Lehman-Opfer "Es muss den Banken jetzt wehtun"

Immer mehr Opfer der Lehman-Pleite kommen aus der Deckung. Allein in Hamburg haben etwa 10.000 Sparer inzwischen wertlose Zertifikate der US-Bank gekauft. Die Verzweifelten sprechen sich Mut zu und attackieren deutsche Banken, die sie beraten haben. Die Geldhäuser kämpfen gegen ein beispielloses Imagedebakel.

Hamburg - Markus B. (Name geändert) sieht eigentlich nicht so aus, als lasse er sich von einem Finanzberater mal eben über den Tisch ziehen. Dunkler Anzug, zurückgegeltes braunes Haar, randlose Brille - der 46-jährige Familienvater kommt gerade von seinem Job bei einer Versicherung zum Treffen der Lehman-Opfer in der Verbraucherzentrale Hamburg. Er ist einer, der die Branche kennt. Trotzdem sagt er jetzt: "Wenn ich mein Geld nicht zurückbekomme, klage ich."

Es melden sich immer mehr. Allein in Hamburg haben 10.000 Anleger in Zertifikate der US-Pleitebank Lehman Brothers  investiert, schätzt Verbraucherzentralen-Geschäftführer Günter Hörmann. Betroffen sind unter anderem Kunden der Hamburger Sparkasse, der Dresdner Bank und der Citibank.

Eine aktuelle Zahl für ganz Deutschland gibt es derzeit nicht, aber es liegt anhand der Hamburger Fälle nahe, dass die Lehman-Pleite bereits eine weit höhere Zahl von Sparern als bisher angenommen direkt betrifft und möglicherweise Geldanlagen in Milliardenhöhe gefährdet. Zuletzt war von 12.000 Geschädigten bundesweit die Rede gewesen.

Knapp 40 Männer und Frauen zwischen 30 und 80 Jahren zwängen sich in den fensterlosen Kellerraum der Hamburger Verbraucherzentrale. Der eine im lila Pulli und mit blond gefärbten Haaren, eine andere mit weißer Dauerwelle und übergroßem Brillengestell, die Nächste im Businesskostüm, mit rotem Lippenstift und Hochsteckfrisur. Die Klimaanlage surrt auf vollen Touren, trotzdem ist die Luft nicht lange frisch. Markus B. sucht sich einen Platz auf einem Platz links außen, damit ihn die Kameras der Fernsehsender nicht erwischen.

Etwas unangenehm ist es ihm schon, dass er jetzt um seine 10.000 Euro kämpfen muss, die er wie knapp 4000 andere Sparer bei der Hamburger Sparkasse in Lehman-Zertifikate investiert hatte. "Wir haben das Geld dafür seit Langem angelegt, es ist so etwas wie unser Sparstrumpf", sagt der Hamburger. "Das Geld sollte meine 18-jährige Tochter bekommen." Fürs Studium war es vorgesehen. Zuvor wollte die Tochter eigentlich eine Ausbildung machen - ausgerechnet bei einer Bank. Jetzt überlegt sie sich das noch einmal.

Sparen, nicht spekulieren wollten die meisten hier. Für die Altersvorsorge, wie eine 64-Jährige mit hennarotem Schopf und grüner Stola betont. Sie hat 25.000 Euro angelegt. "Ich weiß ja nicht, ob ich mal ins Heim muss." Oder auf das neue Auto, wie ein Mann mit Vollbart angibt.

Vertrauen in die Banken schwindet

Vertrauen in die Banken schwindet

Ist das Geld nun weg? Edda Castello erhebt sich auf dem Podium. "Wir sehen gute Chancen, dass bei den Banken mehr herauszuholen ist, als sie derzeit bieten", sagt die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale. Vereinzelt hat es schon Vergleichsangebote gegeben, bestätigt die Hamburger Sparkasse.

Sie und andere Geldinstitute spüren genau: Von ihrem Verhalten in dieser Situation hängt ab, ob die Kunden künftig überhaupt noch auf die Tipps der Berater hören. Eine Studie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat ergeben, dass schon jetzt 70 Prozent der Bürger "wenig oder kein Vertrauen" haben. "Vertrauen ist das völlig falsche Gefühl, das Sie einer Bank entgegenbringen müssen", sagt Verbraucherschützerin Gabriele Schmitz und trifft damit den Nerv der verunsicherten Anleger.

Die fühlen sich komplett in die Irre geführt. "Protect Express" hießen die Lehman-Produkte. Das Risiko, dass ihr Geld bei einer Pleite von Lehman komplett weg ist, sei ihnen nicht bewusst gewesen, sagen fast alle im Keller der Verbraucherzentrale. Dabei dürften die meisten zumindest einen kryptischen Satz im Kleingedruckten unterschrieben haben, der genau das besagt: Wenn der Emittent ausfällt, ist das Kapital futsch.

Trotzdem dürfte die Gesamtberatung in vielen Fällen fehlerhaft gewesen sein, argumentieren Verbraucherschützer. "Wer nicht gezielt nach einem Zertifikat gefragt hat, hat gute Chancen sein Geld zurückzubekommen", sagt Anwalt Ulrich Husack. Anwälte wie Husack bekommen nun gut zu tun. Da Sammelklagen in Deutschland nicht möglich sind, muss jeder Fall einzeln vor Gericht entschieden werden. Aber Verbraucherschützer setzen auf Vergleiche.

Familienvater Markus B. klagt, der Sparkassen-Berater habe seine Bedenken beiseite gewischt. Eigentlich wollte er das Geld gar nicht neu anlegen, als der Bankmitarbeiter ihn wegen einer "Depotabstimmung" anrief. Trotzdem vereinbarte B. einen Termin. "Wir haben dann gesagt, wir wollen 100-prozentige Kapitalsicherheit." Sein Berater habe ihn nicht darauf hingewiesen, dass diese nicht gewährleistet ist, wenn Lehman ausfällt.

"Zertifikate waren ein konservatives Produkt"

"Zertifikate waren ein konservatives Produkt"

"Die Zertifikate waren wegen der Kapitalgarantie damals ein konservatives Produkt", sagt eine Haspa-Sprecherin gegenüber manager-magazin.de. Niemand habe ahnen können, dass Lehman Brothers einmal ausfällt. Nun werde die Sparkasse die Beratungsvorgänge einzeln prüfen und die Sache gegebenenfalls "in Ordnung bringen".

Andere Banken zeigen sich zugeknöpfter. Die Frankfurter Sparkasse lehnte im ersten Prozess von Lehman-Opfern am Freitag in Frankfurt einen Vergleich ab. Und manche Privatbank beharrt darauf, in allen Fällen voll im Recht zu sein. Das Risiko sei ja zumindest immer irgendwo im Vertrag fixiert gewesen.

"Es muss den Banken jetzt wehtun", heizt Schmitz den versammelten Anlegern ein. "Die müssen auslöffeln, was sie Ihnen eingebrockt haben." Solche Sätze tun den Sparern gut. Heute wird ihnen Mut gemacht. Manchmal lachen sie auch, so als Anwalt Husack erzählt, die Hamburger Sparkasse habe ihm seinen Baukredit noch nicht gekündigt, obwohl er beruflich ständig mit ihr im Clinch liege.

Viele der Hamburger Anleger hatten zuletzt schlecht geschlafen, nun kommt so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl auf. "Vielleicht sollten wir Kleingruppen bilden mit denen, die denselben Berater hatten", schlägt ein älterer Mann mit hellblauer Radfahrerkappe vor. In der Pause tauschen sich die Betroffenen kopfschüttelnd aus. Das hilft.

Die Hamburger Verbraucherzentrale kommt mit dem Ansturm kaum noch zurecht. Einen Termin nach dem anderen setzt sie an - manche sind schon ausgebucht, bevor das Datum feststeht. Für die kommenden Veranstaltungen hat sie bereits einen Saal für 300 Zuhörer gebucht. Auch im Rheinland, in Frankfurt und weiteren Bundesländern tun sich Anleger zusammen.

Angesichts der Welle der Empörung wird immer deutlicher, dass sich Lehman auch für die deutschen Banken und Sparkassen zum Imagedesaster entwickeln könnte. Zertifikate, eines ihrer Boom-Produkte der vergangenen Jahre will unter diesen Umständen kaum noch jemand haben. Die Hamburger Sparkasse hat den Kurs schon gewechselt und eine neue Werbekampagne gestartet - für das altbekannte knallrote Sparbuch.

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