Notenbanken Die wahren Helden der Krise?

Wer kämpft in vorderster Front gegen die Krise, fragt der Vermögensverwalter Markus Zschaber in einem Gastkommentar für manager-magazin.de. Es sind die Notenbanken.
Von Markus Zschaber

Köln - Seit vergangener Woche sollte jedem Marktteilnehmer klar sein, dass rund um den Globus diverse Notenbanken, an vorderster Stelle die US-Notenbank, Federal Reserve (Fed), die Geldpressen anwerfen, um der schwersten Krise seit über acht Jahrzehnten entgegenzuwirken. Daraus kann nach meiner Auffassung abgeleitet werden, dass die Systematik der kapitalistischen Weltwirtschaft in eine neue Phase übergeht. Meine Überzeugung ist, dass de facto die Notenbanken aus den USA, Großbritannien, Schweiz und Japan ihre Bilanzen verlängern werden, um die Kapital- und Kreditmärkte zu stützen - und das in einem noch nicht öffentlich bekannten Ausmaß.

Die konventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel die Senkung der Leitzinsen oder der Refinanzierungssätze gelten wohl in einigen Regionen und Volkswirtschaften als nicht ausreichend beziehungsweise als bereits ausgeschöpft. In den besagten Nationen, den USA, Großbritannien, der Schweiz und Japan, hat das Leitzinsniveau bereits absolute Rekordtiefstände erreicht, sodass weitere monetäre Stimulationen durch diesen geldpolitischen Kanal nicht mehr möglich sind und die Notenbanker neue Lösungsansätze einschlagen müssen, um durch geldpolitische Impulse die Märkte zu stützen. Einer dieser Lösungsansätze wird neudeutsch als "quantitative Lockerung" bezeichnet, was bedeutet, dass die Notenbanken am Markt als Käufer von zum Beispiel Unternehmensanleihen, Staatsanleihen, Hypothekaranleihen und so weiter auftreten und somit künstlich die Geldmenge ausweiten, was wiederum zur Folge haben soll, deflationäre Effekte möglichst zu stoppen oder sogar zu verhindern.

Nach meiner Meinung sind solche Maßnahmen in schweren Systemkrisen berechtigt und auch notwendig. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass solche Interventionen schwerwiegende Eingriffe in die freie Marktwirtschaft bedeuten, da die Notenbanken durch dieses künstliche Kaufverhalten die Preismechanismen der Märkte beeinflussen. Diese Vorgehensweise führt zu hohen Ineffizienzen an den Kapital- und Kreditmärkten und sollte somit nur als absolute Ausnahme umgesetzt werden. Außerdem beurteile ich diese Maßnahmen als nachhaltig nicht unkritisch, da sich die Geldmenge einer Volkswirtschaft dadurch stark ausweitet und die mittel- bis langfristig inflationistische Entwicklung signifikant erhöhen könnte.

Die wichtigsten Spieler

Die Bank of England ...

Im September des vergangenen Jahres hat die Bank of England begonnen, den Leitzins in einem noch nie zuvor gesehenen kurzen Zyklus von 5,5 Prozent auf 0,5 Prozent zu senken. Der Notenbank-Gouverneur Mervyn King gilt nach meinen Erfahrungen, gerade in Bezug auf monetäre Interventionsmaßnahmen, als rigoros. Nach dem er seitens der britischen Regierung die Erlaubnis bekommen hat, Staatsanleihen in Höhe von 150 Milliarden Pfund anzukaufen, trat er vor die Presse und signalisierte Kampfgeist und Zuversicht.

Wie bereits dargestellt, bewerte ich die quantitative Lockerung als eher kritisch, sodass der neu entfachte Enthusiasmus der Bank of England mir langfristig zu denken gibt. Ich bin der Auffassung, dass sich Herr King erhofft, dadurch eine mögliche nachhaltige Deflation zu bekämpfen sowie durch den Ankauf der Staatsanleihen die Zinsen künstlich zu senken, um somit die Refinanzierungen attraktiver zu gestalten.

Auf der anderen Seite wird nach meiner Überzeugung durch diese Maßnahme versucht, die Geldmenge auszuweiten, sodass Unternehmen und die privaten Konsumenten angeregt werden zu investieren und die Banken in der Konsequenz der stimulierten Nachfrage das notwendige Angebot bereitstellen. Ob das nachhaltig Erfolg versprechend sein wird, wage ich zu bezweifeln, da das Vertrauen der Schlüssel zum Erfolg sein wird und dieses weiterhin, gerade in der Bankenlandschaft in Großbritannien, als gestört eingestuft werden kann.

... und die US-Notenbank

Die amerikanische Notenbank Fed hat zuletzt verkündet, die Kreditmärkte mit über einer Billion Dollar zu überschwemmen und greift damit immer tiefer in die geldpolitische Trickkiste, um die Rezession in den USA in den Griff zu bekommen. Allein den beiden komplett verstaatlichten Immobilienfinanzierern Freddie Mac und Fannie Mae sollen Anleihen im Wert von über 200 Milliarden US-Dollar abgekauft werden, um deren Bilanzen zusätzlich zu bereinigen. Darüber hinaus wird die Federal Reserve in den kommenden sechs Monaten Staatsanleihen verschiedener Laufzeiten in Höhe von rund 300 Milliarden US-Dollar an den Kapitalmärkten ankaufen, und bereits laufende Programme zum Aufkauf forderungsbesicherter Anleihen sollen um über 750 Milliarden US-Dollar ausgeweitet werden.

Nach meiner Einschätzung belegt diese Vorgehensweise zwei Thesen: Erstens ist die Notenbank bereit, alle nur erdenklichen Vorkehrungen zu treffen, um die Krise zu bekämpfen und zweitens ist die Rezession so schwerwiegend, dass diese Vorkehrungen auch unbedingt gebraucht werden, um die Kreditklemme und Immobilienmarktkrise in den Griff zu bekommen.

Nach meinen Berechnungen werden diese Maßnahmen die Bilanz der Federal Reserve in noch nie zuvor gesehene Summen aufblähen. Ihr Chef Ben Bernanke versuchte in den vergangenen Wochen und Monaten, die bereits im Winter 2008 überproportional angestiegene Bilanzsumme von 2300 Milliarden US-Dollar sukzessive zu reduzieren, was ihm auch zumindest partiell ganz gut gelang. Im Februar 2009 wies die US-Notenbank eine Bilanzsumme von 1900 Milliarden US-Dollar aus. Die jüngst angekündigten Maßnahmen werden aber dafür sorgen, dass die Bilanzsumme über 3000 Milliarden US-Dollar anwachsen wird. Das geldpolitische Gerüst in den USA wird damit auf eine ganz besonders schwierige Probe gestellt, da die Maßnahmen wie die Flutung der Geldmärkte, ähnlich wie in Großbritannien, mittelfristig nicht zu unterschätzende Teuerungsrisiken bergen.

Ich erachte es als sehr unwahrscheinlich, dass die Notenbanken wirklich nachhaltig die wahren Helden dieser weltweiten Finanzmarktkrise sein werden. Die wirtschaftspolitische Historie hat bewiesen, dass die vollkommene freie Marktwirtschaft zwar zu schweren Krisen führen kann, nachhaltige staatliche Eingriffe, Protektionismus und schwerwiegende geldpolitische Interventionen jedoch in der Regel in Armut enden. Sollte es den Notenbanken allerdings gelingen, ihre Bilanzen im kommenden Aufschwung möglichst marktunschädlich zu bereinigen, könnte der volkswirtschaftliche Preis, den wir alle mittel- bis langfristig durch inflationistische Spannungen bezahlen werden, begrenzt bleiben.