US-Automarkt kollabiert Europa erobert Spitzenstellung

Die USA werden am Ende des Jahres wohl nicht mehr der wichtigste Automarkt der Welt sein. Die dramatische Absatzkrise beschert Westeuropa erstmals seit fast 20 Jahren den Spitzenrang. Das Debakel auf dem Heimatmarkt dürfte die US-Hersteller trotz möglicher Staatsrettung auf lange Sicht hinter die europäische Konkurrenz zurückfallen lassen.

Hamburg - Der Opel-Chef war überwältigt. Die rückständigen Europäer hätten keine Vorstellung vom "unbändigen automobilen Leben" in New York. Die Amerikaner rauschten ihnen schlichtweg auf den Straßen davon. Der Duft von Benzin habe sogar den Geruch der Pferde verdrängt, jubilierte Wilhelm Opel nach einem Besuch in den USA im Jahr 1909, wie die "New York Times" damals berichtete.

Ein Jahrhundert, zwei Weltkriege und eine globale Finanzkrise später hat sich das Bild grundlegend geändert. Europa wird die USA in diesem Jahr aller Voraussicht nach als wichtigsten Automarkt der Welt ablösen.

Zu drastisch fällt der Absatzeinbruch in den Vereinigten Staaten aus, als dass das Autoland schlechthin seine jahrzehntelang gehaltene Vormachtstellung behaupten könnte. Sogar ohne die neuen, wachstumsstarken EU-Staaten im Osten liegt Europa 2008 nach jüngsten Prognosen vorn, obwohl der Absatz auch in der Alten Welt zurückgeht.

Nach vorläufiger Schätzung liege Westeuropa am Jahresende um knapp 200.000 Fahrzeuge vor den USA, sagte ein Sprecher des Verbands der Automobilindustrie (VDA) gegenüber manager-magazin.de. Demnach käme Westeuropa in diesem Jahr auf 13,58 Millionen Pkw, während in den USA nur 13,4 Millionen Autos verkauft werden.

Damit würde der Absatz in den USA auf Jahressicht um 17 Prozent und in Westeuropa um 8 Prozent zurückgehen. Zu Westeuropa zählen die 15 alten EU-Staaten plus die dem Wirtschaftsraum angegliederten Länder Norwegen, Schweiz und Island.

Weitere Experten schreiben den US-Markt für dieses Jahr ab: Das Duisburger Institut Car Automotive Research von Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer rechnet mit einem Vorsprung Westeuropas vor Amerika. Seinen Angaben gegenüber manager-magazin.de zufolge könnte er sogar 300.000 verkaufte Einheiten betragen.

Nicht nur symbolischer Höhepunkt eines beispiellosen Debakels

Nicht nur symbolischer Höhepunkt eines beispiellosen Debakels

Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) erwartet ebenfalls, dass Westeuropa 2008 vorn liegt, wie der Leiter Automotive, Harald Kayser gegenüber manager-magazin.de sagte. Seit den dramatischen Absatzzahlen vom Oktober, als die Verkäufe in den USA um 30 Prozent zurückgingen, habe sich diese These in der Branche durchgesetzt. In Europa betrug das Minus "nur" 15 Prozent.

Mit dem Verlust des Spitzenrankings erreicht die Krise des US-Automarktes ihren vorläufigen und auf dramatische Weise symbolischen Höhepunkt. Das Land der wichtigsten Automessen, der breitesten Straßen und größten Garagen wird auf die Plätze verwiesen. Zuletzt war dies 1991 und 1992 der Fall, als Europa durch den Fall des Eisernen Vorhangs einen Wirtschaftsboom erlebte, in dem die Bürger ihre Portemonnaies öffneten und viele Autos kauften.

Das immer augenfälligere US-Debakel, verursacht von Immobilienkrise und Konsumschwäche der Bürger, beschleunigt zudem die globale Machtverschiebung zwischen Märkten und Herstellern. Produzenten, deren Heimatmarkt derart zusammenfällt wie General Motors , Chrysler und Ford  verlieren weltweit auf lange Sicht deutlich an Boden. Daran dürfte auch eine Mega-Rettungsaktion des Staats nichts ändern, wie etwa Dudenhöffer betont.

"Es gibt eine Verschiebung von den USA nach Europa und Japan. Die Hersteller aus diesen Regionen stehen deutlich besser da als die Amerikaner", sagt der Automobilexperte von DB Research, Eric Heymann. Das Geld, das die Amerikaner jetzt en masse vor der eigenen Haustür verlieren, fehlt ihnen für bitter nötige Zukunftsinvestitionen.

Zwar wird sich der US-Markt in den kommenden Jahren wieder erholen, darin sind sich die Autoexperten einig. Die Vereinigten Staaten mit ihren langen Wegen und der überwiegend am Auto orientierten Siedlungsstruktur werden auch künftig mehr Fahrzeuge pro Einwohner brauchen als Europa. Dort spielen öffentliche Verkehrsmittel eine größere Rolle.

China greift 2015 nach der Spitzenposition

China greift 2015 nach der Spitzenposition

Laut Dudenhöffer liegen die USA 2009 wieder knapp vorn, bevor Europa 2010 wieder an die Spitze gelangt. Doch die Krise stellt die Weichen dafür, dass die US-Hersteller davon am wenigsten profitieren werden.

"Sie verlieren auf ihrem Heimatmarkt dauerhaft Marktanteile", sagt PwC-Fachmann Kayser. "Wenn ein US-Hersteller ausfällt, sammeln vor allem Japaner und Europäer die frei werdenden Marktanteile ein. Deren Modelle entsprechen momentan eher dem Bedarf der Autofahrer in den Vereinigten Staaten."

Rasant profitieren könnten vor allem europäische und japanische Massenhersteller, deren Heimatmärkte bislang noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. Volkswagen  plant bereits ein Werk in den Staaten. Toyota , in den USA auch stark unter Druck, kann das Debakel wegen seiner weltweiten Größe besser abfedern und durchstarten, sobald sich die Lage normalisiert. Luxushersteller wie BMW  und Daimler  - preislich oft in der Nähe der Big-Three-Modelle - dürfe es etwas schwerer fallen, Honig aus der Krise zu saugen.

Auch weltweit stehen die US-Autobauer vor dem Absturz, weil der wichtige Heimatmarkt kollabiert. Das ist fatal, denn langfristig spielt die Musik weder in den USA noch Europa, sondern in China und anderen Schwellenländern. China wird 2015 der wichtigste Automarkt, erwartet PwC-Mann Kayser.

Auch zügig wachsende Märkte wie Russland und Brasilien verlangen den Herstellern Milliardeninvestitionen ab, um am Aufschwung kräftig mitzuverdienen. Doch das Geld fehlt den US-Giganten. "Sie werden deshalb dauerhaft Probleme bekommen, in den Schwellenländern mit der Konkurrenz mitzuhalten", sagt Kayser.

"GM und Chrysler sind tot"

"GM und Chrysler sind tot"

Schon jetzt liegen sie vielerorts hoffnungslos zurück. "Die US-Konzerne haben die Modellpolitik außerhalb ihres Heimatmarkts zu sehr beeinflusst", sagt DB-Research-Experte Heymann. "Mit den amerikanischen Fahrzeugen gewinnt man außerhalb der USA keinen Blumentopf."

Auf den vielversprechendsten Märkten sind Europäer und Japaner bereits heute besonders stark, was ihnen jetzt zugute kommt. Die Deutschen etwa, die in den USA überwiegend bisher nicht wirklich über einen Randstatus hinausgekommen sind, hätten weniger Konkurrenz im Kampf um die Vorherrschaft in China, Brasilien, Russland und anderen Schwellenländern.

In China ist fast jedes fünfte Auto ein VW. Große Steigerungen beim Marktanteil erwarten Experten zwar nicht mehr, weil heimische Hersteller aufholen. Wegen insgesamt steigender Stückzahlen werden Ausländer in China dennoch viel Geld verdienen - umso mehr, wenn die US-Konkurrenz langfristig ausfällt.

Ob ein großes staatliches Rettungspaket daran etwas ändern und die Big Three aus dem Detroiter Krisensumpf ziehen kann, ist unter Experten umstritten. "GM und Chrysler sind tot", sagt Dudenhöffer und bringt bereits deutsche und chinesische Hersteller wie Volkswagen und Great Wall als Käufer für Teile der Insolvenzmasse ins Spiel. PwC-Mann Kayser erwartet dagegen, dass der Staat alle Zukunftsszenarien noch maßgeblich beeinflussen kann.

Dass so etwas je nötig sein würde, hätte sich der amerikabegeisterte Handlungsreisende Wilhelm Opel 1909 vermutlich kaum vorstellen können. Zu prächtig erschien ihm das motorisierte Treiben auf den Straßen New Yorks. Allerdings hatte der Siegeszug des Automobils seiner Einschätzung zufolge damals zumindest in weiten Teilen der USA bereits seinen Höhepunkt erreicht. 100 Jahre später könnte es tatsächlich so weit sein.

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