Welthandel Der Schock von Seattle sitzt tief

"Wir haben die Welthandelskonferenz ganz alleine zu Fall gebracht", gesteht WTO-Generaldirektor Mike Moore. "Wir brauchen kein Globalisierungshasser", fordert Mexikos Präsident Zedillo.

Davos - Beim Weltwirtschaftsforum hat sich deutlich gezeigt, dass Politiker und Konzernchefs den schweren Schock von Seattle noch nicht verdaut haben. Der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), Mike Moore, musste am Freitag in Davos zugeben, dass er zwei Monate nach dem Scheitern der WTO-Konferenz in Seattle noch keinen neuen Fahrplan für weitere Verhandlungen zur Handelsliberalisierung hat.

Die WTO-Konferenz in Seattle habe keine Ergebnisse gebracht, weil die Mitgliedsstaaten für eine neue Liberalisierunsrunde nicht genügend vorbereitet gewesen seien, sagte Moore. "Seattle ist nicht wegen der Proteste gescheitert", betonte er. "Wir haben die Konferenz ganz alleine zu Fall gebracht, dafür brauchten wir die Demonstranten nicht."

Vor allem bei den problematischen Themen Landwirtschaft, Textil, Investitionen und Arbeiterrechte lägen die Positionen der mehr als 130 WTO-Mitgliedsländer immer noch weit auseinander, sagte Moore. Der Direktor der asiatischen Organisation Netzwerk Dritte Welt, Martin Khor, warf der WTO vor, ihre Verhandlungsprozesse seien absolut undemokratisch. Die Entwicklungsländer sperrten sich nur deshalb gegen weitere Liberalisierungen, weil sie von den Industrieländern schon bei der Uruguay-Runde über den Tisch gezogen worden seien.

Mexikos Präsident Ernesto Zedillo sprach sich dagegen für eine neue große Liberalisierungsrunde aus. Die "Allianz der Globalisierungshasser", die in Seattle vor dem Konferenzgebäude protestiert habe, habe behauptet, den armen Ländern helfen zu wollen, sagte Zedillo. "In Wirklichkeit verhindern sie aber nur, dass sich die Menschen in den Entwicklungsländern weiter entwickeln können." Denn nur ein von der WTO garantierter besserer Marktzugang könne ihnen Wirtschaftswachstum bringen.

Vertreter der Wirtschaft erklärten in Davos, die gewaltsamen Proteste in Seattle hätten vor allem gezeigt, dass die WTO allein nicht in der Lage sei, dem Mann auf der Straße die Vorteile der Handelsliberalisierung zu erklären. Dies müssten die internationalen Konzerne nun selbst in die Hand nehmen, sagte Lewis Campbell, Vorstandsvorsitzender des US-Mischkonzerns Textron.

Mit Spannung erwarten die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums den Auftritt von US-Präsident Bill Clinton an diesem Samstag. Viele Konzernchefs hoffen, dass er einen Weg aus der Sackgasse aufzeigen wird, in der sich die WTO momentan befindet.