Anlage Das Geschäft mit der Alternative

Die Börsen sind hypernervös und die Anleger stöbern nach Alternativen. Fondsanbieter locken nun verstärkt mit neuen Produkten, die der Krise trotzen sollen. Ein lukrativer Ausweg aus der Krise für die Unternehmen - oder eine Sackgasse?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Heimfeld ist nicht das, was sich die meisten Menschen unter einem glasschimmernden Zentrum der Finanzanlage vorstellen. Heimfeld liegt im Süden Hamburgs, ist durch die Elbe vom Stadtkern getrennt und die meisten umfahren es auf der Autobahn - ein passendes Bild für das Dasein der Alternativen Anlagen in Deutschland. Nun hofft die Branche auf einen neuen Zubringer.

Im Hotel Lindner in Heimfeld soll ein Eckpflock dafür eingeschlagen werden. Metzler Asset Management hat eine Roadshow organisiert. Fünf Städte in fünf Tagen, die Resonanz sei gut, heißt es. Unternehmen wie eben Metzler, aber auch Robeco oder Aquila stellen ihre Produkte vor, mit denen sie den Herausforderungen des Marktes trotzen wollen.

Sie sollen eine "stetig positive Rendite erzielen", so das erklärte Ziel des Nordea 1 - Heracles Longshort MI. Eine "geringe Volatilität von 7 Prozent und eine Nullkorrelation zu den Aktienmärkten" strebt der AC Statistical Value Markte Neutral an. Und der Highbridge Statistical Market Neutral Fund "hat zum Ziel, in jeder Börsenlage konstante Ertragschance zu generieren." So heißt es in den Broschüren, die auf den Tischen in der Lobby des Hotels Lindner ausliegen. Dahinter die Unternehmensrepräsentanten, davor die Kunden. Vermögensverwalter, Dachfondsmanager und ganz vereinzelt ein Privatanleger.

Ihr Interesse ist augenscheinlich da. Hier Gesprächsfetzen über Swaps, mit denen das Fondsmanagement gewisse Risiken abfedern will, dort ein Kurzreferat über den Vorteil, mit Optionen die Volatilität zu handeln, dann wieder die Bestätigung, es handele sich trotz der verwirrenden Termini um ganz normale Investmentfonds, im Finanzsprech UCITs-III-Fonds, die nur jene Freiheiten ausnützten, die ihnen die EU einräumt - die Finanzbranche gibt sich alle Mühe, Kreativität zu demonstrieren. Kein Wunder. In Zeiten erratischer Börsen klingen die Verheißungen von steten Erträgen und von Unabhängigkeit vom Aktienmarkt für Anleger besonders verlockend. Mit solchen Schlagworten kann auch der Berater oder der Verwalter seinen Kunden gegenüber treten. Wohl kaum aber mit einem einfachen Aktienfonds, der den Ausschlägen der Börsen nahezu eins zu eins folgt.

Für die Anbieter dämmert damit ein lukratives Geschäft heran. Denn ähnlich wie die Hersteller von Flugzeugtriebwerken nicht von dem Verkauf leben, sondern von den Folgeverträgen, bringt den Fondsgesellschaften der Verkauf der Fondsanteile wenig ein. Den Löwenanteil des Ausgabeaufschlags bekommt der Berater. Es sind die jährlich fälligen Gebühren, die sich für die Unternehmen lohnen. Weniger die Verwaltungsgebühr, sondern die Erfolgsbeteiligung, die die meisten Anbieter verlangen. Beispiel Aquila: 2,1 Prozent verlangt das Haus für die Verwaltung des AC Statistical Value Market Neutral - dazu kommt noch eine Erfolgsprämie von 15 Prozent des Gewinns, sofern er eventuelle Verluste im Vorquartal wieder wettgemacht hat. Ein normaler Aktienfonds kostet im Schnitt nur 1,5 Prozent im Jahr.

"Don't try this at home"

"Don't try this at home"

Auch wenn der Aufwand für Alternative Anlagen sicherlich größer ist als für einfache Konstruktionen, ruft die Höhe der Vergütung Kritiker auf den Plan. "Aus Investorensicht ist vor allem auf die teilweise gut versteckbaren zusätzlichen Kosten solcher Produkte zu achten", mahnt zum Beispiel Dirk Söhnholz, Partner bei Feri Institutional Advisors. "Investoren tun gut daran, sowohl auf die offensichtlichen Gebühren als auch die Struktur jeder erfolgsabhängiger Gebühr zu achten", rät daher Ed Moisson, Direktor bei der Ratingagentur Lipper, für eine Spielart dieser Fonds, die 130/30-Produkte. "Gilt sie zum Beispiel relativ zu einer Benchmark - oder gibt es eine feste Hürde?"

Und wie sieht es auf der Leistungsseite aus, kann jeder Fondsanbieter auch gute Alternative Investments schmieden und verwalten? "Nein, definitiv nicht. Sowohl bei der Strukturierung als auch dem Management und der Verwaltung sind in der Regel etliche Besonderheiten zu beachten", sagt Söhnholz. "Was man nicht erwarten kann, dass normalerweise illiquide oder semi-liquide Investments nur durch eine Ucits-Verpackung liquide werden. Bei solchen Versprechungen sollte man skeptisch werden und genau prüfen, welche zusätzlichen Kosten oder Risiken gegebenenfalls mit dieser besseren Liquidität einhergehen." Und genau wie bei anderen Anlagen taugt nicht jedes Produkt für jedes Marktumfeld.

"Viele dieser Fonds folgen quantitativen Modellen", sagt Markus Rottler, Hedgefondsexperte von Pioneer Investments. "Bei klaren und ausgeprägten Trends überzeugt eine Vielzahl dieser Modelle mit solider Performance. Ohne eindeutige Richtung an den Märkten zeigen sich jedoch oftmals erhebliche Schwächen ." Kritik kommt auch von anderer Seite.

Von David Swensen zum Beispiel. Der hat sich als Chefinvestor von Yale damit einen Namen gemacht, unter anderem genau mit Alternativen Anlagen das Stiftungsvermögen der US-Universität stetig gemehrt zu haben. Doch für Privatanleger sei das nichts, sagt er. "Don't try this at home", wird er zitiert, "Machen Sie das nicht zuhause." Einfach weil es zu aufwändig und zu teuer sei.

Zweifel hat auch Vermögensverwalter Markus Zschaber: "Ich stehe diesen Fonds skeptisch gegenüber. Denn welche Strategie setzt er ein? Haben die jüngsten Ereignisse in Stanford und Harvard nicht gerade erst verdeutlicht, was alles passieren kann? Aus heutiger Sicht ist ja beispielsweise die Argumentation diverser Controller von HSH, IKB oder HRE so, dass man sagt, man wüßte nicht Bescheid über den toxischen Inhalt der ABS, MBS und so weiter. Bei den AI-Fonds gilt doch das gleiche.

Fazit Jens Kleine, Professor aus Berlin: "Diese Fonds können zwar aufgrund der erweiterten Möglichkeiten für den Investor Chancen bieten, allerdings ist der relativ kurze Track Record der meisten Produkte sowie die in Deutschland oftmals vorhandene negative Bewertung dieser Produkte eine Herausforderung, die das rasche Wachstum dieser Produkte am deutschen Markt beschränkt."

Die Anleger werden trotz der Kritikpunkte anbeißen, prognostizieren Experten wie Söhnholz: "Der Einsatz wird definitiv bei beiden Anlegergruppen steigen", sowohl den privaten als auch den institutionellen Investoren. Eine Folge auch der wirtschaftlichen Situation. "Ursachen ist vor allem die Suche nach neuen Renditequellen und Risiko-Diversifikationsmöglichkeiten, also den wesentlichen Gründen für Investments in AI insgesamt." Und weiter: "Wenn solche Produkte dann in einem stark regulierten Mantel angeboten werden, ist das grundsätzlich für viele Anleger attraktiv. Dabei ist zu erwarten, dass die Endkunden vor allem indirekt über Dachfonds in diese Produkte investieren werden. Solche Produkte werden eher zu Lasten bisheriger traditioneller als bisheriger 'alternativer' Allokationen gekauft werden."

Diesen Schluss legt auch eine aktuelle Studie von Pioneer Investments nahe. Darin hat sie das Anlageverhalten von Dachfondsmanagern untersucht. Fazit: Alternative Anlagen gewinnen an Bedeutung und werden weiter zulegen.

Herakles & Co am Scheideweg

Der Bundesverband Investment und Asset Management hat schon einmal vorgesorgt und seine Statistiken geändert. 2009 führt er zum ersten Mal auch die Daten der Alternativen Investments auf. 82 solcher Fonds listet der Verband, die gemeinsam 3,5 Milliarden Euro bündeln. Zum Vergleich - 45 Immobilienfonds gibt es ausweislich der Liste. Doch die sind rund 85 Milliarden Euro schwer. "Einerseits ist die Produktanzahl in Deutschland zwar nicht mehr gering, aber dennoch überschaubar, zum anderen sind die Mittelzuflüsse bei vielen Produkten gegenwärtig noch nicht so groß", fasst es Kleine.

Die Fondsanbieter zumindest stehen bereit, das zu ändern. Denn mit der UCITs-III-Regelung. Auch kleinere Fondsgesellschaften wie Delta Lloyd haben ihre Produktpalette entsprechend in Form gebracht. Und die Großen bieten diese Fonds sowieso schon an. Nun hapert es nur noch am Verkauf.

"Denn die Produkte sind komplex und schwer zu verstehen", sagt Iven Kurz, der bei Metzler den Nordea 1 - Heracles Longshort MI verantwortet. "Doch je länger sie am Markt sind, um so größere Volumina werden sie verwalten." Bis es soweit ist, muss "das Vertrauen in das jeweilige Haus die Brücke bilden." Einige Produkte sind schon sehr "high-end", sagt Rottler. Und Kai Werner Röhrl, Marketingdirektor bei Robeco urteilt: "Aus Kundensicht sind alternative Anlagestrategien sehr attraktiv, auch wenn man Ihnen eine höhere Komplexität sicherlich nicht absprechen wird - ein zweiter Blick lohnt sich. Die Auswahl des Anbieters und der Strategie sollte jedoch mit großer Sorgfalt vorgenommen werden."

Noch also sind die Fonds Exoteninvestments, liegt Heimfeld abseits des Zentrums. Doch die Pflöcke für die schnelle Anbindung sind bereits eingeschlagen. Die Kerngefahr bei den weiteren Fortschritt liegt daran, dass die Straße in die Irre führt. Hedgefonds begannen ihre Karriere in Deutschland 2004 unter ähnlichen Vorzeichen. Und fanden sich schnell auf dem Holzweg wieder, weil sie zu teuer, zu komplex, zu schlecht waren. Und "weil die wirklich guten Anbieter sich geweigert haben, sich den deutschen Transparenzanforderungen zu unterwerfen", so Rottler.

Nun haben die Anbieter es wieder in den Händen. Heimfeld - oder Hamburg?