Dax-Geflüster Schwalbe oder Sommer?

Die Börsen im Aufwind - könnte es wahr sein? Und die Aktien tatsächlich das Ende der Krise vorwegnehmen, wie die Lehrbücher es vorsehen? Oder bewahrheitet sich nur das alte Sprichwort, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sie hat etwas frisches, so einen Hauch von Sommer, die Entwicklung des Dax  der vergangenen Wochen. Ein Plus von gut 1000 Punkten verbucht der Index seit Anfang März. Ja, ist denn heut' schon Börsensommer? Oder ist es doch nur eine Schwalbe, eine Zwischenerholung? So genau mag das derzeit niemand sagen.

Zu groß ist offenbar die Angst, danebenzuliegen. Viele halten sich lieber bedeckt. Etwas wolkig spricht zum Beispiel ING Investment Management von dauerhaft hoher Volatilität. "Wir bleiben bei unserer Prognose für die Aktienmärkte, die 2009 überwiegend innerhalb einer breiten Trading Range notieren werden, mit Kursausschlägen in beide Richtungen", so die Einschätzung der Niederländer. Pioneer-Fondsmanager Karl Huber fügt hinzu: "Mit der hohen Volatilität wird man weiterhin leben müssen." Er verwaltet den German Equity .

Doch es gibt tatsächlich Zeichen dafür, dass die Börsenwelt sich zum Besseren wendet. Zum Beispiel die Frühindikatoren, berichtet Conrad Mattern, "da tut sich was, ganz anders als bei den kurzfristigen Indikatoren wie den Neubauzahlen in den USA". Mattern verwaltet mit dem Conquest Behavioral Finance Aktien  einen Fonds nach börsenpsychologischen Grundsätzen. Pioneer-Mann Huber sieht daher den Anfang der Bodenbildung erreicht.

Dann wären da noch die Lehrbücher, die davon sprechen, dass Börsen sich bereits ein gutes halbes Jahr vor Ende einer Krise nachhaltig erholen. Da passt es doch wunderbar ins Bild, dass das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärt, die Rezession sei im Herbst dieses Jahres beendet. Rein rechnerisch fiele die Börsenerholung - Herbst minus ein halbes Jahr ist gleich Frühling - in den März. Der Börsensommer hätte also begonnen.

Doch von anderer Seite kommen frostige Signale. Joseph Stiglitz, immerhin Nobelpreisträger, prophezeit, dieses Jahr werde das schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945. Steigende globale Armut und die US-Defizite sind da nur zwei Ausprägungen seiner Lesart der Welt. Doch deren Einfluss auf die Börse setzt voraus, dass dort eben Erwartungen für die Zukunft gehandelt würden, positive wie negative.

Und was wäre, wenn die Börsen ihrer Augurenfunktion aktuell gar nicht nachkämen, sondern nur noch auf aktuelle Nachrichten reagierten? Auf die US-Berichtssaison zum Beispiel, die nicht so katastrophal ist wie von einigen befürchtet. Und auf andere positive Meldungen. So scheint zum Beispiel der Markt für Börsengänge aus seiner Schockstarre zu erwachen. Immerhin wurde bereits im April mit dem Onlinedienst Bridgepoint bereits das dritte IPO in den USA protokolliert.

Oder nehmen Sie die Medien, von einigen Anlageprofis nicht ganz ernsthaft als Kontraindikator gewertet. Das Magazin "Börse

Online" fragt auf einem aktuellen Titelblatt, wie lange die Aktienrally noch weitergehe, rechnet also offenbar mit einem baldigen Ende. All das wäre gut genug, Dax und Co. zumindest kurzfristig zu befeuern, zum Schwalbenflug zu verlocken, um im Bild zu bleiben.

Satan und die Börsenstimmung

Die Stimmung wäre es also, die derzeit alles überlagert. "Bearish", nennt sie J. P. Morgan Asset Management in einem Strategiepapier, "schlecht". In so einer Situation können Anleger die langfristigen Ziele tatsächlich schon einmal aus dem Auge verlieren - und die Kurse an den Börsen zu irrationalen Ausschlägen treiben. Doch ganz so düster will Börsenpsychologe Mattern das Bild nicht zeichnen - "die Anleger sind einfach erleichtert darüber, dass das Armageddon ausgeblieben ist". Zum Beispiel auch darüber, dass Banken - wie auch immer - offenbar Geld verdienen. Die Börse scheint sich also wieder etwas in Richtung Zukunft zu bewegen. "Seit Anfang März schaut man wieder etwas mehr nach vorn", so Huber. Doch viele Anleger stehen noch abseits, so der Fondsmanager. "Und stecken zum Beispiel in defensiven Werten. Selbst wenn es sich bei der aktuellen Entwicklung nur um eine Bärenmarktrally handelt, so kann man sie nicht mitnehmen."

In der Zwischenzeit haben krude Phänomene und Theorien Hochkonjunktur. Der "Playboy" wollte "Women of Wallstreet" auf Hochglanzfotos zeigen, ein Londoner Restaurant bietet "credit-munch" an, Kreditkrisenmampf. Und da wäre noch Mike Morgan. Die "Financial Times Deutschland" berichtete, Morgan hätte auf seiner Netzpräsenz goldman666.com erklärt, die Investmentbank Goldman Sachs  sei des Teufels. Die wiederum bewies teuflisch wenig Humor und ließ die Seite offenbar schließen. Inzwischen bezeichnet Morgan - der die Goldman-Aktien übrigens nach eigenem Bekunden geshortet hat - die Seite als Forum. Das Kürzel 666 geht auf die Bibel zurück und auf die orientalische Schule der Kaballa. Diese Kaballa ermöglicht es Eingeweihten und weisen Männern, die Worte in einem Buch wie der Bibel, in Zahlen aufzuspalten, die wiederum unbegrenztes Wissen verschaffen sollen. Wissen zum Beispiel über die Zukunft. Da diese Methode aber zu ganz verschiedenen Ergebnissen führen kann, ist ihr Aussagewert eher begrenzt.

Kryptische Zahlen, der Blick in die Zukunft und der Mangel klarer Aussagen; das klingt nur allzu bekannt. Sommer oder Schwalbe? Keiner weiß es.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.