Währungen Das fulminante Comeback des US-Dollar

Finanzmärkte paradox: Die Wall Street schickt seit mehr als einem Jahr Schockwellen um den Globus, die USA reißen die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession - und der US-Dollar legt ein grandioses Comeback hin. Seit Sommer 2008 hat der Greenback gegenüber dem Euro mehr als 20 Prozent gewonnen. Warum eigentlich?

Hamburg - Als im Sommer vergangenen Jahres ein Euro  fast 1,60 Dollar kostete, hätte kaum jemand die weitere Entwicklung vorhergesagt. Die schlimmsten Nachrichten kamen seinerzeit aus den USA.

Die staatliche Stützung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae  und Freddie Mac , die Milliardenverluste des Versicherungsriesen AIG  und dessen Übernahme durch die Notenbank Fed, der Exitus von Lehman Brothers  sowie das Ende der reinrassigen Investmentbanken an der Wall Street, dazu die US-Wirtschaft auf dem Weg in eine tiefe Rezession: Alles sprach für eine weitere Abschwächung der US-Währung. Wäre der Euro heute 1,80 Dollar oder gar 1,90 Dollar wert - kaum jemand würde sich darüber wundern.

Ist er aber nicht. Der US-Dollar hat gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung seit Mitte vergangenen Jahres mehr als 20 Prozent an Wert gewonnen. Zurzeit ist ein Euro lediglich rund 1,25 Dollar wert.

Wie das? Was verhalf der US-Währung zu diesem sagenhaften Comeback? "Die meisten bösen Überraschungen kamen in letzter Zeit aus Europa", erklärt Michael Rottmann, Chef des Zins- und Währungsresearchs bei der Unicredit Group. "Im Herbst vergangenen Jahres wurde plötzlich klar, dass auch auf dem Alten Kontinent Banken und Finanzkonzerne wie Dexia, Fortis oder Hypo Real Estate staatlich gestützt werden müssen, und dass auch in Europa die Wirtschaft eine Vollbremsung hinlegen würde."

Hinzu kommen laut Rottmann seit Kurzem die Probleme der osteuropäischen Staaten. Als Beispiele nennt der Experte die Ukraine und Ungarn - beide mussten bereits den Internationalen Währungsfonds (IWF) um finanzielle Unterstützung bitten.

Den entscheidenden Nachteil der Euro-Zone gegenüber den USA sehen Experten zudem in der mangelnden wirtschaftspolitischen Koordination angesichts der Krise. So sieht alle Welt zu, wie die Spreads für europäische Staatsanleihen immer weiter auseinanderdriften. Länder wie Spanien, Griechenland und Irland bekommen bereits ernsthafte Schwierigkeiten, ihre Haushalte am Anleihemarkt zu refinanzieren. Seriöse Fachleute diskutieren schon über die Gefahren eines Staatsbankrotts und eines Auseinanderbrechens der Währungsunion - aber auf politischer Ebene ist keine klare Linie zur Lösung der Probleme zu erkennen.

15 Prozent Wertverlust in zwei Monaten

"Würden die US-Staaten wie die Länder der Euro-Zone einzeln regiert, so hätte vermutlich mindestens Kalifornien bereits die Waffen gestreckt und die Staatspleite erklärt", sagt Rottmann. "Da dies aber nicht passieren kann, ist auch das Rating für die Kreditwürdigkeit der USA derzeit nicht in Gefahr - im Gegensatz zu jenem vieler europäischer Staaten." Ein Beispiel: Die langfristige Kreditwürdigkeit Spaniens wurde von Standard & Poor's kürzlich vom Bestwert AAA auf AA+ herabgestuft.

Aber auch außerhalb der Euro-Zone fand der Dollar in den vergangenen Monaten zu früherer Stärke zurück. Der brasilianische Real, der neuseeländische Dollar - selbst der japanische Yen: Sie alle verloren deutlich an Wert. Mit mangelnder Koordination in der europäischen Wirtschaftspolitik lässt sich das kaum erklären.

"Die Finanz- und Bankenkrise ist nicht mehr so sehr das Thema auf den Märkten", begründet Ulrich Leuchtmann, Leiter des Devisenresearchs bei der Commerzbank, die Entwicklung. "Die Sorgen drehen sich jetzt mehr um die globale Rezession." Laut Leuchtmann suchen die Anleger in ungewissen Zeiten wie diesen vor allem nach Sicherheit. "Und die vermuten sie nach wie vor zuerst in den USA."

Hinzu komme, dass der Dollar durch die Rezession in den USA sogar gestützt werde. "Die öffentlichen Haushalte sind zwar gezwungen, mehr Schulden zu machen, um die Wirtschaft zu stärken", sagt der Fachmann. "Die Privatleute sparen aber eher." Da dieser Effekt schwerer wiege, werde sich das Leistungsbilanzdefizit der USA in nächster Zeit vermutlich verringern. Der Experte rechnet mit einem Defizit von rund 3 Prozent in diesem und im kommenden Jahr - nach Werten von mehr als 6 Prozent in der Vergangenheit.

Die Entwicklung des Dollar-Yen-Kurses muss laut Leuchtmann indes isoliert betrachtet werden. Bis Mitte Dezember 2008 war der Wert der japanischen Währung kontinuierlich gestiegen. Erst Anfang 2009 schwenkte auch der Yen auf den allgemeinen Trend ein - binnen zweier Monate verlor er gegenüber dem Dollar etwa 15 Prozent.

Wer kommt zuerst wieder auf die Beine?

"Dass der Yen zunächst an Wert gewonnen hat, lag anfangs daran, dass viele ausländische Investoren sogenannte Carry-Trades auflösten, die sie mit zinsgünstig geliehenen japanischen Yen eingegangen waren", erläutert der Commerzbank-Experte. Um die Kredite zurückzuzahlen, brauchten diese Anleger Mittel in der japanischen Währung, was deren Wert steigen ließ. "Seit Mitte 2007 waren es nach unseren Erkenntnissen vor allem japanische Investoren, die aus Risikoscheu ihre Positionen im Ausland auflösten und damit die eigene Währung stützten", sagt Leuchtmann.

Bleibt die Frage nach der weiteren Entwicklung. Wird der Dollar weiter erstarken? Oder dreht der Trend erneut - etwa zugunsten des Euro? Eines ist klar: Die EZB-Entscheidung vom Donnerstag, den Leitzins auf historisch niedrige 1,5 Prozent herunterzusetzen, wird dem Euro keinen Aufwind geben. Im Gegenteil: Die ohnehin geringe Zinsdifferenz zwischen Euro-Zone und den USA wird dadurch nochmals verringert.

"Vieles wird davon abhängen, wer zuerst und am stärksten aus der Rezession herauskommt", sagt zudem Leuchtmann. "Aller Wahrscheinlichkeit nach werden dies wohl die USA sein, was dem Dollar zusätzlichen Schub verleihen dürfte."

Auch Rottmann ist sich sicher: "Die USA marschieren voran und kommen als Erste wieder auf die Beine." Langfristig hat der Unicredit-Mann aber eine andere Prognose. "Sobald sich auch in Europa die Wogen wieder geglättet haben, fallen viele Belastungsfaktoren für den Euro weg", sagt er. "Wir erwarten, dass er dann gegenüber dem Dollar wieder Boden gutmachen kann."

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