BMW Druck auf die Quandts steigt

Der drastische Gewinneinbruch im Jahr 2008 ist wohl noch nicht das Ende der BMW-Talfahrt. Analyst Jürgen Pieper sagt dem Autobauer für 2009 ein Absatzminus von 20 Prozent und einen Milliardenverlust voraus. Um Kündigungen werde der Konzern nicht herumkommen. Auch die Kooperation mit einem Mitbewerber sollte BMW nicht auf die lange Bank schieben.

mm.de: BMW  kündigt 330 Millionen Euro Überschuss für das Geschäftsjahr 2008 an, die Analysten hatten im Schnitt eine Milliarde Euro erwartet. Lagen auch Sie mit Ihren Schätzungen so meilenweit daneben?

90 Prozent Gewinneinbruch: Das Jahr 2008 ist für BMW denkbar schlecht verlaufen. Unter dem Strich steht zwar noch ein Gewinn von rund 330 Millionen Euro. BMW schneidet damit aber deutlich schlechter ab als Daimler, Volkswagen oder Audi. Für das laufende Jahr erwarten zudem immer mehr Analysten mittlerweile einen Verlust.

90 Prozent Gewinneinbruch: Das Jahr 2008 ist für BMW denkbar schlecht verlaufen. Unter dem Strich steht zwar noch ein Gewinn von rund 330 Millionen Euro. BMW schneidet damit aber deutlich schlechter ab als Daimler, Volkswagen oder Audi. Für das laufende Jahr erwarten zudem immer mehr Analysten mittlerweile einen Verlust.

Foto: DDP

Pieper: Daneben schon, aber meilenweit würde ich es nicht nennen. BMW erwartet jetzt ein operatives Ergebnis von 921 Millionen Euro, ich habe es auf 1,2 Milliarden Euro geschätzt, der Konsens rangiert bei rund 1,7 Milliarden Euro. Sicher, ich liege damit noch zu hoch. Und der Geschäftsverlauf überzeugt mich keineswegs. Allerdings macht BMW auch erhebliche Sondereffekte geltend, die wohl niemand in dieser Höhe erwartet hat.

mm.de: Eben diese Sondereffekte in Höhe von 2,4 Milliarden Euro haben BMW das Ergebnis verhagelt. Allein zwei Milliarden davon fließen in die Risikovorsorge für das Leasinggeschäft, das BMW wegen der stark gefallenen Restwerte vor allem in den USA viel Geld kostet. Erwarten Sie hier weitere Belastungen?

Pieper: Das ist zu befürchten. Das Leasinggeschäft hat sich zu einem grundlegenden Problem von BMW entwickelt und ist in ein oder zwei Quartalen nicht abgehakt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass BMW in 2008 nun ausreichend Vorsorge für weitere Preiseinbrüche bei Leasingautos und für mögliche Kreditausfälle getroffen hat. Ich sehe aber die Gefahr, dass die Restwerte der 5er- oder 7er-Reihe weiter fallen und damit die BMW-Bilanz auch in Zukunft belasten werden.

mm.de: Im Januar und Februar brach der Absatz jeweils um 24 Prozent ein. BMW zählt also nicht zu den Gewinnern der Abwrackprämie. Wird sich die Absatzschwäche in diesem Ausmaß fortsetzen?

Pieper: Ich erwarte, dass die Absatzschwäche das gesamte Jahr andauern wird. Mit einer Belebung des Geschäfts zur Jahresmitte, wie BMW sie sich erhofft, rechne ich nicht. Der chinesische Markt könnte vielleicht besser laufen, spielt für die Münchener aber keine große Rolle, wie BMW auch von der Abwrackprämie kaum profitieren wird. BMW wird weiter Marktanteile verlieren. Das Produktportfolio zeigt, dass man nach wie vor große Probleme hat. Wichtige BMW-Baureihen wie der 5er, der 3er aber auch die 1er-Reihe werden eher Marktanteile verlieren, weil die entsprechenden Konkurrenzmodelle wie die E-Klasse, der Golf oder der Audi A4 jüngere Baureihen vorweisen und damit attraktiver sind.

mm.de: Wie stark wird der BMW-Absatz in 2009 fallen?

Pieper: Für das Gesamtjahr rechne ich mit einem Absatzminus von rund 20 Prozent. Ich glaube indes auch nicht, dass BMW auf so einen Rückgang vorbereitet ist, weil das Management für das erste Halbjahr lediglich ein Minus von 10 Prozent erwartet.

"BMW wird um Kündigungen nicht umhinkommen"

mm.de: Trotz des jüngsten Absatzeinbruchs kündigte BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson unlängst an, man werde auch 2009 "der weltweit führende Anbieter von Premiumautomobilen bleiben". Wie stellt er sich das vor, haben Sie eine Ahnung?

Pieper: Wenn man alle abgesetzten Fahrzeuge zusammenzählt, wird BMW am Jahresende Mercedes vielleicht erneut übertrumpfen. Von einem Titel Premiumabsatzkönig können sich die Münchener allerdings nichts kaufen. Derlei Ankündigungen zeigen mir, dass man das Absatzziel immer noch viel zu hoch bewertet. Man konzentriert sich zu stark auf Volumen und Marktanteile, also auf das, was die Probleme mit verursacht hat. Es wird Zeit, dass sich BMW von diesem Ziel verabschiedet.

mm.de: Dass das Management die Dividende auf 30 Cent kürzen will, erscheint plausibel. Aber sollten sie überhaupt noch eine zahlen?

Pieper: Es wäre angebracht, die Dividende ganz zu streichen. Denn Liquidität ist wichtig, und BMW sollte seine Liquidität unbedingt schonen.

mm.de: Für 2009 haben die meisten Analysten ihre Gewinnprognose um bis zu zwei Drittel gekürzt. Manche erwarten gar einen Verlust. Was erwarten Sie?

Pieper: Ich erwarte für BMW im Jahr 2009 einen operativen Verlust von 1,2 Milliarden Euro, und da wären weitere Abschreibungen auf die Leasingflotte noch nicht einmal eingerechnet.

mm.de: Kurzarbeit, Produktion drosseln, freie Stellen nicht neu besetzen - diese Mittel dürften bald ausgereizt sein. Kann sich BMW auf Dauer noch 100.000 Beschäftigte leisten? Rechnen Sie mit betriebsbedingten Kündigungen?

Pieper: Tarifvertraglich sind betriebsbedingte Kündigungen bei BMW großteils ausgeschlossen. Die Markterwartungen, worauf die Münchener ihre Personalplanungen stützen, halte ich aber für zu positiv. Wenn man die Profitabilität halbwegs retten will, wird BMW um Kündigungen nicht umhinkommen. Aus strategischer Sicht ist es auch verkehrt, Entlassungen von vornherein auszuschließen. In ganz schweren Zeiten, auf die die Automobilindustrie nun einmal zusteuert, muss dieses Mittel erlaubt sein. Ich halte es für möglich, dass wir bei BMW ab Mitte des Jahres die ersten betriebsbedingten Kündigungen sehen werden.

"Kein potenzieller Opel-Interessent legt seine Karten offen"

mm.de: Seit gut einem Jahr verhandelt man mit Daimler  über eine Kooperation. Die Atmosphäre scheint von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Die Kooperation und damit auch die ursprünglich erwarteten Kostenvorteile werden wohl hinter den Plänen zurückbleiben. Gerade wenn es um Kostenvorteile geht, halten Beobachter die Kombination mit einem Massenhersteller für sinnvoller. Wird sich BMW also verstärkt auf Peugeot und Honda zu bewegen? Oder wird man gar auf drei Hochzeiten tanzen?

Pieper: Ich vermute, dass BMW eine Kooperation mit Daimler noch eingehen will. Es wird aber keine große Lösung geben und damit keine großen Effekte für die Profitabilität. Die Lage derzeit ist allerdings vertrackt. Daher schließe ich auch nicht aus, dass BMW letztlich seine Kooperation mit Peugeot  ausbaut oder gar mit Opel ins Gespräch kommt.

mm.de: Eine Beteiligung an Opel hat BMW erneut kategorisch abgelehnt. Ist ein so starkes Commitment zu diesem Zeitpunkt ein strategisch kluger Zug?

Pieper: In der gegenwärtig unsicheren Lage, in der sich Opel befindet, legt kein potenzieller Interessent seine Karten offen auf den Tisch. Die Rettung Opels ist im hohen Maße auch eine politische Frage. Daher sollten wir eine Kooperation mit Opel oder gar eine Übernahme des Autobauers nicht ausblenden. BMW ginge damit zwar ein großes Risiko ein, weshalb ich eher für eine engere Kooperation mit Peugeot wäre. Die Einstiegskonditionen bei der GM-Tochter dürften sich allerdings mit der Zeit noch verbessern.

mm.de: Ist damit eine gegenseitige Kapitalbeteiligung von BMW und Daimler, die einmal im Gespräch war, definitiv vom Tisch?

Pieper: Auf kurze Sicht sehe ich eine Beteiligung nicht. Das Thema könnte allerdings dann wieder auf die Agenda gelangen, wenn sich die Lage für BMW verschlechtern sollte, die Münchener also mehrere Quartale in Folge Verluste schreiben und der Aktienkurs noch weiter fällt. Sollte der Kurs auf 15 Euro rutschen, was ich nicht ausschließe, werden die Quandts ihre ablehnende Position womöglich noch einmal überdenken. Dann ist vielleicht auch eine gegenseitige Kapitalbeteiligung möglich.

mm.de: Der Druck auf BMW und seine Großaktionäre ist also noch nicht groß genug?

Pieper: Ja, das ist genau das Problem. Durch den schleichenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit ist die Not nie als so groß erachtet worden, dass man sich bei BMW zu entscheidenden Weichenstellungen veranlasst sah. Das könnte sich aber schnell ändern.

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