Continental/Schaeffler "Sündenfall" Conti erschreckt Investoren

Der Machtkampf zwischen Conti und Schaeffler scheint beendet. Doch die Conti-Aktie kommt nicht zur Ruhe. Sie verliert am Montag nach Gerüchten über Staatshilfen in der Spitze mehr als 25 Prozent. Manche Analysten zeigen sich erstaunt. Sie gewinnen einer begrenzten Staatshilfe auch positive Seiten ab und empfehlen die Aktie zum Kauf.

Hamburg - Gerüchte über mögliche Staatshilfen für den Autozulieferer Continental  haben am Montag dessen Aktien schwer belastet. Dem "Handelsblatt" (Montagausgabe) zufolge wollen Niedersachsen und Bayern den beiden hoch verschuldeten Autozulieferern Conti und Schaeffler mit voraussichtlich jeweils einer halben Milliarde Euro zur Seite springen.

Damit würde der Staat in der laufenden Finanz- und Wirtschaftskrise erstmals unmittelbar einem großen Industriekonzern unter die Arme greifen. Gut möglich, dass die Conti-Investoren am Montag auch deshalb so verschreckt reagierten. NordLB-Analyst Frank Schwope wollte das jedenfalls nicht ausschließen.

"Die Investoren sind in hohem Maße verunsichert", sagte der Experte im Gespräch mit manager-magazin.de. Staatshilfen würden das operative Geschäft der beiden Autozulieferer sicherlich erleichtern. Wie aber die denkbare Hilfe auch aussehen werde, sie sei ein Indiz dafür, dass es bei Conti und Schaeffler Probleme gebe. Und: Der psychologische Effekt möglicher Staatshilfen für eines der ersten deutschen Industrieunternehmen in der laufenden Finanzkrise sei nicht zu unterschätzen. Bislang hatte der Staat hier vor allem Unternehmen aus der Finanzindustrie unterstützt.

Die im MDax  notierten Aktien von Continental  brachen am Montag in der Spitze auf 12,33 Euro ein. Das ist der tiefste Stand seit gut sechs Jahren. Allein seit Jahresbeginn haben die Papiere damit rund 57 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Der Conti-Großaktionär Schaeffler (49,9 Prozent) hatte am Wochenende den wochenlangen Machtkampf bei Conti für sich entschieden und stellt künftig den Aufsichtsratschef.

In welcher Form die Bundesländer den beiden mit rund 22 Milliarden Euro verschuldeten Autozulieferern zu helfen gedenken, ist unklar. In Frage kommen Bürgschaften und Garantien, aber auch eine direkte Beteiligung ist denkbar. Niedersachsen soll eine Hilfszusage an die Bedingung geknüpft haben, dass Schaeffler den eigentlichen Kern des Konzerns - nämlich Contis Reifen- und Schlauchgeschäft - aus der Gruppe herauslöse und unter die Führung von Hubertus von Grünberg stelle, heißt es. Grünberg war langjähriger Conti-Aufsichtsratschef. Faktisch würde der Konzern damit in eine Gummi-Sparte und einen zweiten Konzernteil Autotechnik aufgespalten.

Sprecher der Landesregierungen bestätigten am Montag lediglich, dass man mit beiden Unternehmen spreche. Es gebe aber noch keinerlei Vereinbarung oder Zusagen. Dies dürfte die Verunsicherung der Investoren zusätzlich geschürt haben, glaubt Analyst Schwope.

Andere Analysten hingegen zeigten wenig Verständnis für den Kurssturz der Conti-Aktie: "Ich stimme mit der Marktreaktion eindeutig nicht überein", sagte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler im Gespräch mit manager-magazin.de. Pieper beurteilt die kolportierte Einigung vom Wochenende grundsätzlich positiv und hatte die Aktie am Morgen in Reaktion darauf sogar von "Verkaufen" auf "Kaufen" heraufgestuft.

Analysten sehen Conti-Aktie als Kauf

Die beiden Unternehmen hätten in der Vergangenheit nicht den Willen erkennen lassen, an einem Strang zu ziehen, sondern im Gegenteil sogar gegeneinander gearbeitet. "Hier scheint man am Wochenende ein deutliches Stück vorangekommen zu sein", erklärte Pieper. Auch die anstehenden Personalveränderungen - von Grünberg soll den Conti-Aufsichtsratsvorsitz an den Scheaffler-Strategen und M&A-Spezialisten Rolf Koerfer abgeben aber dem Kontrollgremium weiter angehören - bewertet der Analyst positiv: "Er ist ein brillianter Kopf, kennt Conti von allen Beteiligten am besten. Das ist eine gute Lösung."

Dass Schaeffler jetzt in das Conti-Kontrollgremium mit vier Vertretern einziehe und vermutlich auch mehr Einfluss gewinne, sei angesichts einer Beteiligung von 49,9 Prozent "völlig natürlich und angemessen". Es gebe jetzt endlich eine klare Richtung. "Das halte ich für besser, als wenn sich der Machtkampf noch monatelang hinziehen würde."

Risiko einer Kapitalerhöhung scheint gebannt

Risiko einer Kapitalerhöhung scheint vorerst gebannt

"Als großen Verlust" interpretierte Pieper die Tatsache, dass Conti-Finanzchef Alan Hippe zu ThyssenKrupp  wechseln wird, wie manager magazin exklusiv gemeldet hatte. Unter dem Strich sei aber auch diese Nachricht positiv zu bewerten. Denn damit verringere sich das Risiko einer Kapitalerhöhung. Noch vor zwei Wochen hatte Hippe bei einer Investorenveranstaltung eine Kapitalerhöhung ins Gespräch und die Conti-Aktie damit kräftig unter Druck gebracht. Schaeffler lehnt eine Kapitalerhöhung entschieden ab.

Positiv bewertete Pieper ebenso die Meldung der "Börsen-Zeitung" (Samstagausgabe), dass es Conti offenbar gelungen ist, seine gesamte Verschuldung mit rund 50 Gläubigerbanken neu zu verhandeln beziehungsweise die Kreditlinien neu zu strukturieren. "Auch das ist für mich ein positives Zeichen", so Pieper.

"Vielleicht haben einige in dem Machtkampf auf Conti gesetzt"

Warum die Conti-Aktie am Montag dennoch drastisch abrutschte, darüber ließe sich nur spekulieren: "Möglicherweise haben einige Investoren darauf gesetzt, dass Conti sich in diesem Machtkampf behaupten wird. Sie bewerten den jetzt wachsenden Einfluss von Schaeffler eher negativ", sagte der Analyst vom Bankhaus Metzler. Schaeffler bleibe für den Kapitalmarkt die "große Unbekannte". Vermutlich stünde das hoch verschuldete Familienunternehmen finanziell ebenso mit dem Rücken zur Wand. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" hätten sich sechs Banken, die Schaeffler die Conti-Übernahme finanzieren, große Teile des Familienimperiums als Sicherheit geben lassen.

Ein Frankfurter Händler sagte: "Das scheint ein großes Chaos zu werden." Vor allem eine mögliche direkte Investition des Staates bewertete er belastend für Conti-Aktien.

Mit einer direkten Beteiligung des Landes Niedersachen rechnete Pieper dagegen nicht und würde davon auch abraten. Bürgschaften oder Garantien hält der Analyst dagegen für akzeptabel. Es sollte darum gehen, mit möglichen Staatsgarantien die kommenden sechs Monate zu überbrücken, bis sich die Lage an den Finanz- und Kreditmärkten wieder ein wenig stabilisiere und die Konjunktur Zeichen der Erholung zeige.

Michael Punzet von der DZ Bank bestätigte am Montag seine Kaufempfehlung für Conti ebenso wie Tim Schuld von Equinet. Nach der Einigung zwischen den Unternehmen sollten die operativen Herausforderungen wieder stärker in den Fokus rücken, erklärte Punzet. Schuld interpretiere staatlichen Einfluss auf Unternehmen zwar generell negativ. In Fall Conti und Schaeffler aber sorgten mögliche Bürgschaften des Staates für mehr Stabilität und seien damit grundsätzlich positiv zu sehen.

Auch Schuld geht davon aus, dass das Risiko einer Kapitalerhöhung sich jetzt eher verringert habe. Den Zusammenschluss mit Schaeffler beurteilte der Experte allerdings negativ: "Die Synergien sind gering." Außerdem bestehe das Risiko, dass Schaeffler im Rahmen der Transaktion einen großen Teil seiner Schulden auf Conti abwälze. Dennoch beließ auch der Equinet-Experte sein Votum für die Conti-Aktien auf "Kaufen" mit einem Kursziel von 22 Euro. Pieper vom Bankhaus Metzler traut der Aktie auf Sicht von zwölf Monaten rund 23 Euro zu.

Frank Schwope von der NordLB hält die jüngsten Kursabschläge zwar für übertrieben, gleichwohl hielt der Experte am Montag an seiner Verkaufsempfehlung für die Cont-Aktie fest. "Die Wirtschaftskrise ist noch nicht ausgestanden. Eine nachhaltige Erholung der Automobilkonjunktur sehe ich so schnell nicht", begründete der Analyst seine vorsichtige Haltung.

mit Material von dpa

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