Robert Shiller Der Märkteversteher

Wenn jemand berufen ist, die aktuelle Finanzkrise zu erklären, dann ist es Robert Shiller. Er warnte frühzeitig vor dem drohenden Unheil. Einer der wichtigsten Gradmesser der Krise trägt seinen Namen. Und er entwickelte selbst neue Derivate, die im Lauf der Krise in Verruf gerieten. Sein Vorschlag: noch mehr Finanzinnovation.

Robert Shiller gründet seinen Ruhm bis heute vor allem auf zwei Worte. Der Wirtschaftsprofessor an der Yale-Universität, Spezialist für psychologische Finanzforschung, soll es gewesen sein, der dem damaligen Fed-Präsidenten Alan Greenspan 1996 die Worte vom "irrationalen Überschwang" einflüsterte.

Der Markt hat nicht immer Recht, lautete die Botschaft. Die Börsenkurse können die Bodenhaftung verlieren, weil die Masse der Anleger dem Herdentrieb folgt - und nicht rationalen Erwartungen von Gewinnchancen, wie die bislang in der Finanzlehre vorherrschende Theorie der effizienten Märkte behauptet. Derart instinktgetriebenes Handeln sei eher die Regel als die Ausnahme, erklärt Shiller.

"Animal Spirits" heißt das neue Buch, das Shiller gemeinsam mit dem Nobelpreisträger George Akerlof geschrieben hat. Der Titel ist eine Referenz an John Maynard Keynes, der seinerzeit mit diesen "tierischen Geistern" das Auf und Ab der Börse erklärte. Shiller und Akerlof sehen im heutigen Keynesianismus zu viel Glauben an die Vernunft der Marktakteure. Die Ökonomie als Wissenschaft müsse mehr Erkenntnisse aus der Psychologie aufnehmen, um das Verhalten der Menschen in der echten Wirtschaft erklären zu können.

Greenspan murmelte die beiden Worte "irrationaler Überschwang" zu einer Zeit in die Öffentlichkeit, als der gefährliche Aktienboom noch in den Anfängen steckte. Doch die heftige Reaktion besonders aus der Finanzbranche brachte ihn schnell dazu, seine Aussage zu widerrufen. Fortan begleitete Greenspan die rasant wachsende Spekulationsblase mit Schweigen.

Nicht so Shiller. Er blieb bei seiner Meinung, dass die Anleger, die in Scharen in überbewertete Technologieaktien strömten, wie die Lemminge blind auf einen Abgrund zurannten. Anfang 2000 dann brachte er die Warnung als Buch heraus - gerade noch rechtzeitig vor dem Crash von Nasdaq , Neuem Markt und Co.

Das Versprechen der "finanziellen Demokratie"

Eine zweite Auflage von "Irrational Exuberance" erschien 2005, darin warnte Shiller vor der sich auftürmenden Preisblase am US-Immobilienmarkt, dem Auslöser der jetzigen Krise. Er war zwar nicht der einzige und auch nicht der erste Mahner, lag mit seinem Timing aber besser als alle anderen. Zudem sah er bedrohliche Folgen für das ganze Finanzsystem voraus.

"Eine Epidemie irrationaler öffentlicher Begeisterung für Immobilieninvestments war der Kern des Problems", sagt Shiller heute. Die Amerikaner hätten sich gegenseitig mit ihrem Glauben an die Wachstumsstory angesteckt. Makler und Banken hätten mit Erfolg den "Mythos" verbreitet, "dass Immobilienpreise wegen des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft bei begrenzter Landfläche unvermeidlich anstiegen" - eine durch nichts gestützte Behauptung.

Shiller stieß bei seiner Forschung verblüfft darauf, dass es bis dahin keinen belastbaren Maßstab der langfristigen Entwicklung von Häuserpreisen gab. Zusammen mit dem Kollegen Karl Case schuf er Abhilfe. Der Case-Shiller-Index für Hauspreise ist heute das meistbeachtete Barometer der Immobilienkrise in den USA. Damals bekamen jedoch nur wenige die unbequeme Wahrheit mit, dass Hauspreise auf sehr lange Sicht - Shiller rechnete bis 1890 zurück - gerade mal mit der Inflation Schritt halten. Der rasante Anstieg seit Ende der 90er Jahre konnte nur einer Spekulationsblase geschuldet sein - und die musste platzen.

Hätten mehr Menschen diese einfache Wahrheit früh mitbekommen, wäre uns einiges erspart geblieben, erklärt Shiller. "Finanzielle Demokratie" lautet sein Lösungsvorschlag, den er in seinem Buch "The Subprime Solution" darlegt. "Finanzen sind ein starkes Werkzeug, das auch genutzt werden kann, um Ungleichheit zu verringern." Dazu müsste aber der Zugang zu Informationen demokratisiert werden. Gegen die "Animal Spirits" sei zwar kein Kraut gewachsen, man müsse mit der Realität von Spekulationsblasen und deren Platzen einfach zu leben lernen. Helfen könnte dabei jedoch mehr Transparenz.

Warum die Welt mehr Kreditderivate braucht

Beim Kauf von Finanzprodukten sei unabhängiger Rat vonnöten. Man solle sich also beim Hauskauf nicht auf das Urteil des Maklers verlassen, sein Vermögen nicht dem Bankberater anvertrauen und auf niemanden hören, der mit Provisionen am Verkauf von Fonds oder Versicherungen mitverdient. Verbraucherzentralen im großen Stil gewissermaßen müssten her. Bei deren Aufbau könne die Regierung helfen, ebenso wie mit der Einrichtung unabhängiger Prüfstellen für Finanzprodukte.

"Die jetzige Finanzkrise wird oft als ein Grund für einen geordneten Rückzug gesehen, für ein Zurück zur einfachen Finanzwelt von gestern", konstatiert Shiller. Das sei jedoch ein Fehler. "Im Gegenteil, diese Situation ist eine Gelegenheit, sich doppelt so stark um eine Verbesserung unserer Institutionen im Risikomanagement zu bemühen." Die Menschen sollten wirtschaftliche Risiken nicht scheuen, sondern eingehen - sich zugleich aber gegen die Folgen absichern.

Keineswegs solle man deshalb Finanzinnovationen wie Kreditderivate eindämmen oder gar verbieten. Wer ein Haus kaufe und auf steigende Preise hoffe, könne sich mit Indexzertifikaten gegen sinkende Preise in seiner Stadt absichern. "Solche Verträge könnten viel dazu beitragen, Hauseigentümer vor Überschuldung zu bewahren, sodass sie in ihren Häusern bleiben können", erklärt Shiller den Vorteil. Auch Staaten könnten ihre Bürger so gegen eine Rezession im eigenen Land versichern. Solch ein Markt funktioniere jedoch nur, wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung daran beteilige.

Vom Erfolg dieser Vision würde Shiller allerdings auch geschäftlich profitieren. Er ist Mitgründer der Investmentfirma Macromarkets, die Futures auf den Case-Shiller-Index zum Handel an der Chicagoer Warenterminbörse anbietet. Bisher ist dieser Nischenmarkt jedoch nicht viel mehr als eine Spielwiese für Spekulanten. Insgesamt ist Shiller als Investor wenig erfolgreich. Er kreierte Fonds, die an den Ölpreis gekoppelt sein sollten. Doch die Konstruktion funktionierte nicht, Shiller und seine Anleger verloren Geld. Wohler fühle er sich ohnehin in der Wissenschaft, lässt Shiller wissen - auch wenn es dort ebenfalls nicht immer rational zugehe.

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