Dax-Geflüster Das vorzeitige Ende

Freude machen die Börsen derzeit wirklich nicht. Was sie in der einen Woche gewinnen, verlieren sie in der anderen wieder. Und in einem Monat droht der Jahresdepotauszug. Auf den Dezember würden die meisten Anleger daher am liebsten verzichten.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Aktienfreunde und Fondsaficionados müssen jetzt ganz tapfer sein - Aktien will derzeit keiner haben. Und die entsprechenden Fonds ebenso wenig. Die Anleger geben ihre Anteile zurück oder kaufen sie erst gar nicht. Sie haben das Jahr 2008 bereits abgehakt - und setzen auf das Folgejahr. Ein verständlicher Fehler.

Allein im Oktober zogen die Anleger 4,9 Milliarden Euro aus Aktienfonds ab. Bei den Direktinvestments dürfte es ähnlich sein. Nicht einmal die Tatsache, dass ab 2009 die Abgeltungsteuer solche Wertpapiere steuerlich unattraktiver macht, lockt die doch sonst dem Steuerargument so zugeneigten Anleger bislang zum Zugriff. Auf die Jahresbilanz dürften sich die Interessenvertreter des aktienbasierten Sparens kaum freuen.

Kein Wunder. Denn manchmal scheint die Geldanlage selbst jenen, die sie professionell betreiben, zum Glücksspiel geworden zu sein. Entsprechend sind die Stimmungsbilder. "Die Anleger sind hin und her gerissen. Einerseits wollen sie den Offiziellen Glauben schenken und vertrauen auf immer neue Hilfsmaßnahmen. Denn viele Unternehmen sind doch 'zu groß um zu scheitern'", heißt es in der Internetpräsenz von Sentix, die die Märkte auf psychologische Muster durchleuchten. "Anderseits macht die Finanzkrise vor nichts und niemandem mehr halt." Eine gefährliche Melange. Denn "wenn man sich von jeder kurzfristigen Stimmung mitreißen lässt, hat man seine Performance schnell verspielt", sagte Klaus Kaldemorgen vor kurzem gegenüber manager-magazin.de, DWS-Doyen der Aktienanlage. "Gerade jüngere Kollegen haben durch den Performancedruck Angst, Entwicklungen zu verpassen und laufen den kurzfristigen Schwankungen hinterher." Hin und Her macht Taschen leer, weiß schon der Börsianervolksmund.

Beispiel Dax . Noch immer schwankt er wie ein trunkener Seemann. Technisch gesprochen liegt die Volatilität gemessen am VDax inzwischen bei gut 50. Vereinfacht gesagt, bedeutet das, dass Terminmarktinvestoren über die nächsten 45 Tage für den Dax mit einer Schwankungsbreite von 50 Prozentpunkten rechnen. Zuviel für einen besinnlichen Dezember. Und offenbar zuviel für die meisten Privatanleger.

Das ist beleibe kein rein deutsches Phänomen - auch in Amerika wankt die Stimmung Seit' an Seit' mit den Börsen. So liegt der CBOE Volatilitätsindex zwischenzeitlich bei über 80. Das wäre nicht so schlimm, wenn es denn die sicheren Investments noch gäbe. Aber Pustekuchen: Auch mit Anleihen oder Gold kamen Anleger in diesem Jahr auf keinen grünen Zweig.

ING Investment Management formuliert es in einem Überblick nüchtern: "2008 war eines der schlechtesten Jahre der Aktienmärkte. Die Volatilität war extrem hoch." Genau. Und weiter: "Von den Kursrutschen blieb kein Sektor verschont". Die Anleger haben es gemerkt. Sowie: "Risikoscheu führte auch zu Druck auf die Renditen von Staatsanleihen". Mit anderen Worten - mit Ausnahme einiger Exoteninvestments war mit keiner einzigen Anlageklasse ein Blumentopf zu gewinnen.

Denn die Korrelationen waren durcheinander geraten. Normalerweise sichert eine Anlageklasse die andere ab. Wer Geld mit Aktien verliert, der verdient sein Geld mit Anleihen. Oder umgekehrt. Doch heute heißt es: Fällt Butter, fällt Margarine - aber Leberwurst und Toaster gleichermaßen. Wie soll die Küche da aufgeräumt bleiben?

Keine schöne Bescherung

Keine schöne Bescherung

Mit Geduld und dem Prinzip Hoffnung: "Abschreiben darf man nie etwas", warnt der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber. "Besonnenheit, Instinkt, Feingefühl für Branchen und Vernunft müssen walten, dann gibt es auch Chancen, selbst in diesem Marktumfeld." So sieht es auch Peter Ott, der bei der Fondsgesellschaft MainFirst einen Deutschlandfonds verwaltet. "Der Dezember wird 2008 nicht retten. Der deutsche Aktienmarkt kann aber die Ende November begonnene Bärmarktrally noch weiter fortsetzen. Die Kursrückgänge im Oktober und November waren doch teilweise sehr stark übertrieben."

Tatsächlich - wer die besten Tage nach einem Börsenabsturz versäumt, verpasst das Beste, da die Aktien danach erfahrungsgemäß gewaltig voranstürmen. Studien zum Beispiel von Fidelity belegen das. Und auch Andrew Cole sagt: "Wir erwarten, dass die Liquiditätskonditionen sich verbessern, da die Zentralbanken intervenieren und auch wegen der Art und Weise, mit der sie Kredite bereitstellen." Der Aktienstratege bei Baring Asset Management weiter. "Wir sind bereit zu glauben, dass wir uns im Bodenbildungsprozess befinden." Eine feste Überzeugung klingt anders.

Immerhin, Baring hat offenbar konsequent seine Aktienbestände ausgebaut. "Wir haben unseren Multi-Asset-Portfolios Aktien und Unternehmensanleihen hinzugefügt." Und noch einmal Zschaber: "Ich denke, das Börsenjahr 2008 ist noch nicht gelaufen. Sicherlich sieht es so aus, dass die Belastungen auf dem Markt allgegenwärtig sind, sei es die Rezession, sei es die Abnahme Produktivität, seien es rückläufige Kapazitätsauslastung und so weiter. Aber viele Assetmanager könnten gerade jetzt auch die Phasen nutzen, wenn es zu heftigen Kursanstiegen kommt, um die Jahresperformance zu stimulieren."

Andere sind da kritischer. "Eine Stabilisierung der führenden globalen Indikatoren ist notwendige Voraussetzung dafür, dass die Akten einen Bodenbildungsprozess beginnen", schreibt Henderson. Noch skeptischer sind - wenn auch traditionell - die Lebensversicherungen. Lag deren Aktienquote Ende 2007 noch bei 8,7 Prozent, waren es Mitte des Jahres "deutlich unter 8 Prozent", heißt es vom Branchenverband GDV. Aktuellere Daten gibt es nicht.

Was nun? Das Jahr abhaken - und auf ein Neues im Jahr 2009? Und damit das vorzeitige Ende des Jahres einläuten? Oder Nerven bewahren und Aktien oder Fonds kaufen, Mut zeigen? "Kaffeesatzleserei", winkt Matthias Hütgens ab, Aktienhändler an der Börse Hamburg. Die Situation sei einmalig. Damit dürfte er Recht haben. Von der Notwendigkeit, jetzt Entscheidungen zu treffen, entbindet das den einzelnen Anleger allerdings nicht.

Keine schöne Bescherung, sicher. Aber vielleicht die kleine Chance auf einen etwas versöhnlicheren Jahresausklang. Für den, der den Aktien im Dezember die Stange hält.

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