Weltwährungssystem Warum China gegen den Dollar schießt

Russland und China stellen einmal mehr den Dollar als Leitwährung in Frage. Eine schwache Replik aus den USA sowie die schnelle Reaktion der Märkte zeigen: Der Greenback steht tatsächlich auf wackligen Beinen. Eine Alternative ist allerdings kaum in Sicht - und mancher Vorschlag scheint ohnehin sehr egoistisch motiviert.

Hamburg - Ein bisschen rätselhaft erscheint das schon. China verfügt mit etwa zwei Billionen Dollar über die größten Währungsreserven der Welt und hat den größten Teil davon in US-Dollar gehortet. Zudem war der asiatische Riese bislang stets darauf bedacht, eine massive Aufwertung der eigenen Landeswährung, des Renminbi, gegenüber dem Dollar zu vermeiden, denn das hätte den chinesischen Exportmotor gebremst. Und trotz allem kritisiert der Chef der chinesischen Zentralbank in aller Öffentlichkeit die Rolle des Greenback als Weltleitwährung - und nimmt die Möglichkeit in Kauf, ihn schwach zu reden.

Nicht weniger als eine umfassende Reform des internationalen Währungssystems forderte Zhou Xiangchuan am Montag. Der Dollar müsse als Leitwährung abgelöst und könne durch die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) ersetzt werden. Der Zentralbanker stieß damit ins gleiche Horn wie zuvor schon Russland, das mit Blick auf den G-20-Gipfel im April in London ebenfalls eine neue Weltleitwährung fordert und dabei neben China angeblich von Indien, Brasilien, Süd Korea und Südafrika unterstützt wird.

Die Replik auf die Attacken ließ nicht lange auf sich warten - und die Reaktion der Märkte auch nicht. In Washington sagten Finanzminister Timothy Geithner und Notenbank-Chef Ben Bernanke in einer ersten Reaktion unisono, ein Abrücken der USA vom Dollar als Leitwährung komme für sie nicht in Frage. Später äußerte sich Geithner jedoch positiv zum chinesischen Vorschlag. Er sei gegenüber einer Ausdehnung der Sonderziehungsrechte "ziemlich offen", so der Minister. Eine Änderung der Rolle des Dollar als Weltreservewährung sehe er dadurch nicht.

Der Dollar auf wackligen Beinen

An den Märkten wird dies offenbar anders beurteilt. Unmittelbar nach der Äußerung Geithners kletterte der Euro  am Mittwoch für kurze Zeit über 1,36 US-Dollar. Im Nachmittagshandel wurden für die Gemeinschaftswährung dann noch 1,3548 Dollar bezahlt - nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch am Mittag auf 1,3494 Dollar taxiert hatte.

Es sieht also ganz so aus, als stehe der Dollar tatsächlich auf wackligen Beinen. Aber weshalb sollte der Greenback eigentlich vom Sockel gestoßen werden? Und - vielleicht spannender noch - warum machen ausgerechnet die Chinesen einen solchen Vorschlag? Schließlich dürfte dem wichtigsten Gläubiger der USA an der dann erst recht zu erwartenden Abwertung der US-Währung kaum gelegen sein.

Eines ist klar: Nicht nur in China wird die aktuelle Entwicklung in den Vereinigten Staaten mit großer Sorge verfolgt. Schon Mitte März hatte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao angesichts der ausufernden US-Verschuldung seine Sorgen über die Sicherheit der chinesischen Investitionen geäußert. Das Problem: Mehr als anderswo auf der Welt bekämpft die US-Notenbank Fed die Rezession und die drohende Deflation mit billigem Geld. Die unschönen Begleiterscheinungen sind: Ein ausuferndes Staatsdefizit, eine steigende Inflationsgefahr - und ein Dollar, der mehr und mehr an Attraktivität verliert.

Wo ist die Alternative zum Dollar?

Gründe, an der Zukunftsfähigkeit des Greenback als Leitwährung zu zweifeln, gibt es also genug. Dennoch findet sich kaum ein Experte, der ernsthaft ein Ende des derzeitigen Weltwährungsgefüges erwartet - jedenfalls nicht in nächster Zeit und schon gar nicht - wie es einigen Schwellenländern offenbar vorschwebt - im Hau-Ruck-Verfahren. Der Hauptgrund: Es mangelt an Alternativen. "Die Diskussion kommt in regelmäßigen Abständen immer wieder auf", sagt Ulrich Leuchtmann, Leiter des Devisenresearchs bei der Commerzbank. "Bisher sind alle Versuche gescheitert, das wird wohl auch diesmal so sein."

Leuchtmann hält insbesondere die Idee, den Dollar durch die Sonderziehungsrechte (SZR) des IWF zu ersetzen, für wenig erfolgversprechend. Hintergrund: Die SZR wurden 1969 vom IWF als künstliche Währung, basierend auf einem Korb aus Dollar, Euro, britischen Pfund und Yen, eingeführt. Seit den 70er Jahren, als das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse endete, sind sie eigentlich bedeutungslos.

"Innerhalb der SZR hat der Dollar wiederum das größte Gewicht", sagt der Experte. "Zudem schwächelt die Wirtschaft auch in den Ländern und Regionen der anderen im Korb vertretenen Währungen. Durch einen solchen Wechsel wäre daher nichts gewonnen." Und tatsächlich: Großbritannien beispielsweise steckt konjunkturell mindestens so tief im Schlamassel wie die USA. Und in der Euro-Zone wird seit Monaten über drohende Staatsbankrotts von Mitgliedern sowie das Auseinanderbrechen der ganzen Union diskutiert - auch das keine gute Empfehlung für einen Aufstieg der Gemeinschaftswährung an die Weltspitze.

Langfristig sieht es anders aus

Immerhin, langfristig sieht es anders aus. Sollten die USA ihre Probleme nicht in den Griff bekommen, so ist ein allmählicher Bedeutungsverlust der US-Währung denkbar, sagen Experten. Der Euro beispielsweise könnte ihr dann den Rang ablaufen. "Entscheidend ist, wie die USA aus der Rezession kommen", so Leuchtmann. "Gelingt es ihnen - worauf zurzeit vieles hindeutet -, einen Aufschwung herbeizuführen, ohne dass die Geldentwertung ausufert, dann wird auch der Dollar wieder erstarken."

Bleibt die Frage, weshalb der Vorschlag für eine neue Weltleitwährung ausgerechnet aus China kommt. Denn wenn die asiatische Wirtschaftsmacht tatsächlich das Ende des Dollar kommen sähe, warum baut sie dann nicht zunächst im Stillen ihre Positionen ab, anstatt deren Wertverfall auch noch zu befördern? "Die schneiden sich ins eigene Fleisch", sagt Michael Rottmann, Chef des Zins- und Währungsresearchs bei der Unicredit Group. "Ein Dollar, der nicht mehr als Weltleitwährung gilt, würde zwangsläufig abwerten. Die Chinesen laufen also Gefahr, ihre eigenen Währungsreserven zu schwächen."

Im Hinterkopf von Zentralbankchef Zhou Xiangchuan

Es gibt allerdings noch einen weiteren Effekt, der bei einer Dollar-Abwertung eintreten würde, und der erscheint aus chinesischer Sicht alles andere als unerwünscht: Die gleichzeitige Verbilligung des chinesischen Renminbi gegenüber anderen Währungen.

Hintergrund: Der Kurs der chinesischen Währung gegenüber dem Dollar, da ist sich die Fachwelt einig, gibt schon seit langem nicht mehr die Verhältnisse wieder, wie sie aus den Handels- und Zahlungsströmen zwischen beiden Ländern resultieren würden. Tatsächlich hält die chinesische Seite den Wert ihrer Währung vielmehr künstlich niedrig, um die eigene Exportindustrie zu stützen.

Zwar bewegte sich der Renminbi lange in einem moderaten Aufwertungstrend. Er erreichte aber längst nicht das eigentlich realistische Niveau. Mitte vergangenen Jahres, als der Dollar seinerseits begann, im Weltwährungssystem an Wert zurückzugewinnen, stoppte China die Aufwertung des Renminbi gegenüber der US-Währung sogar vollends, um international nicht überproportional an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Seitdem befinden sich beide Währungen im Gleichschritt: Eine weitere Aufwertung des Renminbi wird von chinesischer Seite blockiert, eine etwaige Abwertung scheitert am politischen Druck aus Washington.

Was tun, Peking?

Eine Pattsituation also, in der vor allem China die massive Verschärfung der Wirtschaftskrise in den vergangenen Wochen trifft. Experten sprechen bereits von einer drohenden Rezession, die das Reich der Mitte nach gängiger Sichtweise bei einem Wirtschaftswachstum von 6 Prozent oder weniger erfasst hätte.

Was tun, dürfte man sich in Peking also fragen. Vor allem der Export bereitet Kopfzerbrechen. Allein im Februar gingen die Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 25 Prozent zurück. Eine leichte Abwertung des Dollar mit dem positiven Nebeneffekt, dass der Renminbi für den Rest der Welt ebenfalls billiger würde, käme da gerade recht.

Gut möglich, dass diese Überlegungen auch Zentralbankchef Zhou Xiangchuan im Hinterkopf hatte, als er seine Ideen zu Papier brachte - die drohenden Einbußen bei den Währungsreserven hin oder her.

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.