Dax-Geflüster Ein Quantum Mut

Selten haben Aktienexperten mit ihren Kursprognosen so falsch gelegen wie in diesem Jahr. Doch die Börsenauguren zeigen Mut: Noch während Wirtschaftsforscher ihre Konjunkturvorhersagen der Rezession anpassen, nehmen Anlageprofis für 2009 unverdrossen den nächsten Börsenaufschwung in den Blick.
Von Karsten Stumm

Das ging daneben. Und zwar richtig: Selten haben sich Wirtschafts- und Börsenexperten so verschätzt, wie mit ihren Konjunktur- und Aktienkursvorhersagen für das Jahr 2008. Bis auf 10.250 Punkte, so glaubten beispielsweise die WGZ-Bank-Analysten noch Ende 2007, könne der Dax  in diesem Jahr zulegen; verglichen mit dem vergangenen Jahresendstand wäre das ein schönes Plus von rund 27 Prozent gewesen. Es ist anders gekommen.

Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer hat im laufenden Jahr bereits mehr als 40 Prozent seines Wertes eingebüßt. Von Gewinnen und Gewinnern also keine Spur. Und die WGZ-Leute stehen mit ihrem Prognosendesaster nicht mal alleine: Die Cominvest beispielsweise rechnete für 2008 mit einem Dax-Plus von knapp 7 Prozent auf rund 8600 Zähler.

Parallelen zum Krisenjahr 2002

Das ist zwar schon mehr als ein einfacher Fehlschlag der hiesigen Börsenpropheten. Doch es ist nicht einmal der Schuss, den sie in der Historie bisher am weitesten daneben gesetzt haben.

Die Auguren lagen nach Berechnungen von Thomson Financial im Krisenjahr 2002 sogar im Schnitt um etwa 50 Prozent neben der Aktienkursentwicklung, die später tatsächlich eintrat - der Dax verlor damals binnen Jahresfrist 44 Prozent. Aber beide Fälle weisen noch mehr Parallelen als das Ausmaß des Fehlschlages auf.

Wenn Trends wegbrechen

Die Analysten haben offenbar immer dann Schwierigkeiten auf Kurs zu bleiben, sobald Trends wegbrechen. Mit anderen Worten: Sie liegen mit ihren Vorhersagen vergleichsweise gut, sofern sich die Börse oder die Gesamtwirtschaft einigermaßen stetig entwickelt. Mit plötzlichen Ausbrüchen dagegen haben sie so ihre Schwierigkeiten, und das trotz des immensen Einsatzes an Personal, Technik und der teils sisyphushaften Auswerterei tausender Marktdaten.

"Wir haben noch nie eine so harte Korrektur unserer Prognose machen müssen wie jetzt", gab Roland Döhrn dieser Tage zu, oberster Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Essener Forscher senkten in dieser Woche ihre Konjunkturprognose für 2009 um sage und schreibe 2,7 Prozentpunkte auf nunmehr minus 2,0 Prozent.

Eher "V"- als "U"-Konjunkturformation

"Gewinnschätzungen sind noch überhöht"

Noch sind viele Experten gar nicht nachgekommen, ihre Gewinnschätzungen für die wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften der befürchteten Wirtschaftsentwicklung anzupassen.

Das heißt aber auch, dass "die Gewinnschätzungen der Unternehmen für die Jahre 2009 und 2010 noch um 20 bis 30 Prozent überhöht sind und wohl bis zum zweiten Quartal 2009 nach unten geschraubt werden müssen", sagt Matthias Jörss, leitender Aktienstratege der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim - mit entsprechenden Folgen für den Aktienmarkt.

Entsprechend benommen wirken derzeit die Börsenanalysten. Die Cominvest etwa, die im laufenden Jahr wie so viele andere so kräftig daneben lag, möchte dieses Mal lieber gar keine exakte Dax-Prognose abgeben. Zu groß scheinen ihren Experten die Unwägbarkeiten geworden zu sein.

"Punktprognosen für den Dax im Jahr 2009 bleiben angesichts der anhaltend hohen Volatilitäten zwar nach wie vor wenig sinnvoll. Die Cominvest geht jedoch davon aus, dass die weltweit wichtigsten Aktienmarktindizes am Jahresende 2009 auf höheren Niveaus liegen werden als derzeit", sagt Ingo Mainert, Geschäftsführer und Chief Investment Officer der Cominvest.

Bange machen lässt sich die Gilde der Börsen- und Wirtschaftspropheten also dennoch nicht. Und manche zeigen sogar schon wieder Mut: Während andere Wirtschaftsforscher ihre bisherigen Prognosen noch der Rezession anpassen, wagt der Chefvolkswirt der Allianz-Dresdner-Gruppe schon einen Blick auf die mögliche nächste Erholung.

"Dafür, dass sie im Verlauf von 2009 kommt, sprechen die weltweit sehr expansive Geldpolitik, gewaltige fiskalische Stützungspakete sowie die historisch niedrigen Zinsen", sagt Michael Heise. Und seiner Meinung ist auch Christian Heger: "Die voluminösen globalen Konjunkturprogramme werden die Nachfrage 2009 deutlich stimulieren", ergänzt der Chefstratege von HSBC Investments.

Behalten die beiden Recht, bliebe den Bundesbürgern eine langwierige Stagnationsphase erspart, die Deutschland zum Beispiel zwischen 2003 und 2005 im Griff hatte. Stattdessen könnten sie auf eine schnellere Erholung hoffen: eher eine "V"- als eine "U"-Konjunkturformation also.

Und was hieße das für den Dax? "Zur Jahresmitte 2009 könnte er bei 6000 Punkten stehen", sagt Matthias Jörss, leitender Aktienstratege bei Sal. Oppenheim. Man wird sehen.

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