Microsoft Der Anfang vom Ende?

Die US-Justizbehörden scheinen sich darauf geeinigt zu haben, Microsoft zu zerschlagen. Das, entgegnet Microsoft, mache keinen Sinn, wenn zugleich Konkurrent AOL durch die Fusion mit Time Warner zum Mega-Unternehmen werde.

Hamburg - Als am Mittwoch die Zeitung "USA Today" einen Bericht veröffentlichte, in dem eine nicht benannte Quelle "aus Kreisen des US-Justizministeriums" mit der Aussage zitiert wurde, die US-Behörden hätten sich auf die Zerschlagung von Microsoft geeinigt, ging ein Ruck durch die Online-Welt. Schnell gelang es MSNBC, einem Online-Nachrichtenkanal, an dem Microsoft beteiligt ist, ein Teildementi aus Justizkreisen einzuholen: Die Meldung sei "in wichtigen Aspekten nicht akkurat". Doch auch diese Quelle wollte nicht bestätigen, dass es zu keiner Einigung gekommen sei.

Inzwischen hat diese zweite Quelle einen Namen: Gina Talamona ist eine der Sprecherinnen des US-Justizministeriums. Sekundiert wird ihr von Wayne Klein, dem Leiter der Kartellbehörden von Utah, einem der Klägerstaaten. "Dieser Zeitungsbericht enthält etliche Schwachstellen, was die Beschreibung unserer Position in dieser Sache angeht", wird Klein von der Zeitschrift "Industry Standard" zitiert.

Die widersprüchlichen Aussagen brachten in der Folge weitere "ungenannte Quellen" zum Reden: Diese stützen den ursprünglichen Bericht von "USA Today". Der Bericht gebe korrekt wieder, dass es ein wachsendes Einvernehmen" zwischen den Anklagevertretern des Justizministeriums und der 19 Klägerstaaten darüber gäbe, welche Vorschläge zu einem künftigen Umgang mit Microsoft man vor Gericht vorbringen wolle. Dieses "wachsende Einverständnis" laufe in der Tat darauf hinaus, dass die Kläger "eine Aufteilung Microsofts in mehrere kleinere Firmen der Möglichkeit, Microsoft nur Verhaltensregeln aufzulegen, vorziehen".

Das hält auch ein bereits am Dienstag öffentlich gewordenes Gutachten des renommierten Technologie-Beratungsunternehmens IDC für die beste Option: Das Gutachten, das im Auftrag einer ungenannten, kleinen Auftraggebergruppe entstand, empfiehlt die Aufteilung des Monoliths Microsoft in mehrere "Baby-Bills". Sinnvoll erscheint den Autoren die Aufspaltung des Konzerns entlang "funktioneller Produktlinien". Sprich: Ein Mini-Microsoft für Betriebssysteme, eines für Internet-Aktivitäten, eines für andere Software, weitere für die anderen Geschäftsfelder des Konzerns. Diese Empfehlungen decken sich in hohem Maße mit den Aussagen der unbenannten Quelle im "USA Today"-Bericht. Die "New York Times", die das IDC-Gutachten als erstes öffentlich machte, glaubt auch zu wissen, für wen es erstellt wurde: "Manche Analysten glauben, dass das Justizministerium die Studie als Munition im Prozess gegen Microsoft verwenden wird."

Am späten Mittwochabend brachten Wired News eine weitere Variante ins Spiel: Die Widersprüchlichkeiten in den verschiedenen Aussagen könnten darauf zurückgehen, dass es zwar einen Konsens zwischen den Anklagevertretern der Staaten gäbe, diese aber zu keiner Einigung mit den Vertretern der Bundesbehörden kommen könnten. Dem widersprach binnen weniger Stunden der Richter Penfield Jackson, der seine "wachsende Irritation über Nachrichten" dieser Art Ausdruck gab. Und wieder meldeten sich ungenannte Quellen aus Justizkreisen zu Wort, die mit Aussagen zitiert wurden, solche "Unstimmigkeiten" zwischen den verschiedenen Anklagevertretern seien kaum mehr feststellbar.

Microsoft zerschlagen, während AOL wächst?

Nach ersten Reaktionen, in denen Microsoft-Sprecher den Wahrhaltsgehalt des ursprünglichen "USA Today"-Berichtes in Zweifel zogen, haben sie inzwischen anscheinend ihre Verteidigungsstrategie verändert. Es sei doch "ironisch", dass ein solcher Vorschlag zu einem Zeitpunkt erfolge, zu dem der größte Konkurrent des Unternehmens, der Onlinedienst AOL, eine 350-Milliarden-Dollar-Fusion mit Time Warner anstrebe, so Microsoft-Sprecher Jim Cullinan.

Tatsächlich könnte sich die Mega-Fusion von AOL und Time Warner günstig auf den Verlauf des Microsoft-Verfahrens auswirken. Denkbar wäre allerdings auch eine andere Variante: Noch haben die amerikanischen Kartellbehörden der Fusion nicht zugestimmt. Sollte es zu einer Entscheidung gegen Microsoft kommen, würde dies die Chancen für eine Genehmigung der AOL/Time Warner-Fusion nicht gerade erhöhen.

Am Dienstag, 18. Januar, soll Microsoft seine Argumente für ein Fortbestehen des Redmonter Unternehmens dem verhandelnden Gericht unter Richter Thomas Penfield Jackson vorlegen. Der hatte im November deutlich signalisiert, dass die dem Gericht bisher vorliegenden Fakten klar gegen Microsoft sprechen: Microsoft habe in der Tat bereits gegen geltendes Recht verstoßen.

Zur Zeit bemüht sich noch der als externer Vermittler bestellte Richter Richard Posner, die Kontrahenten zu einer außergerichtlichen Einigung zu führen. Der Druck auf Microsoft dürfte auch in diesen Verhandlungen enorm wachsen. Die Urteilungsfindung im Fall Justizministerium und klagende Staaten gegen Microsoft beginnt am 22. Februar mit einer mündlichen Verhandlung. Das endgültige Urteil wird für Anfang März erwartet.

Frank Patalong