Dax-Geflüster Der Weg in die Staatswirtschaft

Noch wehrt sich Finanzminister Peer Steinbrück gegen Staatshilfe für die Autozulieferer Schaeffler und Continental. Er befürchtet einen Dammbruch. Tatsächlich ist der Weg zur Staatshilfe für alle 30 Dax-Konzerne nicht weit. manager-magazin.de zeigt in einem fiktiven Szenario, wie dieser Weg aussehen könnte.

Maria-Elisabeth Schaeffler hat Nerven. Wie wäre es mit Krediten vom Bund? Oder Bürgschaften? Vielleicht könnte der Staat ihrem Unternehmen auch Aktien des Übernahmeziels Continental  abkaufen, schlug die Firma laut Angaben aus Branchenkreisen vor. So würde der Steuerzahler den beiden Unternehmen die Last von 22 Milliarden Euro Schulden in der Absatz- und Finanzkrise erleichtern. Vor allem würde er der Milliardärin die gewagte Übernahme von Continental sichern.

Finanzminister Peer Steinbrück sträubt sich noch gegen solche Hilfe. "Wir können es doch keinem Menschen erklären, Unternehmen, hinter denen Milliardenvermögen stehen, mit Steuergeldern zu unterstützen", sagte er der "Berliner Zeitung". Doch die Landesregierungen von Bayern und Niedersachsen drängen auf Hilfen, sie sorgen sich um Hunderttausende Arbeitsplätze. Auch Wirtschaftsminister Michael Glos scheint entschlossen, Schaeffler zu retten. Offiziell schließt die Bundesregierung direkte Hilfe nicht aus - Schaeffler müsse nur ein tragfähiges Konzept vorlegen. Zudem hat Steinbrück in den vergangenen Monaten schon gezeigt, dass ein klares Nein durchaus zu einem Ja mutieren kann - Bankenhilfe und Konjunkturpaket lassen grüßen.

Ein Einstieg bei Schaeffler/Conti wäre ein deutliches Signal: "Too big to fail" gälte nicht nur für Banken. Auch Industriefirmen, die sich übernommen haben, könnten auf die helfende Hand des Staats hoffen, sofern sie nur wichtig genug für die deutsche Wirtschaft sind. Im Konjunkturpaket II der Bundesregierung sind schon 100 Milliarden Euro für die Unternehmen eingeplant - allerdings als Bürgschafts- und Kreditprogramm. Auch einer direkten Kapitalbeteiligung hat Kanzlerin Angela Merkel keine prinzipielle Absage erteilt. In der Bankenbranche dient der Staat längst als Ersatz für privates Kapital. Je weiter die Krise voranschreitet, desto leichter wird es Firmen aus weiteren Branchen fallen, Hilfe vom Bund zu verlangen.

Im Extremfall könnten in diesem Jahr sämtliche Dax-Konzerne in Berlin anklopfen. Hier ist ein Szenario für den Weg in den Staatskapitalismus - eine Fiktion wohlgemerkt, die aber nicht weit von der heutigen Realität entfernt ist.

Finanzbranche als Vorreiter der Bedürftigen

Februar: Die Banken haben bereits ihren Offenbarungseid geleistet. Die Branche braucht noch mehr frisches Kapital. Nach milliardenschweren Garantien und Kapitalbeteiligungen bereitet der Bund nun auch Bad Banks vor, um faule Wertpapiere aus den Bilanzen zu nehmen. Weil ein Kauf der Problempapiere zu Marktpreisen den Banken nicht helfen würde, dürfte der Staat teure Aufschläge zahlen. Doch im Gegenzug fordert er mehr Mitsprache, um die Kreditvergabe in Schwung zu bringen.

Die Commerzbank  hat bereits so viel staatliche Kapitalspritzen erhalten wie keine andere Bank in Europa. Bei der Hypo Real Estate  ruft sogar Vorstandschef Axel Wieandt nach einer Verstaatlichung - womöglich nur der Auftakt für den Einstieg bei den Geschäftsbanken. Die Deutsche Bank  dürfte zunächst über ihre zukünftige Tochter Postbank  profitieren.

Selbst in der Versicherungsbranche könnte in Kürze die Einsicht reifen, dass am Kapitalmarkt auf Jahre nicht die nötige Rendite zu holen ist, um den Kunden ihre garantierten Zinsen zu liefern. Auf der anderen Seite dürfte die Wirtschaftskrise für Abschreibungen in den Büchern sorgen. Falls auch Versicherungen beim Rettungsfonds Soffin vorstellig werden, ist das Gesetz dafür bereits gerüstet. Allianz  und Münchener Rück  haben zwar dicke Kapitalpolster. Doch ob sie wirklich die Krise allein durchstehen wollen?

Autoindustrie als nächster Kandidat

März: Nach der Finanzbranche ist die Autoindustrie der nächste Kandidat für massive Staatshilfe. Ohnehin greift der Volkswagen-Konzern  bereits jetzt über seine Autobank auf Mittel des Rettungsfonds zu. Wettbewerber wie BMW  oder Daimler  stehen bereit, um dem Beispiel zu folgen.

Auch die bereits beschlossene Abwrackprämie kommt den Autoherstellern direkt zugute. In den USA werden die Wettbewerber mit Sonderkrediten gestützt. Für die deutsche GM-Tochter Opel liegt eine Bürgschaft in der Schublade. Und systemwichtig ist die Autoindustrie als Symbol der deutschen Wirtschaft sowieso.

Schaeffler bekäme in diesem Szenario angesichts der wachsenden Finanznot doch noch Staatshilfe. Der Bund hat mit dem Commerzbank-Dresdner-Deal bereits dabei geholfen, einen "zweiten nationalen Champion" neben der Deutschen Bank zu schaffen. Warum nicht neben Bosch auch einen zweiten nationalen Champion der Autozulieferer schaffen und nebenbei Tausende Arbeitsplätze sichern? Es wäre nur der nächste logische Schritt, für Steinbrück aber der befürchtete Dammbruch. Spätestens dann stellt sich nämlich die Frage, mit welchem Argument der Staat Wettbewerbern und Kunden von Schaeffler/Conti Hilfe versagen sollte. Von der Krise betroffen sind sie alle. Der Unterschied zu Schaeffler besteht nur in der Schuldenlast.

Exportwirtschaft: Mehr Sicherheiten für den Noch-Weltmeister

Mai: Und was ist mit der deutschen Exportwirtschaft? Immerhin hat Deutschland auch 2008 seinen Titel als Exportweltmeister verteidigt, zum sechsten Mal in Folge - wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau als zuvor.

Deutsche Unternehmen verkauften nach Angaben der WTO Waren im Wert von 1,37 Billionen Dollar in andere Länder und hielten damit China um 60 Milliarden Dollar auf Distanz. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, dass sie aufgrund der weltweit schwächeren Nachfrage Hilfen für die deutsche Exportwirtschaft plant.

Die "für den Kauf großer, teurer Exportgüter nötigen Langfristkredite" müssten auch während der aktuellen Krise zur Verfügung gestellt werden, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Der Bund will nicht nur höhere Exportsicherheiten bereitstellen, sondern auch Hilfen, die über die reine Absicherung von Risiken hinausgehen. Damit sollen zwar vor allem mittelständische Exporteure gestützt werden. Doch auch die Global Player aus dem Dax, die hochwertige deutsche Spezialitäten in alle Welt exportieren, leiden unter dem Wegbrechen der weltweiten Nachfrage und dürften von dem Programm profitieren - so wie der europäische Flugzeugbauer Airbus, der schon in den Genuss von Extrahilfe kommt. Dazu gehören BASF , Bayer , Linde , ThyssenKrupp , Salzgitter  und Siemens .

Konjunkturpaket II: Milliarden für Infrastrukturanbieter

Juli: Weitere Dax-Unternehmen werden zumindest indirekt von den geplanten Milliardeninvestitionen des Staates profitieren. Das Konjunkturpaket II der Bundesregierung sieht vor, in den kommenden zwei Jahren rund 17 Milliarden Euro zusätzlich in die Verbesserung der Infrastruktur zu investieren. Geplant sind Bau und Sanierung von Verkehrswegen, öffentlichen Gebäuden, Schulen und Hochschulen.

Mit dem größten Konjunkturpaket der deutschen Nachkriegsgeschichte werden Bauvorhaben in Angriff genommen, die ohne Finanzkrise niemals innerhalb so kurzer Zeit finanziert worden wären. Da auch die USA sowie die europäischen Nachbarn auf ähnliche Investitionsprogramme setzen, erwartet Unternehmen dieser Branche ein durch Steuergeld finanzierter Auftragsschub.

Die Europäische Kommission hat erst Mitte der Woche vorgeschlagen, weitere fünf Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt für den Ausbau von Strom-, Gas- und Internetleitungen auszugeben, um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen. Die Diskussion um eine deutsche "Netz AG" eröffnet weitere Perspektiven. Der Staat könnte entdecken, dass nur er die gewaltigen Ausgaben in Infrastruktur schultern kann, die für den Kampf gegen die Krise ebenso notwendig sind wie für die Sicherung der zukünftigen Versorgung. Viele Unternehmen der Branche haben ohnehin eine Tradition als Staatsbetriebe, in einigen sind die Bürger noch wesentliche Anteilseigner.

Anleger, die in den vergangenen Wochen in sogenannte Themenfonds Infrastruktur investiert haben, hoffen auf eine starke staatliche Nachfrage: Vorbeter ist US-Präsident Barack Obama, der für die Sanierung von Energieleitungen, Schulen und Straßen sowie den Ausbau von Breitbandverbindungen in den USA Milliarden Dollar investieren will. Profiteure dieser weltweiten staatlichen Investitionen könnten Siemens , Eon , RWE , die Deutsche Telekom , die Deutsche Post  und die Lufthansa  sein.

Techbranche: Rettung für "Silicon Saxony"

August: Die Technologiebranche gerät in den Sog der Krise. Die Pleite der Infineon-Tochter Qimonda  im Januar war ein Fanal. Die sächsische Staatsregierung stand schon bereit, um ihr Vorzeigeprojekt, die um Dresden konzentrierte und mit Milliardensubventionen gepäppelte Halbleiterindustrie ("Silicon Saxony") am Leben zu halten. Sollten sich die Probleme beim Mutterkonzern verschärfen, könnte sich das gleiche Spiel wiederholen - denn auch in München geht es um viele Arbeitsplätze im Bereich Hochtechnologie und Forschung.

Noch bedeutsamer für Deutschland ist der Softwarekonzern SAP , das einzige Unternehmen, das es mit den amerikanischen Branchenriesen aus dem Silicon Valley aufnehmen kann. Doch auch die Vorzeigefirma aus Walldorf baut nun erstmals Stellen ab. Mitgründer Hasso Plattner gab dem SPIEGEL einen denkbar pessimistischen Ausblick: "Schlimmer als schlechte Aussichten sind gar keine. Es herrscht totaler Nebel." Eine Cash-Maschine wie SAP dürfte sich zwar auch im Nebel zurechtfinden. Doch wenn die Suppe dicker wird, werden die Einwände gegen Standortpolitik sicher leiser.

Handel: Konsumgutscheine noch vor der Bundestagswahl?

September: Vergleichsweise krisenfest zeigten sich bisher die Handelskonzerne und Hersteller von Konsumgütern. Doch diese Stabilität trägt ein Verfallsdatum: Grund ist der private Konsum, der in Deutschland zwar schwach ist, aber bislang nicht dramatisch einbrach wie in den USA, Spanien oder Großbritannien.

Sollte die Zahl der Unternehmenspleiten und Entlassungen steigen, dürfte auch die Kaufkraft und -lust der Deutschen deutlich nachlassen. Das Konjunkturpaket II leistet wenig, um den Konsum zu stimulieren. Denkbar, dass rechtzeitig vor der Bundestagswahl noch die Notwendigkeit eines Konjunkturpakets III entdeckt wird.

Dann könnte die Stunde der Konsumgutscheine kommen. Als Antwort auf die "Buy-America"-Politik der Obama-Regierung könnten Wege gefunden werden, den Kauf deutscher Waren wie Persil, Nivea oder Adidas zu bevorzugen. Davon würden Dax-Unternehmen wie Metro , Adidas , Beiersdorf  und Henkel  profitieren.

Da bleiben nur noch drei

Oktober: Bleiben noch wenige Dax-Unternehmen, die sich wahrscheinlich nach Staatshilfe etwas strecken müssen. Aber will man deutsche Unternehmen aus den Bereichen Pharma, Medizintechnik und Rohstoffe tatsächlich außen vor lassen, wenn allen anderen direkt oder indirekt geholfen wird? Schließlich handelt es sich um drei Schlüsselbranchen, die über die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft mit entscheiden werden.

Der Pharmakonzern Merck  zum Beispiel hat zehn Milliarden Euro für das Biotechnologie-Unternehmen Serono bezahlt, um als größter europäischer Biotechnologiekonzern weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Dialysespezialist Fresenius Medical Care  hat erst kürzlich fast vier Milliarden Dollar in die Hand genommen, um mit der Übernahme des Generikaherstellers APP seine Stellung auf dem US-Markt zu festigen. Beiden droht auf dem wichtigen US-Markt Unbill, wenn Obama mit seiner Gesundheitsreform Ernst macht.

Und der Düngemittelhersteller K+S  leidet massiv unter dem Verfall der Rohstoffpreise. Er beackert das einzige Feld, in dem Deutschland Rohstoffe exportiert statt importiert - mit Blick auf den weltweiten Nahrungsbedarf ein strategischer Konzern. Ist das etwa kein Grund für Staatshilfe?

"Bürger" kommt von "bürgen"

Und überhaupt: K+S, FMC und Merck sorgen dafür, dass der ohnehin finanz- und autolastige Dax etwas breiter aufgestellt wird. Solche Stabilisatoren sollte man doch nicht allein lassen.

Was bleibt? Die 30 Dax-Konzerne könnten zu guter Letzt alle auf Hilfe des Steuerzahlers zurückgreifen, manche mehr, manche weniger. "Der Gewinn ist dann privat, der Verlust aber staatlich", warnt Lüder Gerken, Vorsitzender der Freiburger "Stiftung Ordnungspolitik". Der Bürger werde gezwungen, für den Erfolg riskanter unternehmerischer Entscheidungen zu bürgen. Die Logik der Entwicklung erkennt jedoch auch Kritiker Gerken an. "Deshalb heißt er ja so: Bürger."

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