Bertelsmann Milliardenspritze für ehrgeizige E-Commerce-Pläne

Der Medienriese wappnet sich für den neuen Herausforderer - den Zusammenschluss von AOL und Time Warner. Firmenchef Middelhoff kündigte Milliardeninvestitionen an für ein äußerst hochfliegendes Ziel: Bertelsmann will im elektronischen Handel zum Weltmarktführer aufsteigen.

Gütersloh - Noch in der ersten Jahreshälfte soll das Joint venture mit AOL, der Onlinedienst AOL Europe, an die Börse gehen, sagte Firmenchef Thomas Middelhoff der "FAZ". Das Unternehmen "dürfte an der Börse rund 30 Milliarden Mark wert sein", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Weitere Minderheitsbeteiligungen sollen folgen. Der Wert der Internetbeteiligungen von Bertelsmann liege nach aktuellen Börsenbewertungen zwischen 40 und 50 Milliarden Mark. "Das reicht leicht aus, um uns weiter nach vorn zu bringen."

Middelhoff bestätigte, dass sich AOL vor der Entscheidung für Time Warner an Bertelsmann gewandt hatte, um über eine Übernahme zu verhandeln. Das Vorhaben scheiterte an der Konzernsstruktur, bei der die gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung die Mehrheit an dem Unternehmen hält.

Für die nächsten zwei Jahre kündigte der Vorstandschef erhebliche Investitionen von "zehn bis 20 Milliarden Mark" an, die zumindest zum Teil durch die Börsengänge der Tochterunternehmen finanziert werden sollen. Bertelsmann wolle bei dem Geschäft mit Medieninhalten und dem elektronischen Handel im Internet "weltweit die Nummer eins" werden. Um diese Ziel zu erreichen, bricht er sogar mit Konzerndogmen. So solle auch die Regel, wonach jede Investition 15 Prozent Rendite auf das eingesetzte Kapital erbringen müsse, abgeschafft werden.

"Über das E-Commerce, den elektronischen Handel im Internet, verkaufen wir künftig alle unsere Produkte - das Buch, die Musik, die Zeitschriften, die Fach- und Wissenschaftsliteratur, einfach alles", sagte der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff in einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung".

Die Herausforderungen der deutschen Verlage durch das Internet werden nach Ansicht des Bertelsmann-Chefs nicht richtig eingeschätzt. Durch die neue Konkurrenz kämen klassische Märkte wie der Stellen- oder Kleinanzeigenmarkt stark unter Druck. "Da sind die Verleger noch ziemlich gelassen, zu gelassen", meinte er.

Um ihr künftiges Geschäft zu sichern, müssten die Zeitungen neue Geschäftsmodelle entwickeln. "Die Zeitschriften müssen kapieren, dass sie mehr und mehr Communities, also Gemeinschaften im Internet, bilden müssen, um ihre Leserschaft zu halten", sagte Middelhoff weiter. Dazu müssten "starke Marken" fürs Internet entwickelt werden. Es reiche nicht aus, den Inhalt einer Zeitschrift in das weltweite Computernetzwerk zu stellen.