Krisenpsychologie Bleiben Sie cool - auch in der Verlustzone

Die Hauptursachen für den täglichen Stress sind sämtlich mit Verlustängsten verbunden - um den Arbeitsplatz, die Ehe oder einen geliebten Menschen. Was aber geschieht mit uns, wenn wir wirklich etwas verloren haben?

In den vergangenen Jahren haben scheinbar magische Kennzahlen kleine und große Entscheider zu übermäßigem Selbstvertrauen, Selbstgefälligkeit und maßloser Gier getrieben. Jetzt zahlen wir gemeinsam den Preis dafür.

Sicher, es ist einfach, diese Entwicklungen und ihre Folgen im Nachhinein zu erkennen und so zu interpretieren. Aber die eigentliche Frage ist, inwieweit wir daraus lernen und ob wir uns beim nächsten Mal klüger verhalten. In dem Zusammenhang ist es lohnenswert sich auf die psychologischen Aspekte der Krise zu konzentrieren.

Eines der Hauptmerkmale der derzeitigen Situation ist der Umstand, dass wir uns in der Verlustzone befinden. Einige Menschen haben einen Großteil ihres Vermögens verloren - mitunter bis zu 50 Prozent - andere ihre Arbeit oder ihr Haus. Und Verlust ist eine Empfindung, auf die der Mensch allergisch reagiert: Wer würde ein Geschäft abschließen, bei dem man mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit zwölf Euro gewinnen oder mit der selben Wahrscheinlichkeit zehn Euro verlieren kann? Immerhin geht es um eine durchschnittliche Gewinnmöglichkeit von einem Euro, also sollte dieses Geschäft eigentlich attraktiv sein. Doch das Risiko, zehn Euro zu verlieren, macht uns die Sache suspekt. Untersuchungen belegen, dass die meisten Menschen zumindest einen Gewinn von 20 Euro als Anreiz benötigen, um auf das fünfzigprozentige Risiko eines Verlustes von zehn Euro einzugehen. Überhaupt sind die Hauptursachen des Stresses sämtlich mit Verlustängsten verbunden, ganz gleich, ob es um den Arbeitsplatz, die Ehe oder einen geliebten Menschen geht.

Risikoverhalten in der Verlustzone

Was aber geschieht, wenn wir etwas verloren haben, also tief in der Verlustzone stecken, die wir so mühsam versucht haben zu umgehen?

Zum einen ändert sich die Grundlage, auf der wir unsere Entscheidungen treffen. Beispielsweise erscheinen uns Gewinne attraktiver als zuvor: Den kleinen Bonus, den man im vergangenen Jahr kaum beachtet hat, kennt man nun bis auf die letzte Stelle und ist bereit, darum zu kämpfen. Zum anderen versuchen wir unser Möglichstes, um wieder auf die Beine zu kommen. Dazu nehmen wir sogar sehenden Auges weitere Risiken in Kauf, denn viel schlimmer können die Dinge ja kaum noch werden.

Mit anderen Worten: Wir sind nicht mehr so vorsichtig wie in den guten Zeiten, in denen wir bei geringen Risiken mäßigen Fortschritt erwarten. Trotz unserer allgemeinen Risikoscheu akzeptieren wir, dass Regierungen unsere Steuergelder ausgeben, um Unternehmen zu retten, denn diese Alternative klingt besser als Arbeitsplätze und Einkommen zu verlieren. Befinden wir uns erst einmal in der Verlustzone, macht es uns auch nichts aus, von kostspieligen Rettungspaketen zu hören; Hauptsache ist, sie geben uns das Gefühl, wieder auf Kurs zu gelangen.

Die Gefahr dabei ist jedoch, dass wir der Möglichkeit, die Politik könne mit diesen Maßnahmen scheitern, kaum noch Aufmerksamkeit schenken. Es geht bei den Rettungspaketen ja auch nicht um grundsätzlich Schlechtes. Lediglich um etwas, das wir besser im Augen behalten sollten. Dann gibt es auch die Menschen, die die Krise positiv interpretieren und Führungskräfte, die sich jetzt hervortun, ernten mehr Beachtung als zuvor.

Es ist ein guter Zeitpunkt, die eigenen Fähigkeiten ins rechte Licht zu rücken, denn positive Eindrücke werden geschätzt. Genaugenommen könnte man sich zum Hoffnungsträger entwickeln und das Charisma dieser Rolle nutzen. Andererseits sind das Tendenzen, die man in Schach halten sollte. Unsicherheit und Verzweiflung können eine Generation von "Yes, we can"-Menschen erzeugen, mit US-Präsident Barack Obama als Leitbild.

Ein weiteres Phänomen unserer Zeit ist die fehlende Klarheit, die wir empfinden. Die Informationen, die wir erhalten, sind nicht länger eindeutig oder verlässlich. Selbst präzise Kennzahlen lassen sich nicht eindeutig interpretieren. Wie der berühmte Psychologe Amos Tversky schon betonte, führen Mehrdeutigkeiten jedoch dazu, dass wir ein Gefühl subjektiver Inkompetenz entwickeln. Letztlich beginnen wir, an unseren Ansichten zu zweifeln und selbst unsere tieferen Überzeugungen zu hinterfragen. Zwar ist diese Reaktion auf die Krise auch Teil unserer Überlebensfähigkeit, doch die Nachteile liegen natürlich auf der Hand. Umgeben von Mehrdeutigkeiten versuchen wir, uns auf Vertrautes zu stützen: In den Ferien bleiben wir zuhause, verbringen den Skiurlaub in einem Ort, den wir bereits kennen, kehren zu Kindheitserinnerungen zurück, orientieren uns an bekannten, etablierten Marken und besinnen uns auf Familienwerte. Derartige Verhaltensweisen sind keineswegs Wege zur Risikovermeidung, sondern lediglich die Suche nach subjektiver Sicherheit beziehungsweise die Flucht vor dem Selbstzweifel.

Glaubwürdigkeit in der Verlustzone

Fragwürdig wird dieses Verhalten aber dann, wenn wir Informationen grundsätzlich nicht mehr vertrauen und uns langsam von der Realität abkehren. Möglich ist auch, dass wir uns aufgrund unseres fehlenden Vertrauens auf den Ruf unserer Informationsquelle konzentrieren und vergessen, die Information selbst zu prüfen. Und sollten wir dem Ruf des Anderen trauen, kann es sein, dass wir unsere Überzeugungen seinem vermeintlich besseren Wissen unterordnen. Allerdings ist die Anzahl der Menschen - wie auch Institutionen - die sich ihre Glaubwürdigkeit erhalten haben, in letzter Zeit beträchtlich gesunken.

Diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren konsistent dargestellt haben - ganz gleich ob Coca-Cola oder Trotzkisten - erhalten einen Bonus, wenn auch vielleicht aus zweifelhaften Gründen.

Befindet man sich also in der Verlustzone, bringt das ein gesundes Maß an Risikobereitschaft hervor, doch gleichzeitig führen die Mehrdeutigkeiten in unserer Umgebung dazu, dass wir nach zuverlässigen und vorhersehbaren Informationsquellen Ausschau halten. Hoffnung und Sicherheit, das sind die Gefühle, die wir anstreben - und das ist auch richtig so. Dennoch sollten wir darauf achten, dass die derzeitigen Tendenzen nicht in einer weiteren Welle der Täuschung und irrationalem Vertrauen in Ideen und Menschen münden. Mehr denn je müssen wir Ruhe bewahren und jene Führungskräfte belohnen, deren Ideen sich aus Leistung und rationalem Denken speisen.

Anmerkung der Redaktion: Am 1. und 2. Juli findet in Berlin das zweite ESMT Annual Forum ("Navigating in Turbulent Times: Opportunities, Threats, and the World Economy) statt. Sprechen werden dort unter anderem: Michael Diekmann (Allianz), Wulf Bernotat (EON), Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Dieter Zetsche (Daimler).

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