Kommentar Volkswagen - eine Zeitbombe für Anleger

Die Deutsche Börse kappt das Gewicht von VW im Dax und trifft damit eine späte, aber richtige Entscheidung. Denn das Kursfeuerwerk von Volkswagen war kein Grund zur Freude, sondern ein Risiko für den Dax und alle Anleger, die in den Index investieren. Auch Porsche zeigt Einsicht und hilft, Luft aus der VW-Blase abzulassen.

Um rund 11 Prozent hatte die VW-Aktie den Deutschen Leitindex Dax am Dienstag ins Plus gezogen. Während Kurse weltweit einbrachen, verfünffachte VW binnen zwei Tagen seinen Börsenwert und entwickelte sich zeitweise zum teuersten Unternehmen der Welt. Schön, eine solche Aktie im Index zu haben?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Kursexplosion der VW-Aktie hat dem Dax zwar kurzfristig Gewinne beschert, ihm aber gleichzeitig die Glaubwürdigkeit geraubt.

Der Index, der eigentlich die Entwicklung der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen abbilden soll, mutierte in den vergangenen Handelstagen immer mehr zum VW-Index: Am Dienstag Abend hatte die Stammaktie des Wolfsburger Autobauers bereits 27 Prozent Gewicht und stellte den Dax kurzerhand auf den Kopf.

"Fast Exit" per Notoperation verhindert

Die Einsicht des Indexbetreibers Deutsche Börse, diesem Spuk ein Ende zu bereiten, kam spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Ab Montag soll der VW-Anteil im Dax  wieder auf die Obergrenze von 10 Prozent gedrückt werden. Auch der europäische Indexbetreiber Stoxx hat die Gewichtung von VW in seinen Indizes verringert.

Damit die Notoperation gelingt, muss auch ein weiterer wichtiger Spieler mitziehen: VW-Großaktionär Porsche  hat am heutigen Mittwoch mitgeteilt, dass der Konzern Volkswagen-Stammaktien auf den Markt bringen werde, um den Anteil frei handelbarer VW-Aktien wieder zu erhöhen.

Dies ist unbedingt notwendig. Denn wenn der VW-Freefloat im Dax unter die 5-Prozent-Marke fallen sollte, muss VW per "Fast Exit" binnen zwei Tagen aus dem Index ausgeschlossen werden. Es ist ein Alptraum jedes Fondsmanagers, wenn eine heillos überbewertete Aktie binnen kurzer Frist aus einem Leitindex herausfallen sollte: Eine riesige Verkaufswelle, nicht nur durch Verkäufe von Indexfonds, wäre die Folge.

Diese Gefahr ist dank der Ankündigung von Porsche zunächst gebannt. VW behält zunächst seinen Platz im Dax. Der Sportwagenbauer hat geschickt gepokert, angesichts der aufziehenden Gefahren aber ebenfalls Einsicht gezeigt.

Ein Chip, keine Aktie

Schief gegangene Wetten von Hedgefonds sowie eine Verknappung des Angebots der frei handelbaren Aktien haben den Kurs der VW-Stämme in absurde Höhe getrieben. Die wenigen frei handelbaren VW-Stammaktien sind im Grunde keine "Aktien" mehr, die einen Anteil am Unternehmenswert darstellen. Sie sind zu Chips in einem Casino geworden, in dem VW-Großaktionär Porsche, Banken und Hedgefonds miteinander gepokert haben.

Das Interesse von Porsche , möglichst bald möglichst viele VW-Aktien einzusammeln, ist legitim. Doch dabei hat der Sportwagenbauer zum Teil mit verdeckten Karten gespielt und Indexbetreiber wie Stoxx oder die Deutsche Börse auf diese Weise in ein Dilemma gestürzt. Indem sich Porsche teilweise über Optionsgeschäfte an VW anschlich (ein Verfahren, das später auch Schaeffler bei Continental  erfolgreich kopierte), schuf der Sportwagenbauer an den Börsen eine Lücke zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Porsche hatte sich über Optionen Zugriff auf 31,5 Prozent der VW-Aktien gesichert, die damit offiziell zwar noch zu den frei handelbaren Aktien zählen, faktisch aber eben nicht mehr frei handelbar sind. Während das Angebot immer knapper wurde und die Kursschwankungen damit immer extremer, ging die Deutsche Börse von einem offiziellen Freefloat von rund 40 Prozent aus - eine Fiktion.

Diese Lücke zwischen Fiktion und Wirklichkeit birgt enorme Risiken für den Aktionär: Nicht nur für den VW-Aktionär, sondern auch für jeden Anleger, der über Sparpläne oder Indexfonds in den Dax investiert.

Jeder Anleger, der dieser Tage in einen ganz normalen Dax-Indexfonds kauft, erwirbt darüber auch einen VW-Anteil - zu Mondpreisen von derzeit rund 700 Euro pro Aktie. Ebenso machen Privatanleger, die über Sparpläne kontinuierlich in den Dax investieren, Monat für Monat die abenteuerlichen Preissteigerungen bei VW mit.

Dabei ist der Absturz der VW-Stammaktie nur eine Frage der Zeit. Spätestens, wenn Hedgefonds ihre Positionen geschlossen haben, besteht kein Grund mehr, die Aktie zu den aktuellen Preisen zu kaufen.

Die Deutsche Börse und Porsche haben wichtige Schritte unternommen, dem Wahnsinn möglichst bald ein Ende zu bereiten und möglichst marktschonend die Luft aus der VW-Stammaktie herauszulassen. Es ist ein später Schritt, um die Glaubwürdigkeit des Dax zu retten und zahlreiche Anleger vor Schaden zu bewahren.

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