Dax-Geflüster The Dark Side of the Boom

Am Wochenende soll wieder einmal die Welt gerettet werden. In Washington ringen die Staats- und Regierungschefs der größten Industriestaaten mit der Kehrseite des jahrelangen Aufschwungs. Was herauskommt, ist schon absehbar: so gut wie nichts. Überflüssig ist das Treffen trotzdem nicht - auch nicht für die Börse.

Berlin, 13. Oktober. Die Bundesregierung veröffentlicht Details zu ihrem Bankenstützungsplan mit einem Gesamtvolumen von bis zu 500 Milliarden Euro. Der Dax  schließt am Abend mit 11 Prozent im Plus.

USA, 3. und 4. November. Der Wahlkampf befindet sich auf der Zielgeraden. Die Anleger feiern den kommenden Präsidenten Barack Obama schon im Voraus, der Dax legt an beiden Tagen zusammen fast 6 Prozent zu.

Politische Ereignisse haben zuletzt immer wieder für Bewegung an den Börsen gesorgt. Allerdings hatten die Gewinne - wie meist in solchen Fällen - keine lange Halbwertzeit. Zu stark sind derzeit die Kräfte, die die Kurse nach unten drücken: Gewinnmitnahmen, Nervosität und vor allem die Sorge der Anleger um die Konjunktur. Experten sagen, die derzeit gehandelten Rezessionsszenarien seien in den momentanen Kursen längst eingepreist - jetzt sei nur noch die Frage, ob es dabei bleibt oder ob alles noch schlimmer kommt: Die Furcht vor einer Depression wie in den 30er Jahren gehe um auf dem Parkett, heißt es.

Zumindest für Deutschland wissen wir seit Donnerstag offiziell: Das Land steckt - rein technisch - bereits in der Rezession. Laut Statistischem Bundesamt ist die Wirtschaftsleistung im zweiten und dritten Quartal 2008 um jeweils etwa 0,5 Prozent geschrumpft.

Dennoch stellt sich die Frage: Was macht die Börse am Montag, nach dem sogenannten Weltfinanzgipfel? In Washington treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industriestaaten (G20), um über ein neues Weltfinanzsystem zu beraten. Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise ist klar, welche Risiken die globalisierten Märkte für das internationale Gemeinwohl bergen - jetzt wollen die Staaten gemeinsam nach Mitteln suchen, um diese Gefahren in den Griff zu bekommen. Seit Beginn der Misere ist das der nominell prominenteste Termin auf der politischen Agenda. Ein neuer Höhepunkt im Ringen mit der dunklen Seite des jahrelangen Aufschwungs.

Die Antwort scheint dennoch schon festzustehen: Viel wird der Gipfel an den Börsen kaum bewirken - jedenfalls nicht kurzfristig. Denn schon jetzt ist abzusehen, dass es in Washington kaum konkrete Ergebnisse geben wird.

Zwar haben die Europäer im Vorfeld halbwegs greifbare Vorschläge gemacht. Geht es nach ihnen, so wird der Internationale Währungsfonds (IWF) als Aufseher über das weltweite Finanzgeschehen gestärkt. Von einem Frühwarnsystem vor Krisen ist die Rede, von mehr Transparenz und davon, dass die Vergütung der Topmanager nicht mehr so sehr am kurzfristigen Erfolg orientiert sein soll. Ziel soll es sein, dass Finanzmärkte und -institute in aller Welt ebenso wie Hedgefonds und Ratingagenturen reguliert oder beaufsichtigt werden.

Der entscheidende Unterschied zu den 30er Jahren

Ziemlich weitreichende Eingriffe in die Märkte wären das - vielleicht zu weitreichend. Ist nicht ein gewisses Maß an Intransparenz und der Möglichkeit zu persönlicher Nutzenmaximierung erst die Voraussetzung für Dynamik, Marktwachstum und damit steigenden Wohlstand?

Es überrascht nicht, dass vor allem die USA dem Vorhaben bereits eine Absage erteilt haben - durch die diplomatische Blume, aber doch deutlich. Und das, obwohl das Übel der globalen Vertrauenskrise an der Wall Street seinen Anfang nahm. Je weiter die schlimmsten Turbulenzen (Ende der Investmentbanken, milliardenschweres Rettungspaket, Teilverstaatlichung von Banken) jedoch zurückliegen, desto mehr überwiegt bei den Amerikanern offenbar wieder die Liebe zum freien Spiel der Kräfte - trotz des eigenen mindestens 700 Milliarden Dollar schweren Hilfsprogramms.

Selbst die Hoffnung auf einen Kompromiss in Washington ist wohl trügerisch - mit dem scheidenden US-Präsidenten George W. Bush sitzt einfach der falsche Mann am Verhandlungstisch. Es bleibt bestenfalls die Aussicht auf einen Folgegipfel mit Barack Obama im Frühjahr 2009. Und schließlich: Der Gipfel zielt lediglich auf eine Verbesserung des internationalen Finanzsystems - die Weltkonjunktur steht in Washington zunächst mal gar nicht zur Debatte.

Ist das Treffen also aus Sicht der Aktionäre nicht mehr als eine Nullnummer für die Galerie? Nicht ganz. "Veranstaltungen wie diese zeigen, dass die Staatengemeinschaft erkannt hat, dass nur ein international gemeinsames Handeln die Auswirkungen der Krise und das Abgleiten in eine Depression verhindern kann", meint Andreas Hürkamp, Portfolioanalyst bei der Commerzbank . "Darin liegt ein entscheidender Unterschied zur Situation in den 30er Jahren, als die Länder isoliert versucht haben, die Probleme in den Griff zu bekommen." Laut Hürkamp kann das Treffen in Washington daher eine beruhigende Wirkung auf die Märkte haben - ob es nun konkrete Ergebnisse gibt oder nicht.

Was heißt das also für die Börse? Kurssprünge wie am 13. Oktober oder zur US-Wahl dürfte es am kommenden Montag kaum geben - jedenfalls nicht aufgrund der Resultate des G20-Treffens. Mittelfristig jedoch dürften sich die Bemühungen der Politiker auch auf die Aktienkurse auswirken - und zwar positiv.

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