Bankanleihen "Investoren haben sich verkalkuliert"

Ob Genussschein, stille Einlage oder Hybridanleihe - Banken haben sich mit Nachrangkapital vollgesogen. Pensionskassen, Versicherer und Privatinvestoren gaben ihr Geld gern. Erste Institute zahlen jetzt keine Zinsen mehr, andere Banken wollen über Bilanzkosmetik Investoren trotzdem bedienen. Berlin interveniert - zu Recht, sagt Bankenexperte Wolfgang Gerke im Interview.

mm.de: Herr Gerke, der Markt für sogenanntes Nachrangkapital, mit dem sich auch deutsche Banken in den vergangenen Jahren eingedeckt haben, gerät zusehends in schwieriges Fahrwasser. Was macht nachrangiges Kapital für Banken eigentlich so attraktiv?

Gerke: Banken müssen mit Eigenkapital die Risiken ihres Geschäftsbetriebs unterlegen. Das Geschäftsvolumen einer Bank hängt also in erheblichem Maße von ihrer Ausstattung mit haftendem Eigenkapital ab. Nachrangig haftendes Kapital wird dem Eigenkapital zugerechnet - zwar nicht dem qualitativ als höherwertig geltenden Kernkapital. Es vergrößert aber den Spielraum der Banken, zusätzliche Kredite zu vergeben und ist im Insolvenzfall eben nachrangig an die Gläubiger zurückzuzahlen.

mm.de: Was erkennt die Finanzaufsicht als Nachrangkapital an?

Gerke: Das sind unter bestimmten Voraussetzungen Genussscheine, stille Beteiligungen an Banken oder auch Hybridanleihen. Letztere stellen eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital da.

mm.de: Worin liegt der Charme dieser Papiere für Investoren?

Gerke: Der Charme der Papiere liegt in der Regel in ihrer etwas höheren Verzinsung, da die Investoren im Insolvenzfall ja mithaften. Nicht zuletzt weil sich die emittierenden Institute stets über jeden Zweifel erhaben zeigten, gingen die Investoren in der Vergangenheit davon aus, dass dieser Fall nie eintreten wird. In Zeiten der Finanzkrise relativiert sich das Bild.

Jetzt müssen die Anleger unter Umständen zur Kenntnis nehmen, dass die Banken die Ausschüttungen auf Genussscheine oder Hybridanleihen streichen, wenn das Institut Verluste macht. Hier hat sich so mancher Investor verkalkuliert.

mm.de: Wer vor allem ist in diesen Papieren investiert?

Gerke: Die Papiere wurden sehr breit gekauft, auch von Privatanlegern, die zum Beispiel bei der Commerzbank zugegriffen haben. Überwiegend aber haben große Investoren wie Pensionsfonds, Pensionskassen und zum Teil auch Versicherer diese Papiere gekauft - also Institutionen, die für die betriebliche und private Altersvorsorge in Deutschland stehen. Wenn Banken ihre Ausschüttungen streichen, kann es indes besonders hart Stiftungen treffen. In der Mehrzahl der Fälle dürfen sie laut Satzung ihr Stiftungsvermögen nicht angreifen. Sie können zur Finanzierung ihrer laufenden Geschäfte lediglich auf Ausschüttungen zurückgreifen. Bleiben die aus, kann eine Stiftung in Schwierigkeiten geraten.

mm.de: Nach der Dresdner Bank hat jetzt auch die Hypo-Real-Estate-Tochter Depfa Zinsen für eine Nachranganleihe gestrichen. Ist das so ohne Weiteres möglich? Unter welcher Voraussetzung lassen sich Ausschüttungen an nachrangige Gläubiger aussetzen?

Gerke: Die Ausschüttungen werden ausgesetzt, wenn ein Kreditinstitut Verluste macht. Dann ist es nicht nur möglich, sondern meiner Meinung nach betriebswirtschaftlich auch notwendig, auf Zinszahlungen und andere Ausschüttungen zu verzichten.

"Wirtschaftliche Lage wird falsch wiedergegeben"

mm.de: Verluste machen auch die HSH Nordbank, die LBBW und die Commerzbank - jedenfalls nach IFRS-Bilanzregeln. Dennoch sollen Genussscheininhaber und Zeichner von stillen Einlagen Geld bekommen. Der Plan: Man erstelle einen Einzelabschluss nach Handelsgesetzbuch, löse stille Reserven auf, schafft so einen Jahresgewinn und damit die Voraussetzung für Ausschüttungen in dreistelliger Millionenhöhe. Ist das überhaupt zulässig?

Gerke: Formal mag das korrekt sein, ich halte das Vorgehen aber für grenzwertig. Denn ganz offensichtlich wird die wirtschaftliche Lage der Kreditinstitute durch die Ausweise nach HGB falsch wiedergegeben. Andernfalls würden sie ja nicht den staatlichen Rettungsschirm in Anspruch nehmen. Das heißt, ökonomisch betrachtet machen diese Banken extrem hohe Verluste, sind auf Hilfe des Staats angewiesen und dürften deshalb die nachrangigen Titel mit Ausschüttungen nicht bedienen.

mm.de: Das Bundesfinanzministerium scheint diesen Weg einzuschlagen und will Banken, die Verluste schreiben und zugleich die Hand beim Steuerzahler aufhalten, die Ausschüttung verbieten. Sie würden das Vorgehen der Regierung also begrüßen?

Gerke: Das Bundesfinanzministerium will jetzt die Eingriffsrechte der Finanzaufsicht stärken, um solche Ausschüttungen zu verhindern. Ich unterstütze dieses Vorhaben voll und ganz. Erst recht in Krisenzeiten müssen wir darauf achten, dass die Banken ihr Geld zusammenhalten.

mm.de: Die Institute argumentieren, wenn die Ausschüttungen unterbleiben, laufen sie Gefahr, dass Investoren Geld in Milliardenhöhe abziehen. Trägt das Argument?

Gerke: Die Gefahr besteht sicherlich. Es ist aber nun einmal die besondere Eigenschaft von nachrangigem Kapital, dass es nicht immer mit einer Zinszahlung bedient werden kann. Wir dürfen es einfach nicht gutheißen, dass auf diesem Wege staatliche Hilfen an private und institutionelle Investoren weitergereicht werden.

mm.de: Die Sache ist pikant. Schließlich ist der Bund selbst mit stillen Einlagen von 16,2 Milliarden Euro über den Bankenrettungsfonds Soffin an der Commerzbank beteiligt. Dann müsste ja auch er auf die Ausschüttung verzichten, oder?

Gerke: Diese Frage ist wirklich pikant. Der Bund ist zwar als Retter der Banken in höchster Not aufgetreten. Dennoch wäre rein formal gesehen sein investiertes Kapital genauso nachrangig einzustufen wie das eines Privatinvestoren. Wir sollten davon ausgehen, dass der Bund bei Vertragsabschluss aufgepasst hat.

"Problematisch, wenn sich der Bund Sonderrechte rausnimmt"

mm.de: Sollte der Bund im Fall der Commerzbank dann auf 1,5 Milliarden Euro jährliche Vergütung auf seine stille Einlage verzichten?

Gerke: Der Bund darf auf keinen Fall darauf verzichten, dass er an den Sanierungserfolgen einer Bank beteiligt wird. Auf der anderen Seite ist es problematisch gegenüber anderen nachrangigen Gläubigern, wenn der Bund sich hier Sonderrechte herausnimmt. Mein Eindruck ist, dass der Bund dieses Problem zu dem Zeitpunkt, als er kurzfristig als Helfer einspringen musste, noch nicht genügend durchleuchtet hatte.

mm.de: Im Fall der BayernLB genehmigte die EU-Kommission milliardenschwere Eigenkapitalhilfen durch den Freistaat, machte aber zur Voraussetzung, dass die Bank auf HGB-Bilanzkunstgriffe verzichtet. Genussscheininhaber und andere Hybridkapitalgeber der Bank werden damit leer ausgehen. Wird das der künftige Maßstab sein, wird die EU künftig womöglich europaweit intervenieren, wenn staatlich gestützte Banken trotzdem Ausschüttungen vornehmen?

Gerke: Es wäre zu begrüßen, wenn sich diese Praxis auf ganz Europa ausweiten würde. Leider aber intervenierte die EU schon bei der Sanierung der Landesbanken nicht ausreichend. Sie hätte darauf bestehen müssen, dass sich das deutsche Landesbankensystem in dieser Krise selbst sanieren muss. Stattdessen dümpelt jede Landesbank mit riesigen Staatshilfen vor sich hin.

mm.de: Sollten Bund und EU in dieser Frage an einem Strang ziehen, Ausschüttungen maroder Banken also verbieten, hat dann nachrangiges Kapital als Refinanzierungsquelle für Banken überhaupt noch eine Zukunft?

Gerke: Das Vertrauen der Anleger ist lädiert. Wir müssen daher davon ausgehen, dass es Kreditinstituten in der gegenwärtigen Lage ohnehin schwerfallen wird, sich über nachrangige Anleihen oder Hybridanleihen zusätzliches Kapital zu besorgen. Bleiben die Ausschüttungen aus, wird das Vertrauen noch mehr leiden. An dieser Entwicklung sind die Banken aber selbst schuld.

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