, aus denen ich möglichst bald eine sechsstellige Summe machen wolle. Zu meiner Überraschung sprachen sie zunächst von Risikoklassen, Diversifikation, Anlagehorizont, von den drei Säulen jedes Portfolios. Sie verstünden mich nicht, sagte ich, ich wolle wirklich alles auf eine Karte setzen. Mein Job sei sicher, und das Risiko, alles zu verlieren, nähme ich in Kauf gegen die Chance, viel zu gewinnen.

Bergold ging grinsend zu seiner Schrankwand. Dahinter befand sich ein Tresor von der Größe eines kleinen Kühlschranks. Drinnen lagen Goldbarren und flache Platinplättchen, Silbermünzen und etwas, das mir als Palladium vorgestellt wurde. Die meisten hier hätten ihr Geld so angelegt, erzählten sie, sogar die älteren Mitarbeiter der Abteilung "Geldanlage", die ein Dasein als brave Bankberater gefristet hatten, bevor sie, Bergold und Wolf, die Truppe wachgerüttelt hätten. Der Lehrling betrat den Raum. Er warf einen wissenden Blick auf die Metallberge und bestätigte mir mit roten Ohren, dass auch er ...

Sie kamen mir vor wie eine Sekte. Sie glaubten, dass bald Inflation und Wirtschaftkrisen die Welt heimsuchen würden, dass Banken und Währungen wanken und Kleinanleger um ihr Geld gebracht würden. Ich wusste nicht, ob es wirklich Grund für derartigen Pessimismus gab, mir gefiel einfach das Bayerische, Dickköpfige, ihre Wut über die "drom in Frankfurt" und "drim in Minga", und ich dachte, dass sie damit weiter kommen würden als die servilen Bankberater, denen ich bis dahin begegnet war. Und falls sich irgendwann herausstellen würde, dass wir uns gemeinsam in einen Wahn reingesteigert hatten, dachte ich, dann hätte ich auf dem Weg in den Ruin zumindest eine Menge Spaß gehabt. Ich war bereit, in die Sekte einzutreten.

Ich mietete mir danach ein Schließfach bei den Vereinigten Sparkassen Eschenbach in der Oberpfalz, Neustadt an der Waldnaab, Vohenstauß. Ich kaufte Gold , Silber, Palladium und Platin. Den Schlüssel für mein Schließfach übergaben sie mir mit der Warnung, dass es auch schon Zeiten gegeben habe, in denen Staaten den Privatbesitz von Gold verboten hätten. Ich fand die Andeutung abwegig, aber interessant. Und so senkte ich schließlich an jenem Hochsommertag im August 2004 meine gesamten Ersparnisse in Form von Edelmetallen in die Tresore der Vereinigten Sparkassen. Wobei meine kleine Anspielung auf 1929 eher ein ironischer Scherz war. (...)

Dann hatte ich selbst eine Krise: In meinem Büro gab es Umstrukturierungen. Mein Ressort richtete sich neu aus. Meine Geschichten waren nicht mehr so gefragt. Ich dachte darüber nach, wie lange ich selbst noch gefragt sein würde und wie weit meine Ersparnisse mich eigentlich tragen würden. Es gab in dieser Zeit vor allem eine Idee, die mich beruhigte: dass ich irgendwann einmal so viel Geld hätte, dass ich davon leben könnte, Geld, das mich unabhängiger von einer Angestelltenexistenz machen würde, deren Fragilität mir plötzlich bewusst geworden war. Ich beantragte und bekam eine Auszeit und nahm mir vor, dass ich ein Jahr lang nichts anderes tun würde, als das Spekulieren zu lernen und darüber zu schreiben. Und ich beschloss, mir ein Ziel zu setzen: Ich würde versuchen, einen bestimmten Betrag - 10.000 Euro - innerhalb von zwölf Monaten zu verdoppeln.

Ich würde mich in die riskante Welt der Termingeschäfte begeben, in der man seinen Einsatz innerhalb von Tagen verlieren oder vervielfachen kann, und vielleicht würde ich an der Rohstoffbörse von Chicago mit Schweinehälften mein Glück probieren. Ich würde Märkte, Messen, Aktienbörsen besuchen. Ich würde die Welt durchkämmen und mich dabei nur von einem Prinzip leiten lassen: der Gewinnmaximierung. Gab es einen besseren Kompass durch die wilde Welt des Kapitalismus als das Streben nach Profit?

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