Soziale Investments Gutes Geld, Glaube, Gewissen

Professoren der Eliteuni Princeton lesen blamierten Wall-Street-Managern die Leviten. Ihre These: Soziale Investments können in der Krise Vertrauen wiederherstellen - und dabei sogar noch gute Renditen erzielen.
Von Jan Thomas Otte

Das Letzte, was Anleger wollen, sei eine innovative Bank: "Das ist eine beängstigende Sache", schimpft Collin Melvin. Mit kaum unterdrücktem Ärger spricht er über diejenigen Banker, die mit ihren ausgeklügelten "innovativen" Investments die Krise erst richtig ins Rollen gebracht hätten. Im Raum herrscht Stille, nur der Beamer brummt. 30 Zuhörer, in U-Form sitzend, schauen verstohlen nach vorn. Die Stimmung ist angespannt, die Atmosphäre ziemlich schwül.

Die Spekulationsblase, öffentliche Milliardenverluste und private Prämien für Topbanker - das hätte für ein Umdenken unter den Anlegern gesorgt, sagt Harrison Hong vorsichtig. Als Professor für Volkswirtschaft an der Eliteuni Princeton und Zögling des US-Notenbankchefs Ben Bernanke hat er die Konferenz zum Thema "Social Responsible Investing" (SRI) in Princeton organisiert. Unter den Teilnehmern sind prominente Professoren der Ivy-League, Manager und Investoren aus der Praxis.

Manche haben sich erst kürzlich für SRI begeistern können, andere zweifeln weiter an der Umsetzung. "Eine ungewöhnliche Runde als Kick-off zum Thema sozialer Investments", sagt Hong. Das muss sein, weil immer mehr Anleger wissen wollen, wo Investmentbanker ihr Geld anlegen: Ob sie bei ihren Anlageentscheidungen auch nach ethischen Wertvorstellungen fragen statt nach reinen Renditekriterien.

Chancen auf nachhaltigen Gewinn

Collin Melvin steht noch immer am Rednerpult und wirbt offen für SRI. Er ist Oberhirte bei Hermes Equity Ownership Services, einer Tochter des Pensionsfonds der British Telecom. Eine ohnehin konservative Strategie im Kopf, managt seine Firma Privatvermögen in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar, verspricht langfristige Renditen mit ethischem Anspruch. Und diese Grundsätze zählen wieder an der Börse, sie sind sogar denkbar als "echte Innovation", munkelt ein Zuhörer. Umweltschutz und Menschenrechte seien nicht mehr bloß Forderungen von Non-Profit-Organisationen, sondern bieten Chancen auf nachhaltigen Gewinn.

Der Tenor der Konferenz: Auch mit sozialen Investments kann man gutes Geld verdienen, sie sind sauber, sicher, kurzfristig aber nicht ganz so profitabel. SRI wirkt bei den Managern in der Runde als Schlüsselwort, um vor allem das verloren gegangene Vertrauen vieler Anleger wiederzugewinnen.

Sozialverantwortliches Investieren ist keine blanke Theorie, sondern längst Praxis in einigen Portfolios, wie Zahlen belegen: Rund drei Billionen US-Dollar sozialer Investments wurden 2008 rund um den Globus gehandelt, vor allem in Großbritannien und in den USA.

An den guten Glauben appellieren

An den guten Glauben appellieren

Lange lächelten Manager an der Wall Street über SRI als "Nice to have". Heute sitzen sie wieder auf der Schulbank. Auf dem Börsenparkett haben sie nicht nur geliehenes Geld in Milliardenhöhe verzockt, sondern auch das Vertrauen ihrer Anleger aufs Spiel gesetzt. Die Konsequenzen dieses Vertrauensverlustes scheinen kaum zu überblicken, das lasse sich erst im Nachhinein in Zahlen ausdrücken.

Die Profite mit komplizierten Risikopapieren schafften schnelles Geld. Nun ist der Schaden da, und auch Zweifler am SRI-Konzept müssen über Wirtschaftsethik reden. SRI, dass wolle er nur dann machen, wenn auch die anderen mitziehen, sagt einer der Investoren. Sprich, wenn er nicht der Verlierer ist. Auf Profit komme es an, Verantwortung gegenüber den Shareholdern, eine kalkulierbare wirtschaftliche Leistung für den Klienten (und das eigene Portemonnaie), kritisiert ein Hedge-Fonds-Manager aus Connecticut.

Der Redner am Pult kontert: SRI schade niemandem, ermögliche aber strategische Investitionen im sozialen Bereich, mache Firmen attraktiver, schärfe die langfristigen Interessen. Joshua Margolis scheint es als Verhaltenswissenschaftler an der Harvard Business School gewohnt zu sein, erst mal auf Misstrauen zu stoßen.

Viele Teilnehmer reden so, wie man es aus der eigenen Vorlesung, Symposien in Davos oder Finanzgipfeln in Washington kennt: Sachlich korrekt, möglichst reizarm, abstrakt. Mancher Manager krickelt gelangweilt in seinem Notizblock und fragt sich dabei vermutlich: Wann kommen die Marktzahlen dieser sozialen Anlagestrategie? Welche Positivbeispiele gibt es bereits, was die Performance angeht? Wie bringe ich das meinen Shareholdern bei?

Neue Gütesiegel fürs Geld statt immer gleicher Werbefloskeln

Neue Gütesiegel fürs gute Geld statt Werbefloskeln

Auch Professor Hong hat bisher, ehrlich gesagt, lieber mit unverfänglichen Matheformeln jongliert. Ganze Kapitalismustheorien mal ebenso umzuschmeißen, das brauche viel mehr Zeit und koste Energie. Eine sozial verträgliche Maximierung der Rendite sei aber möglich. Sein ehemaliger Lehrer, US-Notenbankchef Ben Bernanke, hatte an der Edelschmiede Princeton noch vor der Krise ein Forschungslabor für Spekulationsblasen aufgebaut. Damals ignoriert, spricht Hong jetzt über gutes Geld. Kurz: ökologisch wertvoll, ökonomisch nachhaltig, ethisch in Ordnung.

Im Dreieck von Professor, Manager und Investor fehlt es an Schlagworten nicht, dem Vermitteln von praktischem Anwenderwissen aber schon. UN-Vertreter und Kirchenmänner am Rande halten ihre Werte dagegen konkreter: Windkraft, Sonnenenergie und Straßenkinderpojekte vor der eigenen Haustür, die sollten mehr unterstützt werden.

James Gifford wirbt für den "Global-Compact". Mit dem als verlässlicheres Gütesiegel will der Executive Director bei der UN neue Anreize für Manager und Märkte schaffen: "Sozusagen eine Win-Win-Situation in Fragen zur Umwelt, Sozialem und der Corporate Governance", sagt er. Gerade im Krisenjahr 2008 habe es viele Fortschritte in Sachen SRI gegeben.

Hermes, vertreten durch Collin Melvin, habe auch mir der deutschen Bundesregierung an einem Mittelweg zwischen sozialem Gewissen und Gewinn gearbeitet. Als viele Anleger nach verstärkter Marktkontrolle schrien, habe Melvins Firma eine drohende Über-Regulierung der Börsen verhindert, sagt Gifford. Investoren sollten lieber freiwillig statt per Gesetzesdruck an ihrer Wirtschaftsethik arbeiten.

Fünf Billionen Dollar in gutes Geld verwandeln

Im März will an der Wall Street zum Beispiel eine "Koalition von Investoren", wie es der UN-Experte nennt, ganze fünf Billionen US-Dollar Vermögenswerte in gutes Geld verwandeln. Die ethisch gesinnten Finanzmanager wollen auch per Zahlendruck erreichen, dass die 9.000 Unternehmen, die in ihrem Portfolio stecken, den "Global Compact" unterschreiben: Zehn Grundsätze für mehr soziale Verantwortung im Finanzgeschäft. (www.unglobalcompact.org)

Indirekt könnte das manche Rating-Agenturen ablösen, die in letzer Zeit ihre Gläubiger mehr als enttäuscht hätten, sagt Gifford, während er Broschüren in der Runde austeilt, schön bunt, aber auf Umweltpapier gedruckt, versteht sich. Das sei kein PR-Mätzchen, sondern ernst gemeint. Martin Schell, Professor in New York, greift den kritischen Blick des Hedge-Fonds-Managers neben ihm auf, schimpft, dass SRI bisher eher außerhalb von Unternehmen eine Rolle spiele, nicht aber im drinnen. Einige von Schells Studenten halten SRI noch für eine reine Werbeaktion.

Wenn zum Beispiel ein Getränkehersteller einen Dollar Umsatz pro Bierkasten nach Afrika schickt, selbst aber seine Mitarbeiter ausbeutet, wäre das natürlich Quatsch. Mit sozialen Investments könnte jeder Stakeholder ein Stück vom Kuchen abbekommen. Jeder Bürger im Big Apple sollte vom Apfelkuchen abbeißen können, finden Schells Studenten.

Die Welt funktioniere eben anders als New Yorker Einbahnstraßen rund um die Wall Street. Gekünstelte Synergien zwischen Wirtschaft und Gesellschaft sieht Schell kritisch. SRI sei mehr als das Management zwischen Reputation und Risko. Was ist die wirkliche Grundlage für soziale Entscheidungen? Lohnt sich das denn nun? Mit griffigen Argumenten tun sich die Gelehrten schwer, Schweißperlen rollen die Stirnfalten runter, auch dem Moralapostel in dieser Runde.

Ursachen der Geiz-Mentalität bekämpfen

Ursachen der Geiz-Mentalität bekämpfen

Raymond Fishman hat kürzlich sein erstes Buch veröffentlicht. Der übersetzte Titel lautet: Wirtschafts-Gangster, Korruption und Armut. Das war noch vor der Krise. Heute lacht in der Managementriege niemand. Natürlich mache es Sinn, mindestens einen von zehn US-Dollars in gute Zwecke zu investieren, setzt der Juniorprofessor den Managern die Pistole auf die Brust. Für ihn ist SRI lange überfällig.

Statt Boykottmaßnahmen gegen Kinderspielzeug aus China sei es doch viel besser, sozialbewusste Anlagen zu unterstützen. Fishman erwartet keine Antwort, klammert sich an sein Manuskript wie in der Vorlesung, setzt noch eins drauf.

Den meisten Managern fehle es an Objektivität, sie würden ihre Marken von Ego und Endprodukt überschätzen. Manch ein Anlagestratege wäre jetzt wohl vom Stuhl gekippt. Nicht in dieser Zeit. Es ist still, die Luft im Raum trocken. Warum hat es an der Wall Street nicht Bier statt Dollars geregnet? Damit wäre doch allen geholfen, niemand hätte etwas falsch gemacht. Fishman versucht, die Lage zu entspannen. Ein paar Manager lachen verkrampft, der Rest bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Die Idee von SRI ist die Wechselbeziehung von sozialen Maßnahmen und finanzieller Performance, erklärt Kollege Joshua Margolis. Es gebe viele Faktoren für Rentabilität, doch Sozialstrategie zahle sich ebenso aus: bisher in seiner Forschung, langfristig am Aktienmarkt. Er vermutet, dass Unternehmen, die sozial und ökologisch daneben liegen, zukünftig vom Anleger härter bestraft werden. Manche schläfrige Augen weiten sich beim Blick in die Runde. Margolis schiebt drei gute Gründe für SRI nach. Erstens die banale Feststellung, dass Investoren Menschen sind, mit Hirn, Herz und Angst.

Zweitens sei SRI ein verlässlicherer Indikator im Risikomanagement, für ein aufmerksames, umsichtigeres Management. Und statt reine Reputation gehe es verstärkt um die soziale Legitimität, die Stellung eines Unternehmens in der immer vernetzteren Finanz-Community zwischen Shareholdern und Stakeholdern.

Die Macht des Kunden und Mitarbeitermotivation im Unternehmen, kurz Charakter und Kultur, habe man in der Tat unterschätzt, gibt ein Banker zu. Raymond Fishman geht das nicht weit genug. An Moral und Gewissen will der New Yorker ansetzen, fiese aber wirksame Strafen einführen, um SRI attraktiver zu machen. Wie können Manager eine doppelte Performance von Nachhaltigkeit und Rendite, meistern?

Der Business Case: SRI in der Praxis

Vom neuen US-Präsident Barack Obama erwartet Fishman schärfere Kontrollen vom Staat, vor allem bei den Heuschrecken (group raider). Das locke auch mehr institutionelle Investoren wie Hermes, die als verlässlichere Partner am Markt gelten und, mit der Rückendeckung ihrer Klienten, eher die gute Sache unterstützen.

Ob Stiftungen wie Rockefeller oder Versicherungen der Kirche. Institutionelle Anleger führen die Ranglisten von SRI ganz oben an. Henrik Syse ist extra aus Norwegen angereist. Er und andere wollen zeigen, dass SRI funktioniert. Mehrere Jahre hat er in der Corporate Governance von Banken und Ölkonzern gearbeitet. Warum ist das für deren Politik so attraktiv? Syse spricht lieber von "ganzheitlichen Geschäften", als sich in der Praxis vieler Konzerne täglich übers Scheitern zu ärgern.

Ob Umwelt oder Soziales, mindestens der Zehnte gehöre langfristig ins SRI-Portfolio, wiederholt der norwegische Banker die beiden Professoren. Dieses Signal der Anteilseigner könnte Manager Mut machen, sich ethischer zu verhalten. Unkenrufe gegenüber Investmentbankern wären dann Schnee von gestern. Anleger und Management wüssten voneinander, könnten sich über Marktchancen wie im Beispiel Hermes konstruktiv unterhalten. Wenn SRI funktioniert, bringt das gutes Geld für viele Menschen. Klingt plausibel, fragt sich nur, wann dann der Markt wieder gesättigt ist. Mehr als gutes Geld für geschundene Portfolios repariert SRI aber verlorene Fundamentalwerte, das Vertrauen beim Anleger.

Der Business Case: SRI in der Praxis

Alex Salzmann, Absolvent der Princeton University, hat sich im New Yorker Finanzgeschäft selbständig gemacht: "Viscap" ist der Name seines Start-Ups. Im Januar gestartet, ist Salzmann einer von unzähligen, aber weitgehend unbekannten SRI-Fonds. Mit einer Performance von durchschnittlich 18 Prozent in 2008, der Finanzkrise zum Trotz, stehen SRI-Fonds gar nicht so schlecht da. James Giffords UN-Manschaft in New York appelliert an die Spielregeln, das Social Investment Forum in Washington D.C überprüft das Einhalten ethischer Werte. (www.socialinvest.org)

In einem sozialen Rating werden dort die betreffenden Firmen einem Screening unterzogen, dabei geht es nicht nur ums Einhalten der Menschenrechte in Fern-Ost. Hat der Fonds mit Industrien in Sachen Alkohol, Tabak, Glückspielen, Waffen oder Tierversuchen zu tun? Schlecht. Wird in das Wohl von Gesellschaft, Umwelt und Mitarbeitern investiert? Umso besser. Zurück in New York bestimmt die Wall Street weiterhin die Marktwerte.

"Viscap" hat alle drei Härteteste überstanden. 40 Millionen US-Dollar will Salzmann bis Mitte 2010 damit einwerben. 2011 sollen es schon über einhundert im Töpfchen sein, Private Equity und Funds-of-Funds, sagt der Jungunternehmer. Sein eigentliches Ziel? 400 Millionen US-Dollar. Institutionen, Versicherungen und Stiftungen hätten ihm schon zugesagt. Salzmanns Versprechen: "Nur in saubere Energie investieren". Damit springt er auf den Öko-Zug auf, der jetzt in den USA nach dem Crash der großen Automobilkonzerne richtig ins Rollen kommt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.