Ludwig von Mises Der nicht mit den Wölfen heulte

Seine Werke gehören zu den wichtigsten prokapitalistischen Gegenentwürfen zu Karl Marx. Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises attackierte zeitlebens Sozialismus und Staatsgläubigkeit. Die Schärfe seiner Argumentation bekamen dabei nicht nur seine Gegner zu spüren. Selbst Hayek, Friedman und Co. waren für ihn "ein Haufen Sozialisten".
Von Arne Stuhr

"Der Staat sollte innerhalb seiner Grenzen die Bürger vor gewaltsamen und betrügerischen Angriffen von Verbrechern schützen und das Land gegen Feinde von außen verteidigen. Das sind die Aufgaben eines Staates in einem freien, marktwirtschaftlichen System." (Ludwig von Mises)

Hamburg - Konjunkturpakete in dreistelliger Milliardenhöhe, Banken enteignet oder unter staatlicher Kuratel und Notenbanken, die den Markt schier endlos mit Liquidität fluten - so oder so ähnlich muss sich der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 bis 1973) wohl die Hölle auf Erden vorgestellt haben.

Mises' Kritik im Originalton: "Das Wesen der Staatstätigkeit ist, Menschen durch Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung zu zwingen, sich anders zu verhalten, als sie sich aus freiem Antriebe verhalten würden." Er war also, wie es die "Neue Zürcher Zeitung" anlässlich seines 90. Geburtstags schrieb, ein "kompromissloser Laisser-faire-Vertreter" oder wie Jörg Guido Hülsmann  seine maßgebliche Mises-Biografie überschrieb "The Last Knight of Liberalism".

"Mises hat ein in sich geschlossenes sozialwissenschaftliches Denkgebäude geschaffen, dessen Kern eine realistische Logik des Handelns ist", fasst Ökonom Hülsmann, Professor im französischen Angers, die wissenschaftliche Leistung des liberalen Ritters im Gespräch mit manager-magazin.de zusammen. "Dieses Denkgebäude hat eine enorme Tiefe und Breite", so Hülsmann weiter, und besteche unter anderem durch seine "Kohärenz und Klarheit der Argumentation". "Es ist einfach ein Genuss, einer treffenden Argumentation folgen zu dürfen", gerät der 42-Jährige ins Schwärmen.

Dieser Formulierkunst unterlagen zum Beispiel auch die Ökonomen Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke, die nach der Lektüre des 1922 veröffentlichten Mises-Buches "Die Gemeinwirtschaft" vom Sozialismus abließen und sich dem Liberalismus zuwendeten.

In der Abhandlung hatte von Mises nicht weniger als die Unmöglichkeit eines sozialistischen Wirtschaftens nachgewiesen. Da im Sozialismus nur Gemeineigentum existiere, gebe es auch keinen Tausch und keine Preise. Daher sei eine Rentabilitätsberechnung von Investitionsalternativen schlicht nicht möglich, so von Mises Argumentation.

"Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nimmt der Gesellschaft das einzig bekannte Mittel der rationalen Wirtschaftsführung. Sie überwindet damit nicht die vermeintliche 'Anarchie des Marktes', sondern begründet tatsächliche Anarchie der politischen Willkür. Sozialismus ist 'geplantes Chaos'", erläutert Mises-Biograf Hülsmann.

"Es ist uns eingeboren, dass wir das Glück suchen"

"Man kann Mises' Bedeutung für die Ökonomie und die Sache der Marktwirtschaft nicht verstehen, wenn man sich nicht mit seiner Widerlegung des Sozialismus befasst", schreibt Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Potsdam, in seiner Einleitung der im vergangenen Herbst erschienenen Neuauflage des Buches "Vom Wert der besseren Ideen".

Das Buch, dessen Originalausgabe 1979 von Mises' Frau Margit herausgegeben worden war, bündelt sechs Vorlesungen, die der Ökonom Ende der 50er Jahre nach dem ersten Sturz Juan Peróns in Buenos Aires gehalten hatte.

Neben der bereits erwähnten Kritik am Sozialismus sprach von Mises vor den argentinischen Studenten unter anderem über die kapitalistischen Grundprinzipien, die "Segnungen" staatlicher Einmischung und die Gefahren der Inflation, gerade in Zeiten wie diesen eine durchweg lohnende Lektüre. Denn auch wenn - so schrieb es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einer Rezension - die Ausführungen "bisweilen etwas befremdlich" wirkten, sei es "wohltuend, sich mit Mises' klaren Gedanken auseinanderzusetzen".

An Klarheit lässt es von Mises in seinen Vorlesungen wahrlich nicht mangeln: "Die berühmte alte Geschichte, […] dass die Fabriken Frauen und Kinder beschäftigten, und dass die Frauen und Kinder, bevor sie anfingen in Fabriken zu arbeiten, unter befriedigenden Verhältnissen gelebt hätten, ist eine der größten Geschichtsverfälschungen. Die Mütter, die in den Fabriken arbeiteten, hatten nichts zu kochen. […] Und die Kinder kamen nicht aus bequemen Kinderzimmern, sie hungerten und starben."

Doch von Mises, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 Hochschullehrer und Direktor der Österreichischen Handelskammer in Wien und von 1934 bis 1940 Professor am Institut des Hautes Études in Genf, konnte nicht nur scharf, sondern auch philosophisch argumentieren. "Die Wissenschaft beantwortet alle Fragen, die das Leben stellt; sie schweigt nur, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob das Leben wert ist, gelebt zu werden", stellt er im Schlusswort der "Gemeinwirtschaft" fest. Und weiter: "Es ist uns eingeboren, dass wir nicht leiden wollen, dass wir unbefriedigt sind und nach Behebung des Unbefriedigtsein streben, dass wir das Glück suchen."

"Ihr seid nichts als ein Haufen Sozialisten"

Sein eigenes Glück fand von Mises dann zwar in den USA, wo er bis zu seinem Tod lehrte und lebte, blieb aber stets ein Außenseiter. "Mises hat nie mit den Wölfen geheult, hat auch nie versucht, sich an die Spitze der Meute zu setzen, um sie auf vermeintlich bessere Wege zu lenken", so sein Biograf Hülsmann. Er habe also "dem Konformismus keinerlei Tribut gezollt" und "immer die vorherrschenden Denkfehler angegriffen".

Dabei beließ er es aber nicht bei "prokapitalistischen Gegenstücken" (Hülsmann) zu Karl Marx, sondern machte auch vor den Kollegen aus dem gleichen ideologischen Lager keinen Halt. "Ihr seid nichts als ein Haufen Sozialisten", soll von Mises einst auf einer Tagung der liberalen Mont-Pèlerin-Gesellschaft, zu deren Mitgliedern neben Hayek zum Beispiel auch Milton Friedman und Walter Eucken gehörten, den Anwesenden zugerufen haben, bevor er wutschnaubend den Raum verließ. Euckens Ordoliberalismus sowie die Versuche Röpkes und Walter Lippmanns, dem Interventionsstaat einen festen Platz im liberalen Gedankengebäude zu verschaffen, hielt Mises laut Jörg Guido Hülsmann "für völlig verfehlt".

Und wem würde der Mises-Kenner in Zeiten von Bad Banks und Enteignungsgesetz die Lektüre des Großdenkers der Österreichischen Schule empfehlen? "Ich habe nicht den Eindruck, dass auch nur ein einziger führender deutscher Manager oder Politiker mit den Ideen von Mises vertraut ist. Also würde ich allen gleichermaßen eine solche Empfehlung geben", so der seinem wissenschaftlichen Vorbild an Schärfe in nichts nachstehende Hülsmann. Denn nicht nur "staatlicher Aktivismus", sondern auch die "währungspolitische Planwirtschaft durch die Zentralbanken" sei "zum Scheitern verurteilt". Dieser Bereich müsse "den kalten Klauen des Staates" entrissen, und "die Währung zu einem Teil der privaten Wirtschaft" gemacht werden.

Starker Tobak, aber auch Nobelpreisträger Hayek sagte einst über Mises' 1912 erschienene "Theorie des Geldes", dass der Welt vieles erspart geblieben wäre, wenn - der aktuell ja wieder gefeierte - John Maynard Keynes sie gründlicher gelesen hätte.

Ob das so stimmt, mag dahingestellt sein. Vielleicht kann man sich aber auf das einigen, was Michael Zöller, Professor für politische Soziologie in Bayreuth, jüngst über Jesús Huerta de Sotos Buch "The Austrian School" geschrieben hat: "Ein stärkerer österreichischer Akzent würde die wissenschaftliche und die ordnungspolitische Diskussion beleben."

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