Anlage Das große Entnetzen

Wenn der Staat sich von bestimmten Aufgaben zurückzieht, wenn Unternehmen wie Eon sich von ihren Stromnetzen trennen, dann schlägt die Stunde der Infrastrukturfonds. Zumindest deren Anbieter sind davon überzeugt.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es wäre der perfekte Kreislauf. Wulf Bernotat, Eon-Chef, verkauft das Stromnetz seines Unternehmens an eine Zweckgesellschaft. Daran beteiligt sich ein Investmentfonds - und Eon-Angestellte investieren ihr Gehalt in so einen Fonds. Es wäre - aber wird es?

Noch nicht. Zwar entflechten sich die Netze weltweit. China hat es ausländischen Investoren schon vor Monaten erstmals erlaubt, in das landeseigene Strom- und Gasnetz zu investieren. In Mexiko öffnet sich der staatliche Energiekonzern Comisión Federal de Electricidad (CFE). Und im Falle Deutschlands wollen Eon  und Vattenfall Europe  sich von ihren Stromnetzen trennen. Genauer, der Verkauf des Höchstspannungsnetzes - quasi die Autobahnen unter den Stromleitungen - "an einen seriösen und finanzstarken Investor (könnte) eine sinnvolle Lösung sein", wird zum Beispiel Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka zitiert. Rund 10.000 Kilometer wären es im Falle Vattenfalls, die den Eigentümer wechseln würden.

Auch die Investoren stehen bereit. So denkt zum Beispiel die australische Bank Macquarie  darüber nach, das gesamte hiesige Stromnetz zu erwerben. Sie wissen warum.

"In Europa halten wir Deutschland für einen besonders interessanten Markt, weil seine Infrastruktur Weltklasse hat sowie stabile politische und regulatorische Verhältnisse bietet", sagt Martin Stanley, Vorstand von Macquaries europäischen Infrastrukturfonds. Und DWS-Fondsmanager Thomas Bucher ergänzt: "Die Nachfrage nach Infrastruktur und die Gewinne von Infrastrukturunternehmen sind relativ immun von der Konjunkturentwicklung."

Das spürt man offenbar auch bei den potenziellen Verkäufern: "Das Interesse an unserem Netz ist groß", sagt Steffen Herrmann, Sprecher von Vattenfall Europe . Namen wollte er keine nennen. "Das bestätigt uns darin, dass es sich dabei um ein attraktives Asset handelt." Vattenfall hatte im Juli 2008 begonnen, sein Höchstspannungsnetz potenziellen Investoren anzudienen.

Noch allerdings ist es nicht so weit. Denn noch haben deutsche Politiker Bedenken gegen so einen Verkauf. Zwar wollen sie oder auch ihre französischen Kollegen die Netze unabhängig wissen - sie hoffen auf mehr Wettbewerb und damit sinkende Strompreise, womit sie bei ihren Wählern punkten könnten. Aber der Wettbewerb solle sich doch eben unter dem Dach der Konzerne abspielen. Kanzlerin Angela Merkel sagte einmal, Stromerzeugung ohne Netz sei "eine dumme Sache". Und der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer wird noch deutlicher und warnt vor einem Verkauf. Und fordert, dass eine öffentliche Netzbetriebsgesellschaft Eigentümerin aller Stromübertragungsnetze werden sollte.

Die deutsche Regierung gibt sich gemäßigter. Sie sähe es am liebsten, wenn es den einzelnen EU-Staaten selbst überlassen bliebe, wie sie den Wettbewerb stärken - über eine strenge Aufspaltung von Konzern und Netz oder über eine stärkere Regulierung.

"Genau danach suchen wir"

"Genau danach suchen wir"

Tatsächlich drängte die EU-Kommission geraume Zeit auf nichts anderes als eben jene Abtrennung der Netze von der Herstellung des Stroms, um den Wettbewerb im Markt zu fördern. Die deutsche Regierung nahm Eon und Co. stets dagegen in Schutz - vielleicht auch aus Sorge vor Finanzinvestoren, denen sie nichts Gutes zutrauen. Und schon gar keine stabilen Strompreise. Doch im Februar stimmte Eon selbst einem Netzverkauf zu, damit die Kommission ein Kartellverfahren gegen das Unternehmen einstellte. Jetzt der Selbstaufspaltung der deutschen Stromhersteller zuzustimmen, hieße in den Augen der Politiker die eigene Arbeit der Vergangenheit zu entwerten.

Doch auch die Stromhersteller selbst sind sich nicht einig. Einige lehnen den Verkauf strikt ab. "Wir wollen uns von unseren Netzen nicht trennen. Sie sind für uns Teil unseres Unternehmens", sagt EnBW  -Konzernsprecher Ulrich Schröder auf Nachfrage. Und bei RWE  sagt man ebenfalls Nein zum Netzverkauf, es gehöre zum Unternehmen.

Verbraucherschützer können sich auch mit einer Aufspaltung von Stromnetz und -herstellung nicht recht anfreunden. Die Versorgungssicherheit sei nicht mehr gewährleistet, so der Tenor der Bedenkenträger.

Und die ist offenbar auch eine Frage des Geldes, scheint Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen zu finden. "Wenn der Finanzminister ein oder zwei Milliarden Euro locker machen kann, um eine Bank zu retten, die ihr Geld in den USA verzockt hat, müsste das auch für die Versorgungssicherheit in Deutschland möglich sein," sagte er noch im Februar dieses Jahres. In der Tat kostet die Erhaltung des Stromnetzes Geld.

Eon selbst schätzte im März, das Unternehmen müsse in den kommenden Jahren rund zwei Milliarden Euro in den Erhalt seiner Leitungsnetze stecken. Das sehen auch externe Experten so. Andrew Greenup zum Beispiel, einer der Fondsmanager des auf First State Global Listed Infrastructure Fund: "In unseren Augen gibt es über das kommende Jahrzehnt einen starken Bedarf für deutliche Investitionen in Europas und Nordamerikas Stromnetz." Weil dort historisch wenig investiert wurde, weil die Märkte dort immer mehr länderübergreifend funktionieren und wegen der Ausweitung erneuerbarer Energiequellen wie zum Beispiel Windfarmen. Die bräuchten neue Stromnetze, so der Brite.

Da würde es dem Unternehmen zupasskommen, die Netze bereits vorher verkaufen zu können, bevor solche Kosten anfallen. Bei anderen Unternehmen soll das anders sein.

Doch abgesehen von der Kostenseite scheint den Unternehmen auch die Ertragsseite der Netze vermutlich zunehmend weniger reizvoll. Die Bundesnetzagentur hat die Gebühren, die die Konzerne für die Durchleitung vereinnahmen, in der Vergangenheit wiederholt gekürzt.

Die Investoren scheinen diese Querelen nicht zu stören. Der stete Cashflow der Netze ist es, der sie lockt - niedrig vielleicht, aber eben stetig. Noch einmal Stanley, der Macquarie-CEO: "Stromnetze sind attraktiv, weil sie eine essenzielle Dienstleistung für die Gemeinschaft bereitstellen, sie arbeiten in einem regulierten Umfeld, und als Ergebnis können sie stabile und vorhersagbare Cashflows über einen langen Zeitraum schaffen. Und genau danach suchen wir als Investoren."

Nun gilt es also, abzuwarten, ob und wer den Zuschlag erhält. Denn alles könnte anders kommen. Wenn sich die potenziellen Investoren zum Beispiel im Netz verstrickten - diesmal der Finanzkrise. Und keinen Kredit für den Kauf erhalten.

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