US-Wahlen Das Rennen um die Investoren

Wer auch immer der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird, er findet einen Haufen Schulden vor und muss ihn vergrößern - durch die Ausgabe von Staatsanleihen. Dabei konkurriert er mit den Regierungsoberhäuptern auf dem alten Kontinent. Denn in der Krise brauchen alle Geld.
Von Grit Beecken

Hamburg - Würden Anleihen noch auf Papier gedruckt, so fielen in den kommenden Monaten festmeterweise Regenwaldbäume. Denn die USA brauchen jeden Monat rund 20 Milliarden US-Dollar Kredit, um ihre Staatsausgaben zu finanzieren. Tendenz steigend: "Die Steuereinnahmen sind stark rückläufig. Daher muss der neue Präsident dreistellige Milliardenbeträge aufnehmen", sagt Michael Mewes, Rentenchef bei J. P. Morgan Asset Management. "Der Rentenmarkt wird dafür großvolumig in Anspruch genommen werden".

Und zwar unabhängig vom Wahlsieger: "Für den Rentenmarkt macht es - zumindest kurzfristig - keinen Unterschied, wer die US-Wahl gewinnt", sagt Mewes. Die Finanzmarktprobleme überlagerten alles andere, sodass der Wahlausgang ökonomisch erstmal im Hintergrund stehe.

Auch der Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Michael Bräuninger, sagt: "Die Staatsverschuldung der USA steigt in jedem Fall - unabhängig davon, wer die Wahl gewinnt". Denn die Fiskalpolitik werde expansiv sein und die Verschuldung erhöhen. "Hinzu kommen eventuelle Zahlungen aus den Garantien, die den Banken gegeben wurden", sagt Bräuninger. Er erwarte eine Verschuldung im dreistelligen Milliardenbereich. Doch problemlos geht das nicht.

Kampf um die Anleger

Denn da auch die Europäer Staatsanleihen ausgeben werden, um der Rezession entgegenzuwirken und die kostspieligen Bankenrettungspakete finanzieren zu können, kämpfen der alte und der neue Kontinent um Anleger. Und das verkleinert den Markt für alle.

Genauer, die große Menge neuer Staatsanleihen verkleinert die Nachfrage institutioneller Investoren. "Der US-Anleihenmarkt dürfte nicht der Markt sein, den die Rentenanleger präferieren. Die werden sich eher nach Europa orientieren", sagt Mewes. Denn dort seien die höheren Renditen zu erwarten.

Berichten, europäische Anleihen würden auch deshalb vorgezogen, weil die Bonität der USA durch die steigende Staatsverschuldung leide, widersprechen die Experten: "In der Tendenz ist das AAA-Rating der USA nicht gefährdet", sagt Konjunkturexperte Bräuninger.

Fondsmanagerin Bettina Müller von der DWS liefert die Begründung: "Man muss sehen, dass andere Staaten ja auch Anleihen emittieren müssen. Würden sich nur die USA weiter verschulden, dann wäre es vermutlich problematischer".

Müller rechnet vor: "Vor der Krise hatten die USA ein Budgetdefizit von rund 2 Prozent, das dürfte in der kommenden Zeit auf 5 bis 6 Prozent steigen." Und mit ihm die Zahl der US-Staatsanleihen, ob kurz- oder langfristig. "Es wird in allen Laufzeitbereichen emittiert werden", sagt die Fondsmanagerin. Der Anfang wurde bereits mit sehr kurz laufenden Anleihen gemacht, sogenannten T-Bills.

Verschuldung langfristig abbauen

Jetzt aber könnten die USA Müllers Ansicht nach anfangen, sich auch längerfristig zu verschulden. Denn die Renditen bei den Staatsanleihen seien derzeit noch relativ niedrig. "Für die Zinsbelastung der Folgejahre wäre es daher lohnend, wenn die Refinanzierung längerfristig erfolgte", sagt Fondsmanagerin Müller.

Wie auch immer emittiert wird, ob langfristig oder kurzfristig: "Vor dem neuen Präsidenten liegen die Herausforderungen, das Vertrauen wiederherzustellen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, ohne die beiden kritischen Faktoren der Verschuldung und der Zinsen aus den Augen zu verlieren", sagt Paul Quinsee, Chief Investment Officer bei J. P. Morgan Asset Management.

Neben der hohen Staatsverschuldung sei es problematisch, dass die Zinsen, die traditionell zur Ankurbelung der Wirtschaft genutzt werden, bereits jetzt auf einem sehr niedrigen Niveau liegen.

Laut Quinsee lassen die Daten zu Einzelhandelsumsätzen, zur Industrieproduktion und zur weiteren Planung der Unternehmen befürchten, dass die US-Wirtschaft im vierten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 schrumpfen wird. Die Arbeitslosenquote, derzeit bei 6,1 Prozent, könnte dabei noch weiter steigen.

Trotz der bedrohlich klingenden Zahlen endet der US-Experte mit einem positiven Ausblick: Die Vereinigten Staaten hätten nach der großen Depression in den 30er Jahren bereits mindestens ein Dutzend weiterer Rezessionen ebenso wie massive Preiskorrekturen wie etwa in der Ölkrise gut verkraftet, sodass für das zweite Halbjahr 2009 schon wieder Wachstumshoffnungen berechtigt seien. Auch das dürfte unabhängig davon sein, wer der 44. Präsident der Vereinigten Staaten wird.

US-Wahlen: "2000 Dollar für jeden!"

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