Finanzkrise "Kollaps der Rentenmärkte möglich"

Auf unglaubliche 8,5 Billionen Dollar summieren sich bislang die Hilfen Washingtons, um das Finanzsystem zu retten und die US-Wirtschaft zu stabilisieren. Die Fed wird wohl weiter Geld in die Märkte pumpen. Das könnte die Krise zwar schneller beenden. Doch die nächste ist damit bereits angelegt, warnt Ökonom Christian Löhr.

mm.de: Herr Löhr, US-Regierung und Notenbank feuern aus allen Rohren um Finanzsystem und Wirtschaft zu stabilisieren. Was ist Ihr Eindruck, gehen Politik und Notenbank dabei eigentlich noch koordiniert vor?

Die Angst will nicht weichen: US-Regierung und US-Notenbank Fed lassen nichts unversucht. Die Leitzinsen sind nahezu auf Null gesenkt, Billionen-Programme zur Stützung des Finanzsystems und der Wirtschaft aufgelegt. Doch Investoren und Märkte bleiben skeptisch.

Die Angst will nicht weichen: US-Regierung und US-Notenbank Fed lassen nichts unversucht. Die Leitzinsen sind nahezu auf Null gesenkt, Billionen-Programme zur Stützung des Finanzsystems und der Wirtschaft aufgelegt. Doch Investoren und Märkte bleiben skeptisch.

Foto: AP

Löhr: Von einem koordinierten Vorgehen kann man angesichts des Umfangs der praktizierten und angedachten Maßnahmen eigentlich nicht mehr sprechen. Vielmehr prägen die Anzahl der Aktionen sowie deren antizipierte Höhe das Motto "Viel hilft viel". Aus der Vergangenheit aber wissen wir - sowohl gesamtwirtschaftlich als auch mit Blick auf einzelne Unternehmen - , dass dieses Motto im Nachhinein häufig nicht der richtige Weg gewesen ist, um das Problem am Schopfe zu packen. Denn dazu hätte man wissen müssen, was man eigentlich verändern will. Ich werde derzeit den Eindruck nicht los, dass die Amerikaner das Problem noch nicht wirklich erkannt haben. Das ist bei uns übrigens nicht anders.

mm.de: Sie schreiben in einem Kommentar, das finanzielle Volumen bislang aller unternommenen Stützungsversuche der USA in der Finanzkrise belief sich bis Dezember 2008 auf 8,5 Billionen Dollar. Eine irre, aber auch abstrakte Zahl. Welche Positionen verbergen sich hinter dieser Ziffer?

Löhr: Das ist in der Tat eine irre Zahl. Zum Vergleich: Die Summe aller Stützungsversuche der US-Regierung entspricht damit etwa 60 Prozent des US-Sozialprodukts des vergangenen Jahres. Die Positionen indes sind recht vielschichtig. Zum einen zählen die Verstaatlichung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae, Freedie Mac sowie der Investmentbank Bear Stearns mit einem Volumen von 300 Milliarden Dollar dazu - Tendenz steigend. Dann schlägt der bekannte Bankenrettungsfonds in Höhe von 700 Milliarden Dollar zu Buche. Ob diese Summe allerdings ausreicht, ist zweifelhaft.

Vom Staat gegebene Garantien sind in diesen 8,5 Billionen Dollar auch berücksichtigt: Etwa die Garantien für den Einlagensicherungsfonds in Höhe von 1,4 Billionen Dollar. Zuletzt ist noch das Commercial-Paper- und ABS-Programm der US-Notenbank zu erwähnen, die einen Umfang von 3,1 Billionen Dollar haben. Der Rest ergibt sich aus weiteren Zusagen der US-Regierung und speziellen Ausleihprogramme der Fed in Höhe von 2,7 Billionen Dollar.

Klammern wir die Garantien und die Ausleihprogramme aus, so bleibt dennoch ein riesiger Beitrag, der in harten Dollars schlagend werden kann: Unter dem Strich also gut vier Billionen Dollar, die zum Teil schon geflossen sind oder in Kürze fließen werden.

mm.de: Man versucht also viel, um ein Abgleiten der USA in die Depression zu verhindern. Sehen Sie auf irgendwelchen Märkten Zeichen der Besserung?

Löhr: Einzelne zaghafte Besserungszeichen lassen sich in einem leichten Anstieg der Geldmenge M1 für Europa sowie der Geldmenge M2 in den USA ablesen, die in der Vergangenheit relativ treffsicher eine Besserung der Konjunktur in etwa zwei bis drei Quartalen nach sich gezogen haben. Besserung ist allerdings relativ, denn vorher werden wir wahrscheinlich noch tiefer in die Rezession schlittern.

"Fed-Käufe werden nicht so schnell zum Erfolg führen"

mm.de: Sehen Sie einen zentralen Grund, warum die teure Arznei dem Patienten Amerika nicht wirklich auf die Beine zu helfen scheint?

Löhr: Die aktuelle Krise ist eine tiefe Vertrauenskrise. Und trotz aller Bemühungen ist kein neues Erblühen dieses zarten Pflänzchens zu erkennen. Unter Banken ist die Risikoscheu – auch eingedenk der nicht abreißenden Negativnachrichten – weiter hoch. Zusätzlich sinkt nun auch das Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen. Diese beiden Faktoren verstärken sich in ihrem Zusammenwirken. In Summe kann das aber auch heißen, dass die Marktteilnehmer die Qualität der Aktionen als nicht ausreichend bewerten.

mm.de: Die Fed hat ihr Zinspulver verschossen. Jetzt kauft sie Banken verstärkt Wertpapiere ab. Sie bekommen dafür ein Guthaben bei der Zentralbank, das die Institute als Kredite an Unternehmen und Haushalte weiterreichen sollen. So weit die Theorie. Werden sie das tun, wird dies die Konjunktur wirklich stützen?

Löhr: Hier sprechen Sie das eigentliche Problem der Krise an: 'Kredite für Jedermann, Bonität egal'. Das Problem der Banken ist zwar zum einen der immense Abschreibungsbedarf auf ihre Schrottpapiere, der wichtigere Teil aber sind die ausgelegten Kredite an deren Kunden. Das Problem der Schrottpapiere wird vielleicht mit einer Bad Bank entschärft, das andere allerdings nicht. Was nützt also zusätzliches Geld bei den Banken, wenn zum einen weniger Kredit nachgefragt wird als auch die Zahl der potenziellen bonitätsstarken Kunden schwindet, die in Frage kommen. An dieser Stelle darf bezweifelt werden, dass die Kaufprogramme der Fed kurzfristig zum Erfolg führen werden.

mm.de: Auch der verstärkte Aufkauf von US-Staatanleihen ist für die Fed kein rotes Tuch mehr; sie hat ihre Bereitschaft dazu bekräftigt. Befürworter erwarten davon im Ergebnis fallende Zinssätze für Verbraucher- oder Hypothekenkredite. Gegner sagen "Finger weg", denn Staatsanleihen seien der derzeit noch einzig gut funktionierende Markt. Wer hat recht, welches Risiko verbindet sich damit?

Löhr: Zu Beginn der Krise wurde die Schlussfolgerung propagiert: "Leitzinsen runter – Kreditzinsen runter". Ergebnis: Fehlanzeige. Über die Gründe habe ich gerade gesprochen. Jetzt zieht man die nächste Schlussfolgerung: "Langfristige Zinsen runter – Kreditzinsen runter." Auch hier darf bezweifelt werden, dass das der Weisheit letzter Schluss ist. Schließlich bleibt das ursprüngliche Problem Überschuldung nach wie vor bestehen und würde sogar noch verstärkt werden.

"Egal, ob die Verluste gleich oder später sozialisiert werden"

mm.de: Trotzdem ist die Fed gewillt, diesen Weg zu gehen.

Löhr: Das könnte daran liegen, dass große ausländische Investoren wie China oder Japan sicherlich kein Interesse haben, erhebliche Abschreibungen auf ihre – ohnehin fast unrentierlichen - US-Staatsapiere zu erleiden. Auf mittlere Sicht steuern wir trotz allem auf ein Problem zu: Der Rentenmarkt ist überbewertet im Vergleich zu anderen Assetklassen. Erinnert sei an dieser Stelle an den Rentencrash aus 1999. Ob sich die Fed erfolgreich gegen einen solche Lawine stellen kann, bleibt fraglich.

mm.de: Letztlich agiert die Fed ähnlich wie Japans Notenbank Anfang des Jahrzehnts. Sie weitete auf jede erdenkliche Art die Liquidität aus und fuhr damit auf mittlere Sicht gut: Es gab mehr Kredite, die Wirtschaft wuchs. Also in jedem Fall nachahmenswert?

Löhr: Das Problem Amerikas ist seine horrende Verschuldung. Wie gesagt, aktuell wird dieses Problem mit den angedachten Hilfspaketen noch verstärkt. Mein Urteil: nicht nachahmenswert. Positiv bleibt aber festzuhalten, dass die US-Notenbank deutlich entschlossener und schneller agiert, was zur Folge haben könnte, dass wir zwar schneller aus der Krise rauskommen, aber auch um so schneller in die nächste hineinschlittern. Ich schließe jedenfalls einen Kollaps der Rentenmärkte auf mittlere Sicht nicht aus.

mm.de: Nochmals zum Thema Bad Bank - wenn nichts mehr hilft, hilft vielleicht sie. In den USA könnte es auf die zentrale Lösung hinauslaufen, bei der der Staat im Gegenzug für die toxischen Papiere sich verstärkt am Stammkapital der Banken beteiligt - also eine starke Tendenz zur Verstaatlichung. In Deutschland scheint die Regierung bankeigene Zweckgesellschaften, sprich viele dezentrale Bad Banks, zu favorisieren. Also keine unmittelbare Sozialisierung der Verluste. Welche Lösung halten Sie für vielversprechender?

Löhr: Eine Bad Bank bleibt "bad" für den Steuerzahler, das kann man im Zweifel drehen und wenden wie man will. Die genauen Modalitäten für Deutschland sind ja noch nicht alle festgezurrt, aber wenn man von insgesamt 600 Milliarden Euro Schrott in den hiesigen Bankbilanzen ausgeht und nur die Hälfte davon übrigbleibt, dann hat der Steuerzahler eben diese 300 Milliarden Euro zu tragen. Aber das ist immer noch zu viel, egal, ob die Verluste gleich oder später sozialisiert werden.