Rentensystem "Der Scherbenhaufen"

Die europäischen Rentensysteme sind ein Scherbenhaufen, sagt David Foot, Professor an der Universität Toronto. Und das liegt vor allem am kurzfristigen Denken von Unternehmern und Politikern.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Die westlichen Gesellschaften bilden immer mehr einen Pilz als eine Pyramide - demografisch gesprochen. Haben Politiker das überhaupt erkannt?

Foot: Nein, das erkennen sie nicht, ein weltweites Phänomen. Politiker sind kurzfristig orientiert. Sie haben ein Jahr, um sich zu etablieren, zwei Jahre um tatsächlich zu arbeiten und eins, um die eigene Wiederwahl zu betreiben. In so einer kurzen Zeit tut sich demografisch nicht viel. Und dementsprechend ist der Druck nicht da, etwas zu ändern.

mm.de: Aber es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsstruktur und Wirtschaftswachstum.

Foot: Oh ja. Zwei Drittel davon sind vom Bevölkerungswachstum geprägt und davon wiederum zwei Drittel von der Altersstruktur. Einfacher gesagt, sind viele junge Menschen beschäftigt, ist das Wirtschaftswachstum einer Nation hoch.

mm.de: Das heißt aber auch, dass China in einigen Jahrzehnten Probleme hat?

Foot: Ja, Chinas Einkind-Politik wird die Bevölkerungsstruktur verändern. Aktuell werden in China pro Frau 1,6 Kinder geboren, das ist zu wenig. Das gleiche Bild ergibt sich aber auch in Italien oder Osteuropa. Dort übrigens wegen des harten Kapitalismus.

mm.de: Von was für Zeiträumen reden wir überhaupt?

Foot: Nehmen wir die Babyboomer in den USA, das sind die Jahrgänge '46 bis '64. In Europa sind es ungefähr jene von '55 bis '70. Darauf addieren Sie 20 Jahre, dann ist diese Kohorte rechnerisch in Lohn und Brot. Das ist gut fürs Wachstum. Nach weiteren 40 Jahren geht sie in Rente und lastet auf dem Wachstum.

Rangfolge des Grauens

mm.de: Gibt es so etwas wie eine Rangfolge des Grauens?

Foot: In Japan ist es ganz schlimm, dann folgt Europa und dann die USA. Dort reproduzieren sich die Menschen ausreichend.

mm.de: Was bedeutet das für die Unternehmen - haben die diesen Trend erkannt?

Foot: Kurze Antwort - nein, sie haben es nicht erkannt. Die Firmen wenden sich immer an die jungen Menschen. Das ist aus zwei Gründen ein Fehler: Zum einen werden die jungen Menschen als die Gruppe angesehen, die leichter zu beeinflussen ist. Zum anderen glauben Unternehmen an das lange Leben - junge Menschen haben ein längeres Leben vor sich, binnen dessen sie konsumieren können. Pustekuchen! Schauen Sie, als junger Mensch trinken Sie Coca-Cola, dann - etwas gereift - greifen Sie zu Diät-Cola. Und irgendwann wollen Sie gar kein solches Getränk, sondern etwas anderes. Oder das niedrige Sportauto - wenn Sie Arthritis haben, wollen Sie einen höheren Einstieg. Doch das Unternehmen muss auch alle diese Produkte anbieten. Sonst wechseln Sie die Marke.

mm.de: Die Schuld der Unternehmenslenker?

Foot: In der Summe sind CEOs noch schlimmer als Politiker, denken in noch kürzeren Zeiträumen. Boni werden ja auf Jahressicht gezahlt. Die Quartalsberichte der börsennotierten Unternehmen helfen da naturgemäß auch nicht, sich von Kurzfristdenken zu distanzieren.

Die ideale Welt

mm.de: Wie sähe eine ideale Welt denn aus?

Foot: Boni sollten sich am gleitenden Durchschnitt mindestens der vergangenen drei Jahre orientieren, das würde helfen.

mm.de: Bietet die Krise eine Chance, dass sich das ändert?

Foot: Nein, das wird sich nicht ändern. Das bleibt ein Traum.

mm.de: Bedeutet diese Entwicklung langfristig den notwendigen Zusammenbruch der Rentensysteme?

Foot: Das Europäische Rentensystem ist ein Scherbenhaufen. Es gibt eine steigende Anzahl von Ruheständlern pro Einzahler und diese Situation wird durch wenig oder gar kein Wachstum intensiviert.

mm.de: In Deutschland wurden die Renten jüngst außerplanmäßig erhöht. Hilft das?

Foot: Die Alten wählen, die Jungen demonstrieren. Für Politiker ist das eine einfache Abwägung. Und die Wähler sind vergesslich. Das Schlimme ist, dass die Politiker diese Versprechen langfristig nicht erfüllen können - eben aufgrund der Bevölkerungsstruktur und der damit einhergehenden Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.

mm.de: Wie durchschlägt man diesen gordischen Knoten?

Foot: Mit so einer Art Wohlstandssteuer, die ältesten Menschen haben den größten Wohlstand, das ließe sich nutzen. Oder eine Tobin-Tax, die global vereinbart wird. Nehmen Sie nur 0,01 Prozent der vielen Milliarden Dollar, die den Globus täglich umströmen, in der Summe ist das einiges.

Risiko Altersvorsorge

mm.de: Was halten Sie denn davon, sich privat mit Finanzprodukten abzusichern?

Foot: Das klappt dann am besten, wenn das Wirtschaftswachstum langfristig gewährleistet ist.

mm.de: Professor Foot, haben Sie auch einen positiven Ratschlag an junge Menschen?

Foot: Glauben Sie nicht alles unbesehen, all diese Neoklassiker sind nicht in Stein gemeißelt. Das sehe ich an meinen Studenten, die kennen gar nichts anderes als den Markt, sie sind damit aufgewachsen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.