Montag, 24. Juni 2019

Paul Krugman Niemals neutral

Der Ökonomie-Nobelpreis für Paul Krugman passt ins Krisenjahr 2008. Der Professor aus Princeton steht für eine praktisch orientierte Wissenschaft, die im Hier und Jetzt statt in abstrakten Modellen lebt, sich in politische Debatten einmischt und Antworten auf die aktuelle globale Wirtschaftskrise liefert.

Warum gibt es Städte? Warum leben die meisten Menschen dichtgedrängt auf kleinem Raum, während auf dem platten Land reichlich Platz ist? Warum verkaufen deutsche Firmen jährlich Hunderttausende Autos nach Frankreich, während umgekehrt die Franzosen Hunderttausende Autos nach Deutschland liefern?

Paul Krugman wurde am 28. Februar 1953 in Albany, New York, geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaft an der Universität Yale und promovierte bei dem Deutschen Rüdiger Dornbusch am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Krugman arbeitete als Professor am MIT, in Stanford und seit 2000 in Princeton. Er hat mehr als 20 Bücher und hunderte Aufsätze verfasst, sowohl Fachbücher als auch populäre Bestseller. Als Fachmann für Währungskrisen bereiste er etliche Länder als Berater und Beobachter. Krugman ist in zweiter Ehe mit der Princeton-Kollegin Robin Wells verheiratet. Der Ökonom schreibt regelmäßig Kolumnen und ein Blog für die "New York Times". Seine "Neue Handelstheorie" brachte ihm den Wirtschaftsnobelpreis 2008 ein.
Folgt man der neoklassischen Wirtschaftstheorie, wie sie in Lehrbüchern und VWL-Grundkursen gelehrt wird, dürfte all das nicht sein. Die Wissenschaft gibt zwar Antworten auf Grundfragen der Menschheit, wie sie zu ihrem Reichtum kommt und damit umgeht, tut sich jedoch mit den alltäglichsten Phänomenen schwer.

Nach der Lehrbuchökonomie müsste die Beweglichkeit der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital dafür sorgen, dass beide gleichmäßig übers Land verteilt werden. Die Arbeitskräfte ziehen dorthin, wo die Produktionsanlagen sind, und umgekehrt. Wenn jeder Bauernhof seine eigene Eisenschmelze hat, werden die Ressourcen optimal genutzt und Transportkosten gespart. Städte könnten höchstens durch Zufall entstehen, würden sich aber im Lauf der Zeit auflösen.

Internationaler Warenhandel kommt nach der klassischen Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo nur zustande, weil sich die Länder auf bestimmte Güter spezialisieren. Die Engländer fertigen Tuch, die Portugiesen bauen Wein an, und alle gewinnen dabei - doch warum sollten gleichartige Länder gleichartige Waren austauschen?

Der frischgebackene Nobelpreisträger Paul Krugman zeichnet sich als Ökonom dadurch aus, dass er seine theoretischen Modelle der Realität nachbildet und nicht erst ein perfektes Modell ausarbeitet, das dann mit Nebenannahmen angepasst werden muss, um den Widerspruch zur Wirklichkeit zu erklären. Statt einen idealen Markt zu beschreiben, will Krugman den realen Markt erforschen.

Der Nobelpreis für Krugman im Krisenjahr 2008 ist deshalb ein politisches Statement des Preiskomitees - nicht so sehr wegen Krugmans Dauerkritik an dem abgewählten US-Präsidenten George Bush. Die Ökonomie soll sich stärker realen Problemen zuwenden und an Lösungen arbeiten, lautet die Botschaft.

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