Kursverfall "Die Frage ist, wer die Aktien kauft"

Nach den Kursstürzen der Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkten fließt nur ein Teil der Gelder in Anleihen. Dort stiegen die Kurse. Offen bleibt die Frage, wo der Rest des Kapitals geblieben ist. Und wer zu den aktuell niedrigen Kursen überhaupt noch verkauft.
Von Grit Beecken

Hamburg - Am Freitag, so schien es, brachen an den Börsen die bereits angeknacksten Dämme. Misstrauen und Angst fluteten die Handelsräume, die Kurse fielen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) schloss mit rund 5 Prozent im Minus bei 4295 Punkten und damit so tief wie seit gut drei Jahren nicht mehr. Keine Aktie konnte sich ins Plus retten. Auch am Montag setzten die Börsen ihren Kurssturz zunächst fort.

Die sinkenden Kurse begründen Analysten und Börsianer mehrheitlich mit Rezessionsängsten - insbesondere, nachdem Unternehmen in der vergangenen Woche vorwiegend schlechte Quartalszahlen meldeten.

Die Ängste scheinen jedoch nur die Verkäufer zu beunruhigen - die Käufer lässt sie kalt. Und es gibt sie noch, die Käufer. Anders wäre die Preisbildung an der Börse nicht möglich.

"Die Frage ist, wer die Aktien kauft", sagt Ralf Umlauf, Leiter des Floorresearch der Hessischen Landesbank (Helaba). Die Banken dürften es derzeit wohl nicht sein, vermutet der Martkstratege. Privatanleger? Vom Parkett gespült. Wer es ist, bleibt im Dunkeln. Denn bis auf wenige Fondsmanager, die berichten, die derzeitigen Kurse seien Einstiegspreise, äußern sich nur wenige Investoren.

Jonas Jung aus dem Credit Research der Landesbank Baden-Württemberg vermutet daher, große Teile des Geldes könnten unverzinst in den Büchern der Banken und anderer institutioneller Anleger liegen. Denn einander leihen die Banken nahezu kein Geld und die Summe der bei der Europäischen Zentralbank (EZB) geparkten Gelder ist nicht weiter gestiegen. Ende der vergangenen Woche war sie sogar leicht rückläufig. Die Banken der Euro-Zone parkten per Sonntagabend 202,6 Milliarden Euro über Nacht bei der EZB - die Summe liegt immer noch nah beim Rekord von 239,6 Milliarden Euro.

Doch auch wenn unklar bleibt, wer die Käufer sind, über die Motive zumindest eines Teils der Verkäufer besteht Einigkeit: Viele Marktakteure können Verpflichtungen nur noch über den Verkauf von Aktien finanzieren. Ein Beispiel: Aufgrund des hohen Yen werden die Zinszahlungen für Kredite in japanischer Währung teuer - zumindest dann, wenn der Kreditnehmer nicht in Japan sitzt.

Schuldner verkaufen, was immer sie haben

Von denen gibt es nicht eben wenig. Beispiel Japan: Das Geschäft mit sogenannten Carrytrades kam in Mode, als der Yen günstig und die Leitzinsen in Japan niedrig waren. Die Idee: Ein Investor verschuldet sich also in Yen und legte das aufgenommene Geld in riskanteren Anlageklassen an, beispielsweise Rohstoffen. Jetzt ist der Yen teuer, die Kredite müssen dennoch getilgt werden. Wer seinen Kreditvertrag auflösen möchte, der kann das in der Regel nur gegen ein Vorzeitigkeitsentgelt tun. Daher verkaufen die Schuldner, was sie haben. Auch die Aktien von Unternehmen, die im Grunde vergleichsweise gut dastehen.

Daher könnten die Kursverfälle vom vergangenen Freitag neben den Rezessionsängste in Folge schlechter Quartalszahlen auch mit der schlichten Notwendigkeit begründet werden, dass Schuldner Geld brauchen, sagen Experten.

Und noch ein weiterer Punkt verdient Augenmerk: Der Kurssturz am Freitag wurde durch den Umschlag von 286 Millionen Aktien verursacht. Das sind zwar 30 Millionen mehr als der Durchschnitt der vergangenen zwei Wochen, aber noch nicht außergewöhnlich viele. Die Spitzenwerte lagen in dieser Zeitspanne bei 325 Millionen Aktien.

"Meiner Meinung nach wird das Handelsvolumen meist unterschätzt. Man kann am Handelsvolumen sehr schön ablesen, ob eine aktuelle Bewegung im Markt von entsprechender Liquidität getragen wurde oder ob es sich eher um eine unterrepräsentative Entwicklung handelt", sagt Helaba-Aktienstratege Marko Pillep. Zwar stellen 286 Millionen Aktien keine unterrepräsentative Bewegung dar, von bemerkenswert hohen Volumina geht Pillep jedoch erst von 350 Millionen Aktien pro Tag an aus.

Dennoch: Für die Mehrzahl der Börsianer ist der Indexstand Maß aller Dinge. Seit Beginn des Jahres hat der Dax 46,8 Prozent seiner Zähler verloren. Die Marktkapitalisierung der 30 Daxkonzerne ist um 500 Milliarden Euro gefallen - zufällig entspricht das genau dem Volumen des Maßnahmenpakets, mit dem der Bund die Banken retten will.

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