G20-Gipfel Unternehmen Weltrettung

In den Londoner Docklands treffen sich zur Stunde die Mächtigen der Welt, um die Finanzkrise zu bekämpfen und Auswüchse der Branche zurückzuschneiden. Doch nicht nur die Lenker im abgeriegelten ExCel-Konferenzzentrum reagieren auf den Einbruch der Weltwirtschaft. Ein Vor-Ort-Report über Diplomatie und Volkszorn.
Von Arne Gottschalck

London - Am Mittwochabend ging es zur Königin. Elizabeth II. und ihr Gemahl haben im Buckingham Palace einen Empfang abgehalten, Premier Gordon Brown im britischen Regierungssitz Downing Street Number 10 zum Dinner geladen.

Heute ist der königliche Glanz verflogen, die Probleme liegen wieder wie Mehltau auf der Weltwirtschaft. Und der soll weg, haben sich die Repräsentanten der G20-Länder vorgenommen. Der Gipfel in London soll voranbringen, was in Washington bereits im November des vergangenen Jahres auf den Weg gebracht wurde.

Mit grober Feder umrissen, planen die Politiker dreierlei. Erstens wollen die Staatenlenker die Finanzmärkte stabilisieren und Familien wie Unternehmen gleichermaßen durch die Rezession helfen, hieß es bereits vorab auf der Internetpräsenz der Organisatoren des Gipfels. Zweitens sollen die globalen Finanzsysteme so gestärkt werden, dass das Vertrauen in sie zurückkehrt. Und drittens soll in London die globale Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad geführt werden.

Zwei Welten: Die Docklands und die Straße

London, das sind in diesem Fall zwei Welten. Die eine, das ist die hermetisch abgeriegelte Welt des Konferenzzentrums ExCel in den Londoner Docklands. Im grauen Koloss, dessen Haupteingang durch eine halbierte Glaspyramide abgeschirmt wird, drängen sich Männer und Frauen, die meisten Journalisten. Sie lauern auf jeden Schritt, auf jede Meldung aus dem Tagungsraum, in dem die Politiker sitzen und beraten, wie sie der Krise Herr werden können.

Bob Geldorf, grau wallendes Haar und offenes Hemd, steht in einer Aureole aus Blitzlicht und spricht leise zu rund zwanzig Journalisten. So leise, dass kaum einer ihn verstanden haben dürfte.

Die andere Welt findet sich draußen auf den Straßen, im Zentrum von London. Aus einer Menschenmasse ragen Schilder mit der Aufschrift "Put People First" in die Höhe, frei übersetzt "Menschen zuerst". Am Bahnhof South Silvertown, dem Konferenzzentrum vorgelagert, steht eine kleine Gruppe dunkelhäutiger Frauen, in bunte Tücher gekleidet. Ein Mann im Anzug hat sich eine Flagge um die Hüften geschlungen und fotografiert sie. Helft Darfur, so steht auf ihren Bannern geschrieben.

In beiden Welten ist die Krise längst angekommen. Leiden die Staaten zum Beispiel unter ihren steigenden Defiziten, bangen die Menschen draußen um ihre Arbeitsplätze oder haben sie bereits verloren. Zwischen den beiden Welten liegen strenge Kontrollen.

Spalier aus Maschinenpistolen

Auch Journalisten mussten bereits Tage vor dem Gipfel erklären, warum sie vor Ort sein wollen. Außerdem sollten sie ein Foto einreichen und müssen ihren Tagungsausweis am Ende des Tages zurückgeben. Nur mit dem Bus gelangt man vom Bahnhof Silvertown zum ExCel. Mitten auf einem offenbar stillgelegten Flugfeld müssen alle aussteigen, den Bus wechseln und dazu nochmals ihren Pass vorzeigen. Vorbei an berittenen Polizisten, an Maschinenpistolen und Motorbooten auf dem Fluss, hinein in eine Anlieferungszone, eine graue Halle.

Unberechtigt sind die Sorgen der Organisatoren um die Sicherheit nicht. Die Liste der Besucher ist prominent. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy flirrt genauso über die Bildschirme wie immer.

Beim Eröffnungsfoto überragt US-Präsident Barack Obama die meisten. Er hat noch vor wenigen Tagen Optimismus verbreitet, gesagt, der Gipfel würde signifikante Fortschritte in der Behandlung der globalen Krise bringen.

Etwas verloren unter den bekannten Staatenlenkern wirkt Meles Zenawi. Er steht der Nepad vor, der "New Partnership for Africa's Development" und ist Premierminister von Äthiopien.

Protestgruppen riefen im Vorfeld dazu auf, unter anderem das Programm Twitter zu nutzen, um Unruhen zu organisieren. Vor wenigen Tagen warfen Bankengegner einige Fenster des Hauses von Sir Fred Goodwin ein, vormals Chef der Royal Bank of Scotland. Auch das Rückfenster seines Autos wurde demoliert. Das sei erst der Anfang, hieß es in dem Bekennerschreiben einer Gruppe, die sich "Bankbosse sind Kriminelle" nennt. Goodwin trat zwar als Chef der Bank zurück, bekommt aber eine jährliche Pension von 700.000 Pfund. Das weckt den Volkszorn.

Nicht nur den der organisierten Gruppen, sondern auch den der Menschen auf der Straße. Die "Metropolitan Police" rät daher, unnötige Treffen in der Woche des Gipfels anzusagen. Und Unternehmen mögen ihre Überwachungskameras überprüfen. 10.000 Polizisten sind angeblich im Einsatz. Aus den Hallen des ExCel Centers sind sie nicht zu sehen. Doch sie sind da. Irgendwo in London.

Das große Wort vom "Global Deal"

Das große Wort vom "Global Deal"

Die Teilnehmer des Gipfels haben andere Sorgen, als sich über Menschen mit Transparenten Gedanken zu machen. Denn die Aufgaben, die sie sich gesteckt haben, sind umfassend. So umfassend, dass die Politiker bereits vorher zur Geduld aufrufen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor zu hohen Erwartungen an den Gipfel. Und Gastgeber Alistair Darling, der britische Finanzminister, sagte vor einem Monat, es sei wichtig, "realistisch" mit den Erwartungen an den Gipfel zu sein.

Auf der anderen Seite muss vom Gipfel ein deutliches Signal ausgehen. "Wir müssen eine Reihe fester Entscheidungen fällen. Wenn das Bild dieser Runde eines der Impotenz ist, wäre das dramatisch", warnt der französische Premierminister François Fillon. Ein Dilemma.

"Es ist unwahrscheinlich", mutmaßt ING-Ökonom Jim Griffin bereits vorab, "dass auf all die großen Fragen eine Antwort gefunden werde, und daher werden Unsicherheit und Angst an den Märkten nicht gebannt werden". Experten wie Lord Desai halten den Gipfel daher für einen Akt des Dramas, des Dramas der Finanzkrise.

Flucht von der schwarzen Liste

Derweil macht das Gerücht die Runde, dass einige Länder bereits seit Tagen hinter verschlossenen Türen versuchen, von der schwarzen Liste der G20 zu kommen. Auf der finden sich Steueroasen. Auch die Schweiz wird genannt. Denn auch die Steueroasen gehören zu den Themen, denen man sich in der Messehalle widmet. Darüber hinaus stehen folgende Punkte auf der Agenda:

Die Hedgefonds, deren Freiheiten beschnitten werden sollen. Das Eigenkapital, mit dem Banken ihre Geschäfte unterlegen müssen. Und einer grenzüberschreitenden Aufsicht.

Eine japanische Journalistin versucht, den Ton der Übertragung am Bildschirm zu ändern und landet bei einem Zeichentrickfilm. Popeye.

"Global Deal", dieses große Wort hängt in der Luft, spätestens seit Gastgeber Gordon Brown es als Ziel des Gipfels ausrief. Es beschreibt, wie mit einer Vereinbarung eine neue Wirtschaftsordnung geschaffen werden soll. Und es erinnert an den "New Deal", jenes Maßnahmenbündel, das der damalige US-Präsident Franklin Delano Roosevelt 1933 ins Leben rief, um die damalige Notlage zu beenden. Doch wie soll ein zweiter New Deal aussehen? Denn durch die G20 zieht sich ein feiner, aber tiefer Riss.

Die Rezession mit Geld ertränken?

Die Rezession mit Geld ertränken?

Die eine Gruppe, prototypisch repräsentiert von den USA und Großbritannien, ist bereit, die Rezession mit Geld zu ertränken. Die andere Gruppe, von Deutschland und Frankreich dominiert, sperrt sich gegen weitere Konjunkturprogramme. Vor allem Kanzlerin Angela Merkel will mehr Aufsicht, wie sie auch heute wieder betont. Barack Obama gibt sich zumindest konziliant. Er sei gekommen, nicht um zu belehren, sondern um zuzuhören. Am Abend wird die Welt mehr wissen.

Gegen Mittag jedoch diskutieren die Politiker noch. Offenbar auch, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zusätzliches Geld zur Verfügung zu stellen - die Zahl von 500 Milliarden Dollar flirrt über die Bildschirme. Damit könnte die Institution strauchelnden Staaten schnell und umkompliziert unter die Arme greifen. Auf einer Empore tritt der der britische Finanzminister Alistair Darling vor ein Dutzend Kameras und eine kurzberockte Journalistin.

Mit strengem Blick unter seinen dunklen Augenbrauen hervor sagt er, man befände sich auf einem guten Weg, dem weltweiten Handel ein Signal zu senden. Und dass man das Thema Protektionismus nun diskutiere, niemand wolle die alten Fehler wiederholen, in nationale Regulierungen zurückzufallen. Er reibt sich die Hände, dann schlägt das Meer aus Kameras und Mikrofonen über ihm zusammen. Die Börsen nehmen es als gutes Signal, Dax und Co. legen bis Mittag kräftig zu.

Die Wahl der Docklands als Tagungsort ist da nicht ohne Ironie. Während der Stadtteil lange von armen Menschen bewohnt wurde, entwickelte er sich seit den 90er Jahren zu einem prosperierenden Geschäftsviertel mit Luxuswohnungen. Doch es gibt sie noch immer, die heruntergekommenen Sozialwohnungen. Und damit viel Raum für Konflikte.

Die finden sich auch im Inneren des ExCels. Zum Beispiel mit den Entwicklungsländern oder Neudeutsch, den LDC, den "less developed countries". Sie befürchten, dass ihnen die großen Länder in Zeiten der Krise die Entwicklungshilfeetats zusammenstreichen. Die Krise habe zusätzliche 90 Millionen Menschen in die Armut gestoßen, so die Homepage der Organisatoren des Gipfels. Daher gehört der Umgang mit den betroffenen Ländern auch zur Agenda. "Die ärmsten Länder müssen mit einem Stabilisierungspaket unterstützt werden, um beschäftigungswirksame und umweltfreundliche Investitionen zu fördern", fordert zum Beispiel Irene Knoke von Südwind, des Instituts für Ökonomie und Ökumene. Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi und Bob Geldorf dürften noch nie etwas von Frau Knoke gehört haben, würden ihr aber sicherlich zustimmen.

Wirklich zur Ruhe kommt London in diesen Tagen nur im Gebetsraum des ExCel. Keine Demonstranten, kein Stimmgewirr, kein Blitzlicht - Stille. Doch niemand nutzt ihn.

G20: Kostüme, Knüppel und kaputte Fenster

Mehr lesen über Verwandte Artikel