Sonntag, 15. Dezember 2019

Dax-Geflüster Lassen Sie sich kein V für ein U vormachen

Scrabble für Fortgeschrittene: V, U oder gar L - mit welcher Art von Rezession haben wir es zu tun? Die Börsianer haben sich ihre Meinung anscheinend schon gebildet. Von den Erwartungen der meisten Konjunkturforscher würde die aber stark abweichen.

An der Börse sieht alles nach einem V aus. Aber die meisten Experten glauben nicht an ein V. Sie sprechen eher von einem U. Einem lang gezogenen, breiten U. Pessimisten sagen sogar noch Schlimmeres voraus: Es könnte ein L werden, so wie in den 30er Jahren. Auch Japan rutschte Anfang der 90er in ein L - und steckt eigentlich bis heute darin fest. Ein L wird es, wenn das U so breit ist, dass man die zweite Hälfte nicht sehen kann. Aber die Pessimisten sind deutlich in der Minderheit.

V, U, W oder L? Noch weiß niemand, in welcher Rezession wir stecken
Konjunkturforscher teilen Rezessionen in Kategorien ein, denen Buchstaben zugeordnet werden. Die Bezeichnung richtet sich danach, wie ein Konjunkturverlauf auf dem Chart aussieht. Am bekanntesten sind die V-, die U-, und die L-Rezession.

Einmal runter und schnell wieder hoch, so sieht ein V aus. Der Verlauf des Dax-Charts Börsen-Chart zeigen seit Anfang 2008 sieht - durch die unscharfe Brille betrachtet - auch so aus. Im Januar 2008 stand der Dax bei mehr als 8000 Punkten. Dann ging es abwärts, bis auf etwa 3600 Punkte im März 2009. Seitdem hat der Leitindex wieder etwa 30 Prozent an Wert gewonnen. Es scheint ganz so, als hätten an der Börse - zwischenzeitliche Rückschläge wie jene dieser Tage hin oder her - die Optimisten das Ruder wieder übernommen.

Aber ist das realistisch? Ist es wirklich schon an der Zeit, das Ende der Krise einzuläuten? Experten raten ab. "Wir haben es sicher nicht mit einer V-Rezession zu tun", sagt etwa Joachim Scheide, Leiter der Prognoseabteilung am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Diese Rezession ist tiefer und länger als andere, der Aufschwung wird später kommen als im Normalfall." Der Normalfall, das ist laut Scheide eine konjunkturelle Schwächephase, die etwa ein Jahr andauert. Die derzeitige Rezession wird aber seiner Ansicht nach mindestens zwölf Monate länger dauern.

Ein Grund dafür: Der aktuelle Abschwung ist regional nicht begrenzt. Damit fällt ein Mittel zur Gegensteuerung aus. "Trifft eine Rezession nur ein Land oder eine Region, so kann mit einer Abwertung der jeweiligen Währung darauf reagiert werden", sagt Scheide. "Da die Probleme in unserem Fall jedoch rund um den Globus reichen, besteht diese Möglichkeit zur Ankurbelung der Exporte nicht."

Das IfW erwartet, dass die deutsche Wirtschaft erst im dritten Quartal 2010 auf den Wachstumspfad zurückkehrt. Das haben die Fachleute aus Kiel gemeinsam mit anderen führenden Forschungsinstituten kürzlich auch in der Gemeinschaftsdiagnose ihres Frühjahrsgutachtens festgehalten. Ein lang gezogenes, sehr breites U also.

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