VW-Spekulationen "Wir brauchen neue Spielregeln"

Das aberwitzige Auf und Ab der Volkswagen-Aktie bringt Anleger ins Grübeln, die auf den Dax setzen. Vor allem die immer beliebteren Indexfonds, die den Leitindex abbilden, sind dem Treiben hilflos ausgesetzt. Indexfondsmanager Alexander Mertz vom Anbieter iShares fordert, dass die Börse ihre Regeln ändert.

mm.de: Die Volkswagen-Aktie  schlägt seit Monaten Kapriolen. Als Indexfondsmanager müssen Sie vielen Anlegern die Dax-Aktien ins Portfolio legen - egal in welche astronomischen Höhen sie aufgrund von Spekulationen abheben. Wie sehr schmerzt das?

Mertz: Das ist so, aber wir versprechen den Dax  eins zu eins nachzubilden. Unsere Anleger wissen, worauf sie sich einlassen, und wir halten unser Versprechen. Ob ein Titel vermeintlich teuer oder billig ist, ist für ETFs zweitrangig. Denn der Indexfonds bildet den Kursanstieg eins zu eins ab, und davon haben viele Anleger auch profitiert. In jedem Fall stehen Indexfonds für Transparenz.

mm.de: Von Transparenz kann bei der VW-Aktie derzeit kaum die Rede sein.

Mertz: Was bei VW passiert, ist sicher einmalig und ein weiteres Zeichen dafür, dass wir in einer besonderen Zeit leben. Da ist die Finanzkrise auf der einen Seite, und da sind die Verwerfungen in einzelnen Branchen auf der anderen Seite. Dazu ist der Markt sehr angespannt und volatil.

Viele Marktteilnehmer wie beispielsweise Hedgefondsmanager sind völlig auf dem falschen Fuß erwischt worden. Leerverkäufer waren der Meinung, dass die VW-Aktie im Branchenvergleich relativ teuer ist. Nun haben viele gesehen, dass der Kurs weiter steigt, und sie mussten sich um jeden Preis eindecken.

mm.de: Das gilt auch für Sie.

Mertz: Nur bei neu angelegtem Geld. Im Bestand ergibt sich die Neugewichtung durch die Kursschwankungen von allein.

mm.de: Wie viele VW-Aktien haben Sie denn gestern zum Schlusskurs von 945 Euro gekauft?

Mertz: Für den Dax-ETF keine einzige, weil wir in diesem Produkt gestern keine Mittelzuflüsse verzeichnet haben.

"Dax muss den deutschen Aktienmarkt tatsächlich nachbilden"

mm.de: Die Anleger sind also vorsichtig. Aber viele Indexfonds-Sparer investieren seit Monaten indirekt in überteuerte VW-Aktien.

Mertz: Ich möchte nicht beurteilen, ob die VW-Aktie tatsächlich zu teuer ist. Sicher ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis inzwischen in exorbitante Höhen geschnellt, aber wir unterscheiden uns eben von aktiv gemanagten Fonds, dass wir das nicht bewerten. Sicher waren viele aktive Portfoliomanager schon bei einem Kurs von 200 Euro der Meinung, dass die Aktie überbewertet war. Die haben dann diese Rallye auf 1000 Euro aber nicht mitgemacht.

mm.de: Trotzdem: Die Verlässlichkeit des Index scheint verloren zu gehen, wenn ein Wert wegen Spekulationen auf einmal mit mehr als einem Viertel in Gewicht fällt. Was muss sich ändern, damit so etwas nicht wieder passiert?

Mertz: So wie in anderen Bereichen über Änderungen der Spielregeln nachgedacht wird, sollte man das hier auch tun. Das ist in erster Linie Aufgabe der Indexanbieter. Wir werden das deshalb mit denen diskutieren. Transparenz ist für die Anleger und für uns wichtig. Wer den Dax kauft, hat die Erwartung, den deutschen Aktienmarkt breit und ausgewogen nachzubilden. Die Indexregeln müssen das gewährleisten.

mm.de: Nun wollen Indexanbieter wie die Deutsche Börse das Gewicht von VW beschränken. Wie reagieren Sie darauf?

Mertz: Wir müssen natürlich Anpassungen in den Portfolios vornehmen. Im Dax greift die Änderung ja erst am Montag, wir haben also ein paar Tage Zeit und sehen das ganz gelassen.

mm.de: Verschärfen Indexfondsanbieter dann einen Absturz der VW-Aktie?

Mertz: Sicher nicht mehr als aktiv gemanagte Fonds, die ganz andere Volumina bewegen als wir. Die orientieren sich ebenfalls sehr stark an den Indizes wie dem Dax.

mm.de: Welche Folgen hat es für Sie und die Anleger, wenn Volkswagen plötzlich ganz aus dem Index herausfliegen sollte?

Mertz: Auch dann müssten wir unser Dax-Portfolio an die neuen Gewichtungen anpassen und natürlich einen eventuellen Nachfolger aufnehmen. Aber das ist momentan noch Zukunftsmusik.

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