Dax-Geflüster Die Lehre und die Leere

2009 hat gerade erst begonnen, da stellt sich schon die Frage, wie es mit Dax und Co. in den nächsten Wochen weitergeht. Aufwärts, wie die Aktienkurse der ersten Tage des neuen Jahres nahelegen? Oder abwärts - die kommende Berichtssaison umfasst schließlich das Horrorquartal Nummer vier.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Ach die Historiker, wie haben sie es gut. Sie erklären das, was war. Keine Konsequenzen für die Zukunft, nur die Rückschau. Anleger haben es da regelmäßig schwerer. Sie müssen die Vergangenheit nutzen, um die Gegenwart zu erklären und in die Zukunft zu sehen. Auch in den ersten Wochen des Jahres 2009 ist das kein leichtes Geschäft. Im Gegenteil.

Blicken wir in die Vergangenheit. Was soll man zum Börsenjahr 2008 noch sagen? Gebildete Menschen würden es "annus horribilis" nennen, ein furchtbares Jahr. Weniger vornehm - das Jahr war für Anleger weltweit zum Abhaken. Was lässt sich nun daraus lernen, wie die Gegenwart erklären? Conrad Mattern von der Conquest Investment Advisory, einer Vermögensverwaltung, sieht die Ursache der jüngsten Kurssteigerungen in dem schwachen Jahr 2008. Dazu blickt er in einem Rundschreiben in die Verhangenheit zurück - war das Vorjahr ein schwaches Börsenjahr, startete das Folgejahr oft deutlich im Plus. Verloren Aktionäre beispielsweise 1931 noch über 33 Prozent ihres Aktienvermögens, gewannen sie am ersten Handelstag 1932 über 3 Prozent hinzu. Und was bedeutet das für die Zukunft - und sei es nur die kommenden Wochen?

Schwierig, schwierig. "Prognosen sind extrem schwer, weil Finanzwerte noch immer stark in den Indizes vertreten sind. Und für die lässt sich aktuell kein fairer Wert feststellen", sagt zum Beispiel Erik Schafhauser von der Saxobank. Mattern seinerseits sieht 2009 längst nicht so schlecht wie 2008, "aber schwerer zu handhaben, weil sich kein klarer Trend herausbildet". Und die Bank HSBC  schreibt in einem Bericht: "Wir erwarten für 2009 ruhigeres Fahrwasser an den Aktienmärkten, wenngleich wir nicht von einer schnellen Überwindung der Konjunkturschwäche ausgehen." Sie rechnet mit einer "Welt der kleinen Zahlen". Unternehmen wie Praktiker  drücken sich gar um eine Gewinnprognose, nachdem es im abgelaufenen Jahr sein Umsatzziel verfehlt hat. Manches erinnert an den Mathematikunterricht in der Schule - wer aufschaut, verliert. Aber schau'n mer mal.

Da sind auf der einen Seite die niederdrückenden Nachrichten für die Börse. Die Arbeitslosigkeit in den USA steigt. Und wer seinen Job verliert, hat weniger Geld in der Tasche, das er zum Beispiel für deutsche Produkte ausgeben könnte. Schlecht für Dax  und Deutschland gleichermaßen. Außerdem beginnt wieder die Berichtssaison. Die Unternehmen legen die Ergebnisse ihres Schaffens vor, in diesem Fall des vierten Quartals 2008. Und das haben die meisten Experten noch in jenem Jahresviertel abgeschrieben.

Das Todesquartal

Das Todesquartal

Intel zum Beispiel, Hersteller von Halbleitern, erklärte vorab bereits am Mittwoch, dass sein Umsatz über das Jahr 2008 um 23 Prozent geringer ausgefallen sei als noch im Vorjahr. Am Donnerstag der kommenden Woche wissen wir Genaueres. Dann legt das Unternehmen vollständige Rechenschaft ab.

Der Aluminiumproduzent Alcoa  will sich von über 13.000 Mitarbeitern trennen und verkündete, im vergangenen Jahr Verluste von insgesamt rund 105 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar eingefahren zu haben. Auch kein Zeichen unternehmerischer Prosperität. Und der deutsche Export brach im November 2008 um über 10 Prozent ein, errechnete das Statistische Bundesamt. Stehen uns also weitere Reden im Sinne von "Blut, Schweiß und Tränen" bevor?

An dieser Stelle folgt das große Aber. Denn es gibt auch Gründe dafür, den Untergangspropheten ein "Haltet ein" zuzurufen. Zum Beispiel ließe sich sagen, dass alle schlechten Nachrichten bereits in den Aktienkursen enthalten sind. Einfacher gesagt - die Aktionäre haben bereits im vierten Quartal 2008 das "rezessive Umfeld antizipiert", sprich ihre Felle davonschwimmen sehen, ihre Aktien verkauft und damit die Kurse in den Keller getrieben. Damit hat sichs. Jetzt geht es nur noch um die Dokumentation des Grauens in den Quartalsberichten. Und die dürfte niemanden mehr überraschen.

Denn war es nicht vor Monaten klar, dass Intel leidet? Wenn Unternehmen weltweit weniger investieren und zum Beispiel keine neuen Computer kaufen, kann Intel auch nur weniger Prozessoren absetzen. Das gleiche Bild bei Alcoa. Wenn beispielsweise China weniger Aluminium kauft, ist das für einen der weltgrößten Produzenten eben jenes Metalls nicht gut. Da passt es ins Bild, dass der Börsenkurs des Unternehmens infolge seiner Ankündigung zwar absackte, sich aber am Donnerstag wieder berappelte.

Abgesehen davon, geht so etwas wie ein Hauch von Beruhigung durch den Geldmarkt. Der Libor sank um einen Prozentpunkt auf 1,4 Prozent, den niedrigsten Stand seit Juni 2004. Dieser Zinssatz ist deswegen so wichtig, weil er billionenschweren Finanzprodukten als Bezugsgröße dient. Und auch der Euribor verlor 4 Prozentpunkte auf 2,76 Prozent. Laurence Mutkin, Analyst bei Morgan Stanley, schätzt daher, dass die Liquidität in den Markt schrittweise zurückkehrt. "Das ist für die Wirtschaft allgemein von größerer Bedeutung als die Höhe der Leitzinsen. Denn ohne ausreichende Liquidität auf den Geldmärkten hat die Geldpolitik keinen oder nur begrenzten Effekt auf die Realwirtschaft."

Und die Experten des DIW sagten noch am Mittwoch voraus, die Rezession sei in sechs Monaten vorbei. "Im zweiten Halbjahr fasst die Weltwirtschaft und damit auch Deutschland wieder Tritt", sagt es Christian Dreger, der Konjunkturchef des Instituts, etwas eleganter. Für Anleger, die auf Dax und Co. setzen, ist das eine gute Nachricht. Denn regelmäßig ziehen die Börsen lange an, bevor die Rezession endet - mit einem Vorlauf von eben sechs Monaten.

Und nun, hopp oder top? Hopp, wie Schafhauser es meint: "2009 wird ebenfalls ein furchtbares Jahr." Denn die Überschuldung der USA sei so übermächtig, dass sie eine Erholung erdrücke. Für die kommenden Wochen ließe das nichts Gutes erwarten. Oder doch top, so die Meinung von Ad van Tiggelen, Senior-Stratege bei ING Investment Management: "Aus dem Gröbsten sind wir wohl raus, und Risiko scheint sich allmählich wieder zu lohnen."

Wie genau es weitergeht, weiß keiner, Leere statt Lehre. Vielleicht lässt sich in diesem Nebel immerhin eine Erkenntnis gewinnen. Für Profianleger, dass auch die elaboriertesten Modelle fehlbar sind. Für Privatanleger, dass Vorsicht in jeder Marktphase wichtig ist. Und für Historiker? Wer weiß.

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