Zinsangebote Mini-Inflation erweckt Mauerblümchen

Festzins- und Tagesgeldangebote sehen nach Einschätzung vieler Anleger derzeit recht kümmerlich aus. Doch deren realer Ertrag ist viel höher als gedacht: Die niedrige Inflation macht die Zinsmauerblümchen zur Anlagealternative. Die realen Zinsen sind also so hoch wie seit Jahren nicht mehr.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Deutschlands Sparer fühlen sich in die Enge getrieben. Ratlos betrachten nicht wenige die Kurssprünge an der Börse - und bleiben lieber abseits stehen, als von den Aktienkursgewinnen zu profitieren. Zugleich zögern sie, ihr Geld statt in Aktien in vergleichsweise sichere Zinstitel zu stecken, beispielsweise als Tagesgeld zu investieren. Denn diese Wertpapiere werfen scheinbar nur noch Minizinsen ab: Marktführer ING-Diba etwa zahlt seinen Tagesgeldkunden gerade noch 1,5 Prozent Zinsen.

"Bei den Anlegern herrscht Rekordpessimismus", hat dann auch Gianni Hirschmüller festgestellt, der für sein Analysehaus Cognitrend zuletzt Anleger im Auftrag der Deutschen Börse  befragt hat.

Doch auf den zweiten Blick sind immerhin die Tagesgeldangebote bei weitem lukrativer, als es die Minizinsen erscheinen lassen. Grund dafür ist die niedrige Inflationsrate.

"Man will es vielleicht gar nicht erst so recht glauben: Die geringe Teuerung, die wir gerade in Deutschland und Europa erleben, hebt die Zinsangebote der Banken sogar auf ein historisch respektables Niveau", sagt Max Herbst, Chef der Frankfurter Finanzberatung FMH. Und tatsächlich spielt die Inflationsrate in Europa den Anlegern gerade mächtig in die Karten.

Weil die Teuerung hierzulande auf ein Minimaß von 0,7 Prozent im April geschrumpft ist, wie das Statistische Bundsamt zuletzt ermittelt hat, fällt nur noch ein kleiner Teil des Spargroschens der sonst so gefräßigen Geldentwertung zum Opfer. Somit bleiben den Sparern von den scheinbar mickrigen Zinsen ihrer Tagesgeldangebote derzeit real im Schnitt 1,13 Prozent Ertrag. Und wer sich für ein überdurchschnittlich gutes Zinsangebot etwa der Santander Direkt Bank, der Oyak Anker Bank oder des Internetablegers der Frankfurter Sparkasse 1822 Direkt entscheidet, steht noch deutlich besser da.

"Unter dem Strich ist das nicht so weit von dem entfernt, was Sparer seit Einführung des Euro im Jahr 1999 überhaupt je real im Mittel von Tagesgeldangeboten erwarten konnten", sagt FMH-Chef Herbst. Die Lage könnte im Gegenteil sogar weit schlechter sein.

Im März vergangenen Jahres beispielsweise waren mit Tagesgeldanlagen zwar im Schnitt nominal 3,1 Prozent Zinsen einzustreichen. Das ist scheinbar viel attraktiver als die heutigen Angebote ausfallen. Doch damals raubte die Inflation den Anlegern die kompletten Zinsen. Real kam so unter dem Strich eine kümmerliche Null heraus. Und das war nicht einmal die bitterste Phase, die Tagesgeldsparer in den vergangenen Jahren erleben mussten.

Günstiges Umfeld für Sparer

Günstiges Umfeld für Sparer

Eine wahre Durststrecke von realen Wertverlusten erlebten Sparer zwischen Juni 2005 und Juli 2006. 13 Monate in Folge nahm die Teuerung den Anlegern damals mehr als die Zinsen hergaben - obwohl sie optisch im Schnitt deutlich höher als derzeit schienen. Ein Verlustgeschäft also. Doch im Moment ist es fast andersherum, und das günstige Inflationstief könnte auch noch einige Monate anhalten.

Zwar rechnen noch immer Experten damit, dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins von aktuell nur noch 1,0 Prozent womöglich noch ein weiteres Mal senken könnte; die Tagesgeldangebote der Banken würden dann ebenfalls noch einmal schlechter werden. Doch "im Sommer sollte auch die Inflationsrate wieder niedriger als die aktuellen 0,7 Prozent sein", erwarten die Bundesstatistiker. Beide Effekte würden sich dann nahezu ausgleichen, sofern die Finanz- und Wirtschaftsexperten mit ihren bisherigen Prognosen Recht behalten.

Wer dennoch einfach mehr von seiner Zinsanlage erwartet und vor allem deutlich längere Anlagezeiträume zur Verfügung hat als die kurzen, für die Tagesgeldofferten oftmals genutzt werden, sollte derzeit einen Blick auf Unternehmensanleihen werfen. Die versprechen - bei entsprechend höherem Risiko - momentan besonders hohe Erträge. Und wurden zuletzt speziell auf die Vorlieben von Privatanlegern zurechtgeschneidert.

"Wir bemerken seit geraumer Zeit, dass viele prominente Unternehmen wieder gezielt Privatanleger als Geldgeber suchen", sagt Peter Lischke, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Berlin. So seien viele neue Unternehmensanleihen auf dem Markt wieder wie früher in Stückelungen von 1000 Euro zu haben; in den vergangenen Jahren boten die Unternehmen dagegen in der Regel Bonds im Nennwert von 50.000 Euro an, weil sie vielfach verstärkt auf größere Investoren setzten. "Und da Privatkunden ihre Anleihen fast immer auf Endfälligkeit kaufen, sind die Emissionen zuletzt grundsätzlich mit Laufzeiten unter 7 Jahren ausgestattet gewesen", ergänzt Roland Plan, der bei der Royal Bank of Scotland  das Emissionsgeschäft leitet. Und ungewöhnlich hohe Zinsen gibt es obendrein:

Neue Unternehmensanleihen attraktiver als Vorgänger

Neue Unternehmensanleihen attraktiver als Vorgänger

Selbst die Unternehmen aus der obersten deutschen Börsenliga überboten sich zuletzt darin, neue Anleihen auf den Markt zu bringen, deren Verzinsung über den eigenen Bonds aus vergangenen Tagen liegt.

Die Düsseldorfer Metro  etwa bot zuletzt für eine Anleihe mit fünf Jahren Laufzeit 9,375 Prozent Zinsen - so viel wie lange nicht. Kaum anders steht es beispielsweise um neue Anleihen von ThyssenKrupp . "Manche Papiere bieten hier historisch einmalige Investmentchancen", sagt Jürgen Rauhaus dann auch unabhängig vom Einzelfall, Investmentchef bei Pioneer Investments.

Das Zinsplus kommt aber nicht von ungefähr. Die Wirtschaftslage nicht nur in der Bundesrepublik war zuletzt so schlecht, dass die Firmen einen Ausgleich für das Risiko bieten mussten, Zinsen und Tilgung der Bonds womöglich nicht termingerecht erfüllen zu können - oder gar nicht.

Die Kreditwächter der Ratingagentur Fitch mussten alleine im vergangenen Jahr 37 prominentere solcher Fälle melden. Und die Ratingagentur Standard & Poor's machte zuletzt eine seitenlange Liste mit Namen solcher Branchenschwergewichte wie General Motors  oder Eastman Kodak  publik, die ebenfalls in Schwierigkeiten geraten könnten. Der Name des deutschen Modekonzern Escada  war auch darauf zu finden.

Wie sich Zinsanleger entscheiden, bleibt ihnen überlassen. Auch, weil zuletzt erste Konjunkturindikatoren wie das Geschäftsklimabarometer des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes für Deutschland eine Stabilisierung der Wirtschaftslage nahe legten. Oder die Exportstatistik des Bundes, die für den Monat März erstmals seit mehreren Monaten wieder höhere Ausfuhren im Vergleich zum jeweiligen Vormonat anzeigte. Doch Experten warnen: "Derzeit ist es extrem schwierig, die weitere Entwicklung einzelner Unternehmen abzuschätzen", sagt etwa Ralph Gasser vom Schweizer Bankhaus Julius Bär.

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