Donnerstag, 5. Dezember 2019

Finanzkrise "Kollaps der Rentenmärkte möglich"

Auf unglaubliche 8,5 Billionen Dollar summieren sich bislang die Hilfen Washingtons, um das Finanzsystem zu retten und die US-Wirtschaft zu stabilisieren. Die Fed wird wohl weiter Geld in die Märkte pumpen. Das könnte die Krise zwar schneller beenden. Doch die nächste ist damit bereits angelegt, warnt Ökonom Christian Löhr.

mm.de: Herr Löhr, US-Regierung und Notenbank feuern aus allen Rohren um Finanzsystem und Wirtschaft zu stabilisieren. Was ist Ihr Eindruck, gehen Politik und Notenbank dabei eigentlich noch koordiniert vor?

Die Angst will nicht weichen: US-Regierung und US-Notenbank Fed lassen nichts unversucht. Die Leitzinsen sind nahezu auf Null gesenkt, Billionen-Programme zur Stützung des Finanzsystems und der Wirtschaft aufgelegt. Doch Investoren und Märkte bleiben skeptisch.
AP
Die Angst will nicht weichen: US-Regierung und US-Notenbank Fed lassen nichts unversucht. Die Leitzinsen sind nahezu auf Null gesenkt, Billionen-Programme zur Stützung des Finanzsystems und der Wirtschaft aufgelegt. Doch Investoren und Märkte bleiben skeptisch.

Löhr: Von einem koordinierten Vorgehen kann man angesichts des Umfangs der praktizierten und angedachten Maßnahmen eigentlich nicht mehr sprechen. Vielmehr prägen die Anzahl der Aktionen sowie deren antizipierte Höhe das Motto "Viel hilft viel". Aus der Vergangenheit aber wissen wir - sowohl gesamtwirtschaftlich als auch mit Blick auf einzelne Unternehmen - , dass dieses Motto im Nachhinein häufig nicht der richtige Weg gewesen ist, um das Problem am Schopfe zu packen. Denn dazu hätte man wissen müssen, was man eigentlich verändern will. Ich werde derzeit den Eindruck nicht los, dass die Amerikaner das Problem noch nicht wirklich erkannt haben. Das ist bei uns übrigens nicht anders.

mm.de: Sie schreiben in einem Kommentar, das finanzielle Volumen bislang aller unternommenen Stützungsversuche der USA in der Finanzkrise belief sich bis Dezember 2008 auf 8,5 Billionen Dollar. Eine irre, aber auch abstrakte Zahl. Welche Positionen verbergen sich hinter dieser Ziffer?

Löhr: Das ist in der Tat eine irre Zahl. Zum Vergleich: Die Summe aller Stützungsversuche der US-Regierung entspricht damit etwa 60 Prozent des US-Sozialprodukts des vergangenen Jahres. Die Positionen indes sind recht vielschichtig. Zum einen zählen die Verstaatlichung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae, Freedie Mac sowie der Investmentbank Bear Stearns mit einem Volumen von 300 Milliarden Dollar dazu - Tendenz steigend. Dann schlägt der bekannte Bankenrettungsfonds in Höhe von 700 Milliarden Dollar zu Buche. Ob diese Summe allerdings ausreicht, ist zweifelhaft.

Vom Staat gegebene Garantien sind in diesen 8,5 Billionen Dollar auch berücksichtigt: Etwa die Garantien für den Einlagensicherungsfonds in Höhe von 1,4 Billionen Dollar. Zuletzt ist noch das Commercial-Paper- und ABS-Programm der US-Notenbank zu erwähnen, die einen Umfang von 3,1 Billionen Dollar haben. Der Rest ergibt sich aus weiteren Zusagen der US-Regierung und speziellen Ausleihprogramme der Fed in Höhe von 2,7 Billionen Dollar.

Klammern wir die Garantien und die Ausleihprogramme aus, so bleibt dennoch ein riesiger Beitrag, der in harten Dollars schlagend werden kann: Unter dem Strich also gut vier Billionen Dollar, die zum Teil schon geflossen sind oder in Kürze fließen werden.

mm.de: Man versucht also viel, um ein Abgleiten der USA in die Depression zu verhindern. Sehen Sie auf irgendwelchen Märkten Zeichen der Besserung?

Löhr: Einzelne zaghafte Besserungszeichen lassen sich in einem leichten Anstieg der Geldmenge M1 für Europa sowie der Geldmenge M2 in den USA ablesen, die in der Vergangenheit relativ treffsicher eine Besserung der Konjunktur in etwa zwei bis drei Quartalen nach sich gezogen haben. Besserung ist allerdings relativ, denn vorher werden wir wahrscheinlich noch tiefer in die Rezession schlittern.

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