Freitag, 6. Dezember 2019

Dax-Geflüster Hilfst du mir, helf' ich dir

Unter dem Druck der Bundesregierung haben sich die Dax-Firmen verpflichtet, ihren Mitarbeitern in der Krise nicht zu kündigen. Die Stellenstreichungen bei ThyssenKrupp zeigen, dass solche Versprechen letztlich Vertrauen zerstören. Die neue Kungelei zwischen Politik und Konzernen weckt Erinnerungen an die alte Deutschland AG.

Bereits nach knapp vier Wochen droht der feierliche Schwur von Berlin in Vergessenheit zu geraten. "Ja, wir wollen Kündigungen verhindern", hatten 25 Dax-Vorstände nach einem Treffen mit Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) Anfang Januar gelobt.

Stelldichein: Treffen von Politik und Wirtschaft im Kanzleramt
Doch mit ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen und SAP Börsen-Chart zeigen haben nun zwei Dax-Konzerne Stellenstreichungen angekündigt. Ob es dabei zu betriebsbedingten Kündigungen kommt, ist noch nicht sicher. Trotzdem zeichnet sich ab, dass die als "Absichtserklärung" deklarierte Selbstverpflichtung (bei der ThyssenKrupp und SAP dabei waren) schon bald nicht mehr viel wert sein dürfte. Spätestens die Arbeitsmarktzahlen für Januar weckten Ahnungen, dass es noch weit schlimmer kommen dürfte. Auch Infineon Börsen-Chart zeigen schließt inzwischen weitere Stellenstreichungen nicht aus.

"Wir sind nun mal nicht in einer Planwirtschaft, in der Betriebe ihren Personalbedarf für die nächsten fünf Jahre festlegen", sagt ein Restrukturierungsexperte, der sich über ausbleibende Aufträge derzeit nicht beschweren kann. "Es ist aber gefährlich, wenn man solche Versprechen schnell wieder bricht." Der krampfhafte Versuch, die Bürger in Krisenzeiten zu beruhigen, könnte sich in sein Gegenteil verkehren.

Das Vertrauen in die illustren Berliner Runden, besetzt mit Vertretern aus Regierung und Großkonzernen, schwindet angesichts derartiger Luftnummern dahin. Das hat insofern sein Gutes, als es den Blick dafür schärft, was solche Treffen tatsächlich ausrichten können - und welche Schäden möglicherweise sogar entstehen. Die Dax-Konzerne gelten dabei gerade in Krisenzeiten vielfach als "die deutsche Wirtschaft", doch beschäftigen sie lediglich etwa 6 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland.

"Wir retten die Wirtschaft, mit Hilfspaketen, Konjunkturprogrammen und guten Absichten" - das ist das Signal, das von den Gesprächskreisen ausgehen soll. Tatsächlich gehen die Beschlüsse, die in allen Details zum Teil gar nicht bekannt werden, oft an den langfristigen Bedürfnissen von Wirtschaft und Gesellschaft vorbei. Die Kungelrunden aus Politik und Dax-Konzernen orientieren sich zu oft an anderen Kriterien, die mehr mit den kurzfristigen Bedürfnissen der Beteiligten zu tun haben.

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