Paul Krugman Niemals neutral

Der Ökonomie-Nobelpreis für Paul Krugman passt ins Krisenjahr 2008. Der Professor aus Princeton steht für eine praktisch orientierte Wissenschaft, die im Hier und Jetzt statt in abstrakten Modellen lebt, sich in politische Debatten einmischt und Antworten auf die aktuelle globale Wirtschaftskrise liefert.

Warum gibt es Städte? Warum leben die meisten Menschen dichtgedrängt auf kleinem Raum, während auf dem platten Land reichlich Platz ist? Warum verkaufen deutsche Firmen jährlich Hunderttausende Autos nach Frankreich, während umgekehrt die Franzosen Hunderttausende Autos nach Deutschland liefern?

Folgt man der neoklassischen Wirtschaftstheorie, wie sie in Lehrbüchern und VWL-Grundkursen gelehrt wird, dürfte all das nicht sein. Die Wissenschaft gibt zwar Antworten auf Grundfragen der Menschheit, wie sie zu ihrem Reichtum kommt und damit umgeht, tut sich jedoch mit den alltäglichsten Phänomenen schwer.

Nach der Lehrbuchökonomie müsste die Beweglichkeit der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital dafür sorgen, dass beide gleichmäßig übers Land verteilt werden. Die Arbeitskräfte ziehen dorthin, wo die Produktionsanlagen sind, und umgekehrt. Wenn jeder Bauernhof seine eigene Eisenschmelze hat, werden die Ressourcen optimal genutzt und Transportkosten gespart. Städte könnten höchstens durch Zufall entstehen, würden sich aber im Lauf der Zeit auflösen.

Internationaler Warenhandel kommt nach der klassischen Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo nur zustande, weil sich die Länder auf bestimmte Güter spezialisieren. Die Engländer fertigen Tuch, die Portugiesen bauen Wein an, und alle gewinnen dabei - doch warum sollten gleichartige Länder gleichartige Waren austauschen?

Der frischgebackene Nobelpreisträger Paul Krugman zeichnet sich als Ökonom dadurch aus, dass er seine theoretischen Modelle der Realität nachbildet und nicht erst ein perfektes Modell ausarbeitet, das dann mit Nebenannahmen angepasst werden muss, um den Widerspruch zur Wirklichkeit zu erklären. Statt einen idealen Markt zu beschreiben, will Krugman den realen Markt erforschen.

Der Nobelpreis für Krugman im Krisenjahr 2008 ist deshalb ein politisches Statement des Preiskomitees - nicht so sehr wegen Krugmans Dauerkritik an dem abgewählten US-Präsidenten George Bush. Die Ökonomie soll sich stärker realen Problemen zuwenden und an Lösungen arbeiten, lautet die Botschaft.

Revolution der Handelstheorie auf zehn Seiten

In der realen Welt entdeckte Krugman, dass sich der Großteil der Handelsströme zwischen gleichartigen Ländern bewegt und gleichartige Waren umfasst. Die Erklärung dafür sah er in den Vorteilen der Massenproduktion: Bei vielen Industriegütern steigen die Ertragsmargen mit der hergestellten Menge. Mehr Input an Arbeit und Kapital bedeutet ein noch größeres Mehr an Output. Am effizientesten wäre es, wenn es weltweit jeweils nur einen Flugzeughersteller, einen Autokonzern, eine Schiffswerft gäbe.

Das verhindert Krugman zufolge nur der Wunsch der Verbraucher nach Abwechslung, nach verschiedenen Versionen der gleichen Ware für unterschiedliche Geschmäcker (Volkswagen oder Renault, Airbus oder Boeing). Im Ergebnis treten einige wenige Unternehmen in monopolistischen Wettbewerb. Wo genau die Industrien sich nun ansiedeln, so Krugman, ist egal. Jeder stellt irgendetwas her und verkauft es den anderen, auch wenn die es selbst fertigen könnten.

"Auf nur zehn Seiten", lobt das Preiskomitee der Schwedischen Reichsbank, hat Krugman diese Erkenntnisse in einem Papier von 1980 zusammengefasst. Das war die Wurzel der "Neuen Handelstheorie", die ihm nun den Wirtschaftsnobelpreis einbrachte, ebenso wie die daraus abgeleitete "Neue Ökonomische Geografie".

Diese erklärt, warum sich die Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Aktivität auf wenige Orte konzentrieren. Die Skaleneffekte lassen sich am besten in großen Fabriken nutzen, die direkten Zugang zu großen Märkten haben - und voilà, große Ansammlungen von Menschen wie der Ballungsraum im Nordosten der USA ergeben ökonomisch Sinn. "Die 60 Millionen Menschen sind dort nicht wegen der Aussicht", erklärt Krugman. "Sie sind dort, weil die anderen 60 Millionen ebenfalls dort sind." Der gleiche Grund erkläre auch, warum sich die US-Autoindustrie historisch in Detroit konzentriert hat - auch wenn Krugman inzwischen die Fliehkräfte in der Branche für stärker hält.

Der Nobelpreisträger behauptet indes nicht, allein zu diesen Erkenntnissen gelangt zu sein. Er brachte sie lediglich in die Form einfacher, mathematisch und logisch schlüssiger Modelle, sodass sie in der Sprache der ökonomischen Theorie zu fassen sind. "Ideen, die seit Jahrzehnten im Bewusstsein der Menschen umherflatterten, spießte er auf wie Schmetterlinge in der Vitrine", schrieb der Londoner "Economist".

Handelstheorie und Geografie sind bei weitem nicht die einzigen Themen, mit denen Krugman Furore machte. Schon als zwanzigjähriger Forschungsassistent von William Nordhaus am Massachusetts Institute of Technology (MIT) befasste er sich 1973 mit Energie- und Rohstoffproblemen. Dabei entstand Krugmans erstes eigenes Paper, in dem er nachwies, dass die Benzinnachfrage langfristig auf Preisänderungen reagiert. Wenn der Sprit teurer wird, kommen sparsamere Autos auf den Markt - auch diese Erkenntnis stand im Widerspruch zur gängigen Überzeugung der meisten Ökonomen.

Der Ökonomie-Popstar und die Politik

Die Zeit am MIT erwies sich als Glücksfall für Krugman. Von Nordhaus schaute er sich den Stil ab, mit kurzen, einfachen Modellen zum Kern realer Probleme vorzudringen. Gleichzeitig tobte an den Universitäten die Revolution der "Chicago Boys", der Schüler des Monetaristen Milton Friedman. "Alles musste neu erfunden werden", erinnert sich Krugman, der dementsprechend respektlos mit überlieferten Lehrmeinungen umgeht. Doch zugleich zählte das MIT zu den wenigen renommierten Fakultäten, an denen weiterhin keynesianische Theorie gelehrt wurde.

Krugman wurde ein großer Bewunderer von John Maynard Keynes, wenngleich kein orthodoxer Keynesianer. In der Japankrise schrieb er 1999 sein Buch "Return of Depression Economics", das dieser Tage in einer neuen Auflage mit Blick auf die aktuelle Weltkrise erscheint. Darin verweist er auf die von Keynes beschriebene Liquiditätsfalle, die entsteht, wenn eine Wirtschaftskrise die Preise fallen lässt und niemand an ein Inflationsrisiko glaubt: Mit ihrer Zinspolitik können sich die Zentralbanken nicht mehr gegen die Krise stemmen, weil Banken und Anleger das Geld lieber bunkern als in Umlauf zu bringen.

In solchen Situationen, schrieb Krugman in der "New York Times", "wird Tugend zum Laster, Vorsicht ist riskant und Besonnenheit ist Wahnsinn". Bedenken über Staatsverschuldung und Inflationsgefahr seien fehl am Platz. Auch heute könne nur ein großes Konjunkturprogramm - "in der Größenordnung von 600 Milliarden Dollar" - die Abwärtsspirale stoppen. So wird Krugman zum intellektuellen Stichwortgeber für die geplante Konjunkturpolitik der neuen Obama-Regierung.

Kollegen beschreiben eine Mischung aus feiner Selbstironie und Überheblichkeit als typisch für Krugman. "Mit Argentinien hätte ich groß Kasse machen können", spielte Krugman einmal darauf an, dass seine richtige Vorhersage der dortigen Währungskrise ihn zu einem gefragten Berater gemacht hatte. Doch er habe es vorgezogen, von seinem Professorengehalt, Buchtantiemen und seinem Kolumnistenhonorar der "New York Times" zu leben und sich so seine Unabhängigkeit zu bewahren.

"Nie bleibt er neutral, lieber polarisiert er", schrieb sein deutscher Fakultätskollege Markus Brunnermeier in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Seit einem kurzen Intermezzo im Beraterteam von Präsident Ronald Reagan 1983 (wo seine Ansichten nicht gefragt waren) greift Krugman am liebsten aus der Distanz in aktuelle politische Auseinandersetzungen ein.

"Mein Privatleben ist nicht interessant", pflegt Krugman zu deklamieren. Eine Anekdote immerhin gab er zum besten, um zu erklären, warum er Ökonom wurde. Als Junge in einer durchschnittlichen Mittelschichtfamilie (der Vater war Versicherungskaufmann, die Mutter Hausfrau) in einem New Yorker Vorort verschlang er Science-Fiction-Romane, besonders Isaac Asimov hatte es ihm angetan.

In dessen Werk gibt es "Psychohistoriker". Das sind Forscher, die mithilfe einer exakten und umfassenden Sozialwissenschaft die Welt retten können. Da es eine solche Zunft in der realen Welt nicht gibt, verlegte Paul Krugman sich eben auf Ökonomie - "das ist so nah dran an Psychohistorie, wie es nur geht."

Keynes und Co.: Die großen Ökonomen

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