Fondsmanager-Kolumne Brasilien bietet Chancen in der Krise

Brasilien und Russland gelten als zwar rohstoffreiche, industriell aber vergleichsweise rückständige Exoten. Dabei bietet das südamerikanische Land gerade in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise gute Chancen.
Von Andre Köttner

Ist von den BRIC-Staaten die Rede, so stehen zumeist Indien und China im Zentrum des Interesses. Hohe Wachstumsraten und rapide steigender Wohlstand haben die beiden asiatischen Nationen zum Inbegriff der aufstrebenden Wirtschaftsmächte werden lassen, während

Als Manager des international investierenden Aktienfonds UniGlobal bin ich stets auf der Suche nach Einstiegsgelegenheiten abseits des Mainstreams. Denn die größten Gewinne locken oft in Ländern und Regionen, die gerade nicht im Blickpunkt der Anleger stehen. Dabei genügt es nicht, nur Konjunkturdaten und Bilanzen zu studieren. Kein noch so ausführliches Zahlenwerk ersetzt den persönlichen Eindruck, den man vor Ort gewinnt.

Bei meinem Besuch in Brasilien habe ich mich daher genau über die Infrastruktur des Landes informiert. Denn letztlich sind es die sozialen, kulturellen und geographischen Voraussetzungen eines Staates, die den wirtschaftlichen Erfolg seiner Unternehmen bestimmen. Dabei haben sich auf vielen Ebenen die großen Aufgaben, aber auch die enormen Möglichkeiten des Schwellenlandes gezeigt.

Ein sehr junges Land

Brasilien ist mit rund 186 Millionen Einwohnern das mit Abstand größte und bevölkerungsreichste Land Südamerikas. Mit 10.000 US-Dollar pro Kopf liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei nicht einmal einem Drittel der entwickelten Industrieländer, was auch in der Armutsrate von 22 Prozent zum Ausdruck kommt. Brasilien ist dabei ein sehr junges Land: 28 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt und nur 6 Prozent über 65. Trotzdem bewegen sich die Ausgaben für Bildung mit 4,3 Prozent des BIP nur in etwa auf dem Niveau Deutschlands.

Große Klassenverbände, schlecht ausgebildete Lehrer und eine durchschnittliche Zahl von nur 4,1 Schuljahren - China etwa kommt auf 6 Jahre - prägen daher das Schulsystem und zeigen, welche Anstrengungen noch unternommen werden müssen, um den Abstand zu den etablierten Industrienationen zu verringern. Die Folgen sind für die brasilianische Volkswirtschaft spürbar: Die Unternehmen haben es nicht leicht, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden. Die Zahl an Hochschulabsolventen entspricht noch nicht landesweit den Anforderungen einer modernen Industrie- und Wissensgesellschaft.

Gleiches gilt für das Verkehrsnetz. In den Großstädten mit bis zu 20 Millionen Einwohnern herrscht ein gewaltiges Verkehrschaos, das nur durch den Ausbau der noch wenig entwickelten öffentlichen Verkehrsnetze bewältigt werden kann. In Sao Paulo beispielsweise ist dringend eine neue U-Bahn nötig, die derzeit auch gebaut wird. Die Fertigstellung erweist sich jedoch als herausfordernd. Denn es ist nur mit sehr großem Aufwand möglich, Straßenzüge zeitweise zu sperren, ohne einen völligen Verkehrsinfarkt auszulösen.

In vielen weiteren großen Ballungszentren stellt sich die Lage ähnlich dar. Auch der Flugverkehr gewinnt angesichts steigender Passagierzahlen zunehmend an Bedeutung. Für den rasch wachsenden Inlandsverkehr sind daher Investitionen in die bestehenden Flughäfen notwendig. Bisher wird ein Großteil des Personenverkehrs durch Busse bewältigt. Das Land ist jedoch riesig und der Luftweg würde Inlandsreisen deutlich vereinfachen. Gleichzeitig könnte der Landweg spürbar entlastet werden. Profiteure dieser Entwicklung sind die beiden Fluggesellschaften TAM und Gol.

Hervorragende Aussichten für brasilianische Banken

Wild wuchernde Slums und hohe Kriminalität - in Sao Paulo werden täglich einhundert Menschen zum Opfer von Tötungsdelikten - prägen das Bild vieler Großstädte. Zwar versucht die Regierung unter Präsident Lula da Silva, die Lage durch sozialen Wohnungsbau zu verbessern, aber der boomende Immobilienmarkt befindet sich erst in einer frühen Entwicklungsphase. So werden in Mexiko mit gerade einmal 60 Prozent der Bevölkerung Brasiliens vier Mal so viele Häuser gebaut.

Für die brasilianischen Banken ergeben sich damit hervorragende Aussichten. Denn das gesamte Hypothekenvolumen beträgt gerade einmal 3 Prozent des BIP, während es in den Industrieländern mehr als 100 Prozent sind.

Hinzu kommen gut funktionierende IT-Systeme, die Überweisungen effizient verarbeiten können und deren technologische Basis noch in Zeiten aufgebaut wurde, in denen hohe Inflation für Brasilien eine große Rolle gespielt hat. Zusammen mit einer soliden Eigenkapitalbasis sind die Institute daher gut für weiteres Wachstum gerüstet.

So erreichen die zwei größten Banken Itao und Bradesco deutliche Zuwachsraten im Kreditbereich und Zinsmargen von etwa 4 Prozent. Altlasten aus dem Subprime-Bereich weisen die auf Brasilien konzentrierten Institute nicht auf. Zur besseren Erschließung des Marktes besteht bei Bradesco bis 2011 eine Kooperation mit der Post, denn 57 Prozent der Brasilianer besitzen noch keinen Zugang zu Bankdienstleistungen.

Die Beispiele zeigen die Wachstumspotenziale des brasilianischen Binnenmarktes. Da nur 13 Prozent des BIP auf Exporte entfällt, ist das Land von der weltweiten Wirtschaftsschwäche längst nicht so stark betroffen wie andere Staaten. Gerade gegenüber den exportabhängigen BRIC-Staaten Russland und China sehe ich darin einen entscheidenden Vorteil. Brasilien wächst zwar langsamer als die anderen BRIC-Staaten, dafür aber auch konstanter als andere Emerging Markets, so dass ich das Land im Portfolio des UniGlobal  übergewichtet habe.

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