S&P droht Großbritannien "Alle Mann in die Boote"

Über die Kreditwürdigkeit der Industriestaaten orakeln Analysten und Medien seit Monaten. Nun wird es auch für Großbritannien ernst. Die erste Ratingagentur senkte den Ausblick für die Insel auf "negativ". Marktexperten zufolge müssen jetzt vor allem die USA um ihr Rating bangen - für sie kommt die Diskussion zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.
Von Grit Beecken

Hamburg - "Alle Mann in die Boote", war Thomas Kochs erster Gedanke, als er am Morgen die Kursverläufe der wichtigen Anlageklassen betrachtete. Der HSH-Nordbank-Analyst sah das Britische Pfund abtauchen, den US-Staatsanleihenmarkt unter Druck und die Aktienmärkte fallen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte am Donnerstag den Ausblick für Großbritannien von "stabil" auf "negativ" gesetzt. Die Begründung: die hohen britischen Staatsschulden. Somit zweifelt zum ersten Mal seit Ausbruch der Finanzkrise eine Ratingagentur öffentlich an der uneingeschränkten Bonität der Insel.

Eugen Keller von Bankhaus Metzler erklärt, was genau passiert ist: "Die Veränderung des Ausblicks bedeutet, dass UK mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 30 Prozent seine Spitzenbewertung als Staatsschuldner verlieren könnte." Denn inzwischen steige die Staatsschuld schneller als noch im Januar vermutet.

Damals nahm die Ratingagentur an, die britische Gesamtstaatsschuld werde in den kommenden vier Jahren von derzeit 53 Prozent bis auf 83 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Mittlerweile geht S&P nach eigenen Angaben jedoch davon aus, dass die Staatsschulden in diesem Zeitraum wegen der Kosten für Bankenrettungen, Fiskalpakete und niedrigerer Steuereinnahmen auf nahezu 100 Prozent steigen werde.

Staatsanleihen in UK und USA unter Druck

Der britische Finanzminister Alistair Darling hatte bereits Ende April mit Vorlage des Haushaltes angekündigt, dass das diesjährige Haushaltsdefizit wegen sinkender Steuereinnahmen auf 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts klettern wird.

Mit dem vernichtenden S&P-Urteil droht den Briten der Verlust der besten Ratingnote und damit dürfte die Neuverschuldung teurer werden. Denn die Risikoaufschläge, die Investoren für den Kauf einer Staatsanleihe verlangen, hängen maßgeblich vom Rating des Emittenten ab.

So stiegen in einer der ersten Marktreaktionen dann auch die Kosten von Kreditausfallversicherungen (Credit Defaul Swaps - CDS) auf britische Staatsanleihen. Doch die Reaktion beschränkte sich nicht auf die Insel. Auch der US-Staatsanleihemarkt stand am Donnerstag unter starkem Verkaufsdruck.

Rekordschuldner USA braucht frisches Geld

Für den Rekordschuldner USA kommt die Diskussion um die Kreditwürdigkeit von Industriestaaten zu einem ungünstigen Zeitpunkt. US-Präsident Barack Obama dürfte die Neuverschuldung allein im laufenden Jahr auf 15 Prozent des BIP steigern. Angesichts dieser Zahlen - in den kommenden Wochen sollen US-Staatsanleihen in Höhe von 101 Milliarden Dollar emittiert werden - bekamen es einige Marktteilnehmer anscheinend mit der Angst um ihr Kapital zu tun.

Zumal selbst die Ikonen warnen. Bill Gross, Manager des größten Anleihenfonds der Welt, orakelte in einem Interview, die USA könnten mittelfristig ihr "AAA"-Rating verlieren. In drei bis vier Jahren, so Gross, könnten den USA eine Abstufung bevorstehen, allerdings dürften die Märkte die Probleme früher erkennen als die Ratingagenturen, sagte der Manager des Rentenfonds Pimco Total Return, der rund 154 Milliarden Dollar verwaltet, der Nachrichtenagentur Reuters.

Diese Warnung hatte Gross bereits im März im Gespräch mit manager magazin ausgesprochen, ihn dürfte der S&P-Vorstoß somit nicht überraschen. Der Großteil der Marktteilnehmer hingegen scheint den negativen Ausblick nicht erwartet zu haben: "Die heftigen Kursreaktionen zeigen, dass der Schritt überraschend war", sagt HSH-Analyst Koch. Insbesondere für Investoren in langlaufenden US-Staatsanleihen.

Die verkauften prompt, die Kurse 30-Jähriger US-Papiere brachen laut Koch um 3 Punkte ein - " eine wirklich markante Kursreaktion".

Wo floss das Geld hin? Zunächst in die Papiere der Bundesbank, beobachtete der Volkswirt. Doch auch dieser Trend war nicht von Dauer, stattdessen stiegen die Kurse von Rohstoffen - insbesondere Gold - sowie die Preise von kurzlaufenden Staatsanleihen. Dort fühle man sich sicherer.

Es bleibe abzuwarten, so Koch, welchen "Safe Haven" - also welche vermeintlich sichere Anlageklasse - Investoren jetzt ausmachen.

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