Konjunktur Die Rezession ist da - und nun?

Die Konjunktur ist in Deutschland schneller abgekühlt, als erwartet. Seit vergangener Woche ist klar: Das Land befindet sich bereits in der Rezession, gemeinsam mit dem Rest der Euro-Zone. Ist nun alles auch schneller wieder vorbei - oder kommt es noch schlimmer als befürchtet? Was lässt sich überhaupt noch seriös vorhersagen?

Hamburg - Die ohnehin immer düsterer werdenden Prognosen der Ökonomen wurden vergangenen Donnerstag von der Realität noch unterboten. Morgens um acht meldete das Statistische Bundesamt: Die Rezession ist da. Die Wirtschaftsleistung sei im dritten Quartal um 0,5 Prozent geschrumpft, nach einem Minus von 0,4 Prozent im zweiten Quartal. Ein halbes Jahr mit negativem Wachstum - so definieren Wirtschaftswissenschaftler das gefürchtete Wort mit "R".

Damit aber nicht genug: Die OECD hat eine Prognose zur Entwicklung der Weltwirtschaft veröffentlicht, die den derzeit angesagten Pessimismus auf neue Höhen führt. Um 0,3 Prozent werde die Wirtschaft in den 30 OECD-Mitgliedsländern im kommenden Jahr schrumpfen, so die Aussicht. In den USA sei mit einem Minus von 0,9 Prozent zu rechnen, in der Euro-Zone werde der Rückgang 0,5 Prozent ausmachen.

Auch für das laufende Quartal macht die OECD Angaben. Die USA müssen sich demnach mit einem heftigen Einbruch der Konjunktur und einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 2,8 Prozent abfinden. Für die Euro-Zone kalkulieren die Experten mit einem Schrumpfen um 1 Prozent.

Käme es so, würde die Euro-Zone bereits das dritte Quartal in Folge schrumpfen. Denn wie das EU-Statistikamt Eurostat mitteilte, war die Wirtschaftsleistung auch von Juli bis September rückläufig - sie lag ebenso wie zwischen April und Juni bei minus 0,2 Prozent.

Die Zahlen der vergangenen Tage lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Die wirtschaftliche Lage ist offenbar bereits deutlich schlimmer als von vielen Experten ohnehin schon befürchtet. Blitzumfragen bei Volkswirten bestätigen das. Aber was bedeutet diese überraschende Erkenntnis nun für die Zukunft? Kommen wir, nachdem uns die Finanzkrise so rasant von den Beinen geholt hat, auch schneller wieder zu Kräften? Oder müssen wir einfach konstatieren: Es kommt alles noch schlimmer als in den bisher schon unangenehmen Vorhersagen skizziert?

Immerhin, es gibt noch Optimisten: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) etwa erwartet, dass die deutsche Wirtschaft bereits im vierten Quartal 2008 wieder wachsen wird. Die Experten setzen auf die "stabilisierenden Kräfte der Dienstleistungssektoren" und rechnen mit einem minimalen Plus von 0,2 Prozent.

Hört man sich bei anderen Volkswirten um, so ist von solcher Zuversicht allerdings nicht viel zu spüren. "Der zugrunde liegende Trend zeigt, dass es keine Besserung gibt", sagt etwa Dirk Schumacher von Goldman Sachs. "Das vierte Quartal wird wahrscheinlich auch im Minus landen." Ralph Solveen von der Commerzbank rechnet ebenfalls mit weiterem Ungemach für die Zeit von Oktober bis Dezember. "Dann werden wir wohl noch schlechtere Zahlen sehen."

"Staat muss Banken zur Annahme der Hilfen verpflichten"

Und 2009? 2010? Wie geht es weiter mit der Konjunktur? "Auch in der ersten Jahreshälfte 2009 dürfte es nach unten gehen, erst danach wird es eine Stabilisierung geben", erwartet Commerzbank-Mann Solveen.

Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ist noch pessimistischer: "Nach den neuen Zahlen rechne ich nicht mit einer Konjunkturwende vor 2010", sagt er zu manager-magazin.de. "Es gibt momentan noch keinerlei Anlass zur Entwarnung."

Laut Scheide besteht der Kern des Problems nach wie vor im Misstrauen der Banken untereinander, das sich daran zeige, dass der Interbankenmarkt trotz milliardenschwerer Stützungspakete noch nicht wieder in Gang gekommen sei. Allein die Bundesregierung hat einen Schutzschirm von mindestens 400 Milliarden Euro über dem Kreditgeschäft der Banken untereinander aufgespannt - und dennoch leihen sich die Institute nach wie vor nur sehr zögerlich Geld.

"Die Risikoprämien bei Geschäften zwischen den Banken müssen verschwinden", sagt Scheide. "Wenn diese Hängepartie anhält, dann ist das ganz schlecht für die Volkswirtschaft." Der Volkswirt hält es daher für erforderlich, das der Staat die Banken notfalls zur Annahme der öffentlichen Hilfsmaßnahmen verpflichtet, die sie auf freiwilliger Basis offenbar nicht in ausreichendem Maße nutzen.

"Prognosen sind im aktuellen Marktumfeld extrem schwer"

Düstere Aussichten also, die, sollten sie korrigiert werden müssen, so scheint es, eigentlich nur noch düsterer werden können. Aber was bringen solche Vorhersagen eigentlich noch? Was ist eine Prognose wert, die praktisch im Wochenrhythmus korrigiert wird? "Prognosen sind im aktuellen Marktumfeld extrem schwer", sagt Volkswirt Scheide vom IfW. "Denn die sonst üblichen Zyklenmuster, die unseren Vorhersagen zugrunde liegen, helfen im Moment nicht."

In normalen Zeiten kann man laut Scheide den Rhythmus Abschwung - Wende - Aufschwung relativ präzise zeitlich vorhersagen. Das ist derzeit aber nicht möglich, weil niemand weiß, wann der Belastungsfaktor Finanzkrise wegfällt, wann also das Vertrauen und damit die Liquidität wieder in die Finanzmärkte zurückkehrt.

"Die Fehlermarge von Vorhersagen ist aktuell höher als sonst", sagt auch Stefan Schneider von der Deutsche-Bank-Tochter DB Research. In ruhigen Zeiten liege die Toleranzspanne schon bei etwa plus/minus 0,5 Prozentpunkten. "Das ist noch vorsichtig geschätzt", so der Volkswirt.

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