Banken "Kernkapitalquoten sind viel zu niedrig"

Die Postbank will die Krise allein meistern. Das Thema Staatshilfe ist damit noch nicht vom Tisch, warnt Analyst Konrad Becker. Der Experte fordert nicht nur härtere Eigenkapitalvorschriften für deutsche Institute. Unter bestimmten Bedingungen sollte die Regierung die Banken auch zur Teilnahme am Rettungsfonds zwingen.

mm.de: Herr Becker, die Postbank  muss ihrem Lehman-Engagement erheblich Tribut zollen. Sie schreibt rote Zahlen, kassiert die Jahresprognose und will ihr Kapital um rund eine Milliarde Euro erhöhen. Die Aktie verliert in der Spitze 22 Prozent. Sind die Nachrichten wirklich so überraschend, so schockierend?

Becker: Der Markt spekuliert schon lange über eine Kapitalerhöhung der Postbank und hat sie im Grunde auch erwartet. Denn bereits Ende Juni betrug die Kernkapitalquote 6,3 Prozent, Ende September waren es nach Angaben der Bank 5,5 Prozent. Das ist schon ein relativ gefährlich niedriger Wert. Die Kapitalerhöhung darf also niemanden wirklich verwundern. Mich überrascht vielmehr, dass die Aktie jetzt trotzdem so stark einbricht.

mm.de: Und das, obwohl der Mutterkonzern Deutsche Post  die Kapitalerhöhung bei einem Bezugspreis von 18,25 Euro vollumfänglich garantiert. Warum also diese panikartige Reaktion?

Becker: Jede Kapitalerhöhung verwässert selbstverständlich den Gewinn je Aktie. Wer mit einer Kapitalerhöhung rechnete, wusste das. Was die Investoren heute wohl wirklich vergrätzt, ist die Nachricht, dass der Konzern die Dividende streichen wird. Und dann hat das natürlich auch viel mit Stimmung zu tun. Zurecht galt und gilt die Postbank unter den deutschen Banken als ein krisenfestes Institut, weil sie sich über ihren großen Kundenstamm und deren Einlagen vergleichsweise leichter refinanzieren kann als die Mitbewerber. Jetzt realisieren die Investoren, dass die Postbank über ihre Lehman- und andere Engagements eben doch verwundbar ist.

mm.de: Rechnen Sie mit ähnlichen Hiobsbotschaften zum dritten Quartal von weiteren deutschen Banken?

Becker: Ich denke, dass sich nach dem Lehman-Kollaps die Situation im dritten Quartal erheblich zugespitzt hat. Zum einen sind die Kurse drastisch gefallen, zum anderen gibt es direkte Verluste aus möglichen Engagements bei Lehman Brothers, die die Banken verkraften müssen. Von daher nehme ich an, dass wir von weiteren Banken zumindest eine Kapitalerhöhung sehen.

mm.de: Die jüngsten Nachrichten zur Postbank  werden die Diskussion über das Rettungspaket der Bundesregierung wieder anheizen. Bislang haben hier lediglich Landesbanken Bedarf signalisiert, Geschäftsbanken wollen dies offenbar nicht. Ihre Kapitalausstattung scheint sich aber deutlich zu verschlechtern. Sollte man deutsche Banken zur Teilnahme am Rettungspaket zwingen, wie dies ähnlich in den USA und England der Fall ist?

Becker: Die Postbank will mit dem jetzt angekündigten Schritt signalisieren, man kann auch anders, man ist nicht auf Staatshilfen angewiesen ist. Das heißt ja nicht zwingend, dass die Bank in wenigen Monaten vielleicht doch unter den von der Bundesregierung aufgespannten Rettungsschirm schlüpft, sollte sich die Krise noch erheblich verschärfen. Dann dürfte die jetzt angestrebte Kernkapitalquote von 6,9 Prozent nach der Kapitalerhöhung wohl auch nicht mehr ausreichen, zumal die Bank im kommenden Jahr vermutlich ebenfalls Kapital verbrennen könnte.

"Klar definierte Kapitalausstattung den Banken vorschreiben"

mm.de: Jeder weiß, wie wichtig die gute Kapitalausstattung einer Bank für deren Kreditvergabe ist und wie wichtig Kredite für die Wirtschaft sind. Darum nochmals nachgehakt: Sollte man den deutschen Instituten vorschreiben, unter den aufgespannten Rettungsschirm zu schlüpfen?

Becker: Ich denke, vor diesem Schritt sollten wir es zunächst mit deutlich schärferen Eigenkapitalvorschriften versuchen. Meiner Meinung nach ist es angezeigt, über Erlasse der Finanzaufsicht BaFin von den Banken zu verlangen, ihr Eigenkapital auf ein allgemein verbindliches Niveau zu erhöhen, um mögliche Verluste eben abfedern zu können. Wie sich die Banken dieses Kapital beschaffen, sollte ihre Sache bleiben. Wenn sie in der Lage sind, sich das Geld am Kapitalmarkt zu beschaffen - bitte, um so besser. Es handelt sich doch um private Unternehmen …

mm.de: … die nun 'mal in ihrer Funktion als Bank auch eine volkswirtschaftliche Verantwortung tragen. Demnach stimmen Sie also gegen eine Zwangsrekrutierung der Banken unter den staatlichen Rettungsschirm?

Becker: Moment, nicht so schnell. Ich denke, wenn es den Banken innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nicht gelingt, den Kapitalmarkt anzuzapfen oder nur zu Bedingungen, die ihnen extrem unattraktiv erscheinen - dann sollten sie dazu gezwungen werden, ihre Kapitalstruktur über den Staatsfonds zu verbessern, um eben eine bestimmte Kernkapitalquote zu erreichen. Dieses Ziel einer klar definierten Kapitalausstattung sollten wir den Banken vorschreiben. Nicht aber, wie sie dieses Ziel erreichen.

mm.de: Noch schreiben Gesetze die genaue Höhe der Kernkapitalquote einer Bank nicht vor. Welche Quote halten Sie für angemessen?

Becker: Eine Kernkaptialquote zwischen 5 und 6 Prozent der risikogewichteten Aktiva halte ich in der gegenwärtig angespannten Lage der Finanzmärkte für viel zu niedrig. Diese Quote sollte man deutlich erhöhen - eher auf 10 denn auf 8 Prozent. Denn die Banken brauchen einen großen Eigenkapitalpuffer, um weitere Belastungen aus der Finanzkrise abfedern zu können. Erfolg wird man mit diesem Vorhaben indes nur haben, wenn die Bundesregierung das Kreditwesengesetz entsprechend verschärft. Über Basel II hat die Regierung in diesem Punkt keinen direkten Durchgriff auf die Banken.

mm.de: Wäre eine klar bezifferte Quote für deutsche Banken auch deshalb angezeigt, eben weil im Ausland die Regierungen jetzt bestimmte Quoten ihren Banken vorschreiben? Anders formuliert: Könnten im Zuge dieser Entwicklung deutsche Banken nicht das Nachsehen haben?

Becker: Noch sehe ich nicht, dass deutsche Institute im internationalen Wettbewerb zurückgeworfen sind, weil sich im Ausland die Vorschriften zur Eigenkapitalausstattung vereinzelt verschärfen. Sollten aber zweistellige Kernkapitalquoten international die Regel werden, dann könnten deutsche Institute - wahrscheinlich mit Ausnahme der Deutschen Bank - Probleme bekommen.

mm.de: An welche Probleme denken Sie?

Becker: Die Refinanzierungskosten dieser Institute dürften empfindlich steigen. Zudem könnten ausländische Banken deutsche Institute als riskanter einstufen und werden dann bei Geschäften mit ihnen auch höhere Abschläge verlangen. Am langen Ende könnte also kann eine vergleichweise schlechtere Kapitalausstattung der deutschen Banken in der Tat zu einem Wettbewerbsnachteil führen.

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