Microsoft Analysten ignorieren vorsichtigen Ausblick

Der weltgrößte Softwarekonzern hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 1999/2000 die Gewinnprognosen übertroffen, zugleich aber vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Analysten raten trotzdem zum Kauf der Aktie.

Redmond - Der Reingewinn sei in den Monaten Oktober bis Dezember 1999 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 22 Prozent auf 2,4 Milliarden Dollar oder 44 Cents je Aktie gestiegen, teilte der US-Konzern am Dienstag mit. Darin seien bereits Belastungen aus einer Wettbewerbsklage enthalten. Branchenkenner hatten mit einem Ergebnis von 42 Cents je Aktie gerechnet. Sorgen bereitet Microsoft vor allem der wachsende Wettbewerb im Internet. Die Microsoft-Aktie gab an der New Yorker Börse stark nach.

Microsoft wies erneut Kartellvorwürfe zurück. Die Regierung in Washington und 19 US-Bundesstaaten werfen dem Konzern vor, seine Monopolstellung bei Betriebssystemen zur Verdrängung von Wettbewerbern unter anderem im Internet zu missbrauchen. Angesichts des enormen Wettbewerbs in der Branche verfüge der Konzern nicht über ein Monopol. Das zuständige Bezirksgericht war dagegen im vergangenen Jahr zu dem Schluss gekommen, dass die dominante Stellung von Microsoft bei Betriebssystemen in Heimcomputern (PC) den Verbrauchern, den Wettbewerbern und den Computerherstellern geschadet habe.

Trotz der Konkurrenz in der Branche schaffte Microsoft im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 1999/2000 (zum 30. Juni) ein weiteres Wachstum. Der Umsatz nahm den Angaben zufolge auf einen Quartalsrekord von 6,1 Milliarden Dollar (rund 11,8 Milliarden Mark) zu und lag damit um 18 Prozent über dem Vorjahreswert von 5,20 Milliarden Dollar. Der Zuwachs sei vor allem der anhaltend starken Nachfrage nach PCs und den guten Verkaufszahlen bei der Büro-Standardsoftware Office zu verdanken, hieß es.

Im ersten Halbjahr 1999/2000 verbuchte Microsoft den Angaben zufolge bei einem Usamtz von 11,50 (Vorjahr 9,39) Milliarden Dollar einen Reingewinn von 4,63 (3,67) Milliarden Dollar. Hohe Erwartungen verbindet der Konzern nach eigenen Angaben mit der Einführung des neuen Betriebssystems Windows 2000.Der neue Microsoft-Finanzchef John Connors erklärte, das neue Betriebssystem werde voraussichtlich auf eine starke Nachfrage stoßen und ein "sehr, sehr gutes drittes Quartal erleben". Windows 2000 soll früheren Angaben zufolge Ende Februar im Rahmen der Computermesse Cebit auf den Markt gebracht werden.

Der Finanzchef warnte zugleich die Analysten vor zu hohen Erwartungen. Microsoft bleibt Connors zufolge mit seiner Prognose vorsichtig und erwartet bis Ende des Geschäftsjahres einen moderaten Umsatzzuwachs. Die bisherigen Wachstumsraten könnten "nicht ewig gehalten werden". Vor allem im Internet sei mit wachsendem Wettbewerb zu rechnen. Microsoft blicke trotzdem sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Der vorsichtige Ausblick ließ die Microsoft-Aktie an der Börse in New York absacken. Das Papier verlor nach rund zwei Stunden Handelszeit im Vergleich zum Vortagesschluss sechs Dollar oder mehr als fünf Prozent auf 109-5/16 Dollar. Am Dienstag hatte sich die Microsoft-Aktie im Vorfeld der Vorlage der jüngsten Ergebnisse noch um drei Dollar verteuert.

Die Analysten ließen sich allerdings nicht von den zurückhaltenden Erwartungen des Konzerns beirren. Die Bank CSFB bekräftigte ihre starke Kaufempfehlung für die Microsoft-Aktie. Die Banc of America hob ihr Kursziel für das Papier auf 140 von bisher 115 Dollar an. PaineWebber erhöhte die Gewinnschätzung für den Softwarekonzern für das laufende Jahr auf 1,70 Dollar von bisher 1,65 Dollar je Aktie. Auch Goldman Sachs hob seine Gewinnerwartungen an.